Nicolas Ritter: One

zurück zur Übersicht

Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main, 2013

open-output.org/NicolasRitter


Die fotografische Arbeit „One“ imitiert durch einen technischen Kniff die Art und Weise, wie unser Auge Menschenmengen wahrnimmt: Unsere Aufmerksamkeit richtet sich auf kleine, überschaubare GIF-Animationen, die im Gegensatz zu den übrigen, statischen Szenen der Fotografien als einzige bewegt sind. Die Fotos wurden an belebten Orten in London aufgenommen und sollen daran erinnern, dass jedes Individuum innerhalb der Menge seine eigene komplexe Geschichte und Identität besitzt.




„Was ich an den sehr schönen Fotografien am meisten mag, ist der kleine Trick, den sie beinhalten ... eine Überraschung für das Auge. Unser Gehirn ist auf die schnelle Einschätzung unserer Umgebung ausgerichtet, damit wir wissen, ob wir einem Reiz Beachtung schenken oder ihn ignorieren sollen. Dieses Projekt spielt mit diesem Phänomen. Auf den ersten Blick scheinen die Bilder statisch zu sein, dann nimmt man eine kleine Bewegung darin wahr und unser Gehirn wechselt in den Aufmerksamkeitsmodus. Vielleicht nicht tiefgründig, aber charmant.“ John Bielenberg

 

1. Mit welcher Technik imitierst du in deiner Arbeit die Wahrnehmung des menschlichen Auges?

 

Bei meinem Projekt „One“ geht es darum zu beobachten. Jeder kennt die Situation, man ist in der Stadt an einem belebten Platz und hunderte Leute strömen an einem vorbei. Man kann die vielen Menschen in der reizüberfluteten urbanen Umwelt als Masse wahrnehmen – als eine Art bunten Ameisenhaufen. Oder aber man beginnt einzelne Individuen genauer zu beobachten und sich vorzustellen, dass jeder dieser vielen Menschen ein ebenso komplexes und einzigartiges Wesen ist. Jeder hat seine eigene kleine Geschichte zu erzählen. One zieht die Aufmerksamkeit des Betrachters auf eine Einzelperson innerhalb einer Menschenansammlung. Die Mikroszenen, die man dabei im Gesamtkontext entdeckt, sind zwar banal und scheinen für die anderen Menschen, die im Bild auftauchen und für den Betrachter ohne große Bedeutung. Dennoch taucht man plötzlich in die Szene ein und schaut sich diese eine Person nun ganz genau an.

 

2. Welche Erkenntnis möchtest du beim Betrachter durch dein Projekt auslösen?

 

Ich tue mich etwas schwer mit dem Begriff „Erkenntnis“ in der Frage. Es ist nicht so, dass ich mit der Serie unbedingt eine bestimmte Botschaft transportiert wissen möchte. Es ist eher eine gewollte Irritation des Betrachters, der in der durch die subtilen Bewegungen in den eingefrorenen Bildern in seiner freien Beobachtung des Bildes korrumpiert wird. Die erzwungene Fokussierung der Aufmerksamkeit des Betrachters auf eine zunächst belanglose Handlung ist das, was zum Nachdenken anregen soll. Die Serie soll auffordern, die Menschenmenge plötzlich nicht mehr nur als Menschenmenge anzusehen, sondern die einzelnen Personen unter die Lupe zu nehmen.

 

3. Gibt es Parallelen zwischen deinen Fotografien und filmischen Szenen, die das Auge ähnlich lenken und bestimmte Ausschnitte eines großen Gesamtbildes in den Fokus rücken?

 

Es gibt mit Sicherheit diverse Beispiele für Filmszenen, die mit dieser Technik spielen. Allerdings ist der Effekt eben doch ein anderer. Im Film wird dadurch ja normalerweise die Handlung und Wahrnehmung des Hauptakteuers mit besonderer Bedeutung versehen. Die Zeitlichkeit eines Moments wird dadurch aufgeladen. Ich denke da gerade an Szenen, wenn im Film zum Beispiel die Zeit stehen zu bleiben scheint, als der Protagonist die Liebe seines Lebens erblickt. Allerdings fallen mir zumindest auf Anhieb keine filmischen Zitate ein, wo bewusst die Beiläufigkeit eines Ereignisses durch diese Technik hervorgehoben würde.


Shop

NÂș 273
Designing Protest

form Design Magazine


Grid one form273 cover 1200 Jetzt bestellen