28. Oktober 2019

News

Nachruf Ingo Maurer (1932–2019)

Text: Jörg Stürzebecher

Als sein Erstlingswerk auf den Markt kam, war er bereits 34 Jahre alt, der am 21. Oktober verstorbene Leuchtendesigner Ingo Maurer.



 

Doch was der gelernte Schriftsetzer und praktizierende Gebrauchsgrafiker da präsentierte, war nicht nur erfrischend, sondern traf den Zeitgeist genau. Die Leuchte Bulb, 1966 vorgestellt, war ein Lichtobjekt in Form einer überdimensionierten Glühbirne, in der sich eine normale Glühbirne zwecks Erhellung verbarg; das wohl beste Pop-Design-Objekt bundesdeutscher Provenienz rezipiert die Maßstabsveränderung der Pop-Art etwa bei Claes Oldenburg und und ist auf Augenhöhe mit der ähnlichen Herangehensweise etwa beim im gleichen Jahr entworfenen Rasenstück Pratone der italienischen Gruppo Strum. Bulb wurde schnell Liebling in Interieurs und bei Kopisten, eine Leuchte, die die kalte Sachlichkeit der reinen Lichtquelle aufnahm und in einen hintersinnigen und fröhlichen Gegenstand verwandelte, aus der Sache wurde das Schätzchen. Damit stand Maurer quer zum deutschen Design der Zeit, Bulb war nicht eckig, grau und rational, forderte keinen genau definierten Standort, sondern war ein Gegenstand für überall.

Das Lokalkolorit spielte dabei eine Rolle, nicht zufällig entstand Bulb in München-Schwabing. Verdrängt waren die brutalen Schwabinger Krawalle 1962, im englischen Garten fielen weibliche Kleidungsstücke, Gammler verkauften Schmuck und rauchten Verbotenes, von jenseits der Alpen grüßte das farben- und formenfrohe italienische Design, die olympischen Spiele und die neuen Lebensformen im Schwabylon standen bevor. Mittendrin Maurer, kein Ingenieur, sondern verspielt-poetischer Manufakteur, der seine Entwürfe selbst produzierte und damit vorwegnahm, was Anfang der 1980er Jahre das Neue Deutsche Design prägen sollte, dabei durchaus anarchisch-widerständig, was er mit seiner Initiative zur Rettung der Glühbirne gegen EU-Normen unterstrich, die er etwa mit der geflügelten Lucellino 1992 noch einmal feierte.

Doch wäre es falsch, ihn, der, im Gegensatz zu ERCO, Leuchten statt Licht forderte, auf eine Lichtquelle festzulegen, auch die Beleuchtung der Münchener U-Bahn-Stationen Westfriedhof und Münchner Freiheit stammt von ihm. Und wie ernst er seine Kunden nahm, zeigt nicht zuletzt seit 1997 seine erst durch diese zu komplettierende Leuchte Zettel’z, eine subtile Kritik an immergleichen Dateiausformungen und ein Bekenntnis zum variablen Analogen, erkenn- und wandelbar wie Ingo Maurer selbst.

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