18. Mai 2019

News

Nachruf Quentin Fiore (1920–2019)

Text: Jörg Stürzebecher

Am 1. Mai meldete die New York Times den Tod eines Grafikers, der zwar sehr viel gestaltet hat, aber vor allem mit wenigen Taschenbüchern im Gedächtnis bleiben wird, und von denen verdankt eines sogar noch seinen Erfolg einem falsch geschriebenen Titel. Die Rede ist von Quentin Fiore, und die vier Bücher, die er zum Teil in Zusammenarbeit mit dem Texter und Redakteur Jerome Agel innerhalb von vier Jahren ab 1967 für billige Massenauflagen entwarf, bilden zusammen so etwas wie einen Mikrokosmos des Aufbruchs in der westlichen Welt um 1968 – zwischen Massenkonsum, Kriegen in Südostasien, Bürgerrechtsbewegungen, politischen Revolten und der sich in diesem Jahr zum 50. Mal jährenden Mondlandung.



 

Mit seinen Kombinationen aus Bild- und Textelementen unter Einsatz verschiedener Schriften, Comics; Karikaturen und Bildern, mit Freistellungen, Fotosequenzen und vielem mehr hat Quentin Fiore den Essay zum überraschenden Schaubuch weiterentwickelt. Das geschah subversiv innerhalb des Systems, denn Fiore publizierte nicht abseits, sondern mitten im System, bei Bantam, einem der großen amerikanischen Taschenbuchverlage.

Gelernt hatte er bei dem abstrakten Künstler Hans Hofmann und dem realistisch-zynischen Zeichner George Grosz, deren antagonistischen Positionen er in der Gebrauchsgrafik zusammenführte. Das Atelier des Gestalters Lester Beall, in dem Fiore zeitweise arbeitete, bot hierfür eine erste Praxis. 1967 wurde Fiore dann weithin bekannt, mit seiner Visualisierung von Marshall McLuhans Thesen zur Kommunikation, in denen das E des Ursprungsbegriffes Message durch ein A ersetzt wurde. Das Wortspiel wurde zum Erfolgsgarant. „The Medium is the Massage“, wie die weiteren legendären Buchgestaltungen Fiores zunächst bei Bantam erschienen, begrüßte auf Seite eins mit einem fröhlichen „Good Morning!“ und kombinierte folgend Fotos mit Fast-Leerseiten, Sprechblasen und Großaufnahmen, zitierte Lewis Carroll und John Dewey, letzteren in Spiegelschrift. Ein Jahr später folgte „War and Peace in the Global Village“ (dt. 1971), wieder zusammen mit McLuhan und Agel, das in Deutschland merkwürdigerweise in gebundener Ausgabe den Käuferkreis eher einschränkte. 1970 erschienen dann Richard Buckminster Fullers „I Seem To Be a Verb“ als Vor- und Rückwärtslesebuch sowie Jerry Rubins „Do It“, ein Manifest der amerikanischen Jugend- und Studentenproteste, das 1971 und 1977 in Deutschland erschien und einigen Einfluss auf die Sponti-Bewegung hatte. Damit hatte Fiore sich seinen Platz in der Design- und Kommunikationsgeschichte gesichert, und folgt man dem Nachruf in der New York Times von Katharine Q. Seelye, kehrte er danach zu traditionelleren Aufträgen und Gestaltungen zurück.

Was außer diesen Gestaltungen mindestens bleibt, ist, dass zwar Marshall McLuhan den Begriff des Global Village ge- und erfunden hat, dieser aber ohne Fiore wohl kaum die Verbreitung gefunden hätte, die ihn noch heute den Digital Natives geläufig sein lässt. Das alleine aber ist nicht wenig.

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