18. Oktober 2014

Dossiers
Onze.onze(14)
Ou l’exercice de la commémoration

Text: Anja Neidhardt

Das visuelle Bild des Ersten Weltkriegs setzt sich bis heute größtenteils aus Plakaten, Landkarten, Büchern und anderen Druckerzeugnissen zusammen, die anonyme oder geheime Urheber, Akteure der Propaganda oder der Gegenpropaganda entwarfen. Um dieses Bild zu erforschen, hat die Haute École des Arts du Rhin (HEAR) in Straßburg zusammen mit dem hochschuleigenen „Atelier de communication graphique“ die Plattform Lignes de front 1914–2018 [Frontlinien] ins Leben gerufen. Im Rahmen dieser Plattform hat Alain Willaume 2012 einen mehrjährigen Workshop gestartet, der sich mit dem Dokumentieren von Gedenkfeiern zum 11. November, dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918, auseinandersetzt. Erste Ergebnisse aus diesem Projekt werden nun in der Galerie La Chaufferie in Straßburg ausgestellt. Wir haben mit Alain Willaume über diese Ausstellung gesprochen.



 

Im Jahr 2012 hast du der Plattform die Idee für einen mehrjährigen Workshop vorgeschlagen – und sie wurde angenommen. Wie ging es dann weiter?

 

Wir starteten noch im selben Jahr mit meinen Studierenden und dem Team der Plattform in Straßburg. Gemeinsam entschieden wir, das Konzept an anderen bedeutenden Kriegsschauplätzen in Frankreich zu entwickeln: Pont à Mousson, Hartmanswillerkopf und Le Linge. Ich habe außerdem einen achttägigen Aufenthalt in (und mit der Unterstützung von) der Gemeinde Mericourt in Nordfrankreich organisiert. Diese Stadt befand sich von 1914 bis 1918 mitten im Kampfgebiet; viele Überbleibsel, Ruinen und Kriegsdenkmäler zeugen heute noch davon. Der Aufenthalt enthielt auch einen Ausflug nach Gentioux im Zentrum Frankreichs, einem kleinen Ort mit einem Anti-Kriegs-Denkmal und einer besonderen Zeremonie zum 11. November (die von Kriegsgegnern, alternativen Gruppen, Anarchisten und „Freidenkern“ besucht wird). Es ist geplant, das Projekt bis 2018 fortzusetzen – wenn es weiterhin finanziell gefördert wird. Wir denken durchaus, dass es höchst interessant ist, langfristig an solch einem Projekt zu arbeiten. Die jetzt gerade eröffnete Ausstellung zeigt eine Auswahl an Arbeiten, die von circa 40 Studierenden während dieser ersten zwei Jahre entwickelt wurden.

 

Wie sahen die Workshops aus, an denen die Studierenden teilnahmen?

 

Sie haben während der Gedenkfeiern gearbeitet. 2012 fand ein Fotografie-Workshop statt. 2013, dank der Mitwirkung anderer Lehrer (Oh Eun Lee, Loïc Horellou und Jérôme Thomas), wurden Video und Multimedia ergänzt. Weitere Kooperationen wurden mit der Kunsthochschule Kassel und dem französischen Multimedia-Unternehmen Upian entwickelt.

Für den fotografischen Teil wurden keine speziellen Aufgaben gestellt, außer dass die Studierenden an diesem speziellen Tag und an den speziellen Orten arbeiten sollten. Sie waren frei darin, die Situation so zu dokumentieren, wie sie es für angemessen hielten. Wir, die Leiter, waren nur für die Organisation anwesend. Im Laufe des restlichen Jahres begleiteten wir die Studierenden bei der Entwicklung ihrer eignen Reihen und sorgten dafür, dass eine Gruppendynamik entstand und dass das Interesse und die Konzentration den gesamten Prozess über erhalten blieben.

 

 



 

Wie präsentiert die Ausstellung die entstandenen Arbeiten?

 

In der Galerie des Haute École des Arts du Rhin wird eine Auswahl gezeigt, die die Studierenden selbst getroffen haben. Fotografien wurden in verschiedenen Größen (vom Postkartenformat bis zu Wandtapeten) und Techniken von Picto (einem professionellen Fotolabor in Paris und Partner des Projekts) gedruckt.

 

Wie sah deine Rolle als Kurator aus?

 

Ich bin selbst Fotograf (Mitglied des Kollektivs Tendance Floue) und bin glücklich, seit elf Jahren am HEAR zu unterrichten. Eingeladen von Philippe Delangle (dem Leiter des Communication Departments und neben Franck Knoery und Loïc Horellou Gründer von Lignes de front), bereitete ich das gesamte Material (mehr als 3000 Fotografien) auf. Dann „inszenierte“ ich die Ausstellung gemeinsam mit Antoine Lejolivet, der verantwortlich ist für die Organisation und Installation der Ausstellung.

 

Was ist die Hauptaussage der Ausstellung?

 

Unser größtes Anliegen ist es, zu zeigen wie das Projekt Zeuge eines absoluten Friedens und der „trüben“ Distanz wird, mit der dieser Abschnitt unserer Geschichte von der heutigen Generation verstanden wird – ein transnationaler und historischer Gedenkprozess im Rahmen einer Kunsthochschule. Die Ausstellung komponiert einen interessanten und einzigartigen Mix aus Tiefe und Ernst, Spaß und Anmaßung, Schönheit oder Unordnung, wahrer Hingabe oder Gleichgültigkeit. Damit spiegelt sie eine sehr gegenwärtige Haltung.

 

 

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