Ouput Award 2014.
Grand Prix

Stefan Wagner: Generating Utopia

FH Würzburg-Schweinfurt, 2013


Die Stiftung Output sucht und fördert mit ihrem internationalen Wettbewerb junge Talente aus unterschiedlichen Gestaltungsbereichen. Jedes Jahr reichen bis zu 1.000 Studierende aus über 30 Ländern ihre besten Arbeiten ein. Neu ist in diesem Jahr, dass neben dem Grand Prix auch ein Publikumspreis vergeben wird. Bis Ende August können Sie unter form.de/output-audience-award unter den zehn ausgezeichneten Arbeiten Ihren Favoriten wählen. Die Jury des Output Award ehrte bereits Stefan Wagner (FH Würzburg-Schweinfurt) mit dem Grand Prix für seine Einreichung „Generating Utopia“, eine Echtzeit-Visualisierung standortbezogener Daten aus dem sozialen Netzwerk Foursquare. Es übersetzt die physische Dimension der Nutzerdaten („Utopien“, weil jeder sich so darstellt, wie er gerne gesehen werden möchte) in topologische Transformationen der Aufenthaltsorte und macht damit das Verhalten der Nutzer interaktiv erfahrbar.





„Landschaft wird von Menschen durch ihre Benutzung geformt. Trampelpfade werden zu Straßen, erste Siedlungen zu Städten, Verdichtung und Höhe weisen auf Zentren hin. Die virtuelle Betriebsamkeit hinterlässt kaum reale Spuren. Das Projekt ‚Generating Utopia‘ zeigt uns das lebendige Chaos der Echtzeitkommunikation und es macht Spaß, der individuellen Nutzung der eigenen Umgebung zuzusehen.“ Kora Kimpel

 

1. Wie bist du vorgegangen, um die Daten für dein Projekt zu sammeln?

 

Ich habe mit zwei unterschiedlichen Arten von Datensätzen gearbeitet. Auf der einen Seite sind da die sozialen, ortsbezogenen Daten. Anfangs ging ich von den Bewegungsdaten aus, die ich von mir selbst ohnehin schon seit einigen Monaten gesammelt hatte. Als Datenquelle benutzte ich mein Profil aus dem sozialen Netzwerk Foursquare. Aus diesen Daten leitete ich die ersten Use-Cases ab: Was lässt sich aus Foursquare-Daten Interessantes lesen und welche Geschichten möchte ich mit diesen Daten erzählen?

Der nächste Schritt war es, Daten anderer Personen zu sammeln. Diese bezog ich für die Installation aus meinem Bekanntenkreis, wo ich genug unterschiedliche Datensätze bekam, um unterschiedliche Bewegungsprofile darstellen zu können.

Auf der anderen Seite wurden Datensätze realer Städte verwendet, also zum Beispiel Satellitenkarten und Gebäudeumrisse. Ich hatte es mir zum Ziel gemacht, nicht nur der Transformation hin zur „Utopie“ Daten zugrunde zu legen, sondern die Stadt selbst so komplett wie möglich mit offenen Datensätzen zu visualisieren, ohne händisch 3D-Modelle erstellen zu müssen. Datenquellen hierfür war beispielsweise openstreetmap.org

Durch diese Herangehensweise ist es möglich, theoretisch jede erdenkliche Stadt zu visualisieren. Die Daten für die reale Stadt lassen sich aus offenen Datenquellen im Netz beziehen, für die Transformation benötigt man dann lediglich noch Foursquare-Daten von Nutzern, die in der ausgesuchten Stadt unterwegs waren. Übrigens ließe sich auch jede andere erdenkliche Art von ortsbezogenen Daten visualisieren.

 

Generating Utopia from Stefan Wagner on Vimeo.

 

2. Hat deine App den Anspruch die Wirklichkeit abzubilden? Wie gehst du mit der Tatsache um, dass wir unser Social-Media Verhalten immer filtern, um uns auf eine bestimmte Weise zu präsentieren?

 

Ziel des Projekts war es, eine nachvollziehbare Verbindung zwischen der Wirklichkeit, der realen Topologie einer Stadt, und deren „Version“ zu knüpfen, die sich dynamisch dem Verhalten ihrer Bewohner anpasst. Die reale existierende Stadt sollte aus der Visualisierung erkennbar sein, einerseits, damit der Betrachter die Verwandlung in die Utopie nachvollziehen kann, andererseits, damit er die Darstellung mit sich selbst und seinem eigenen Bewegungsverhalten abgleichen kann.

Die Tatsache, dass wir uns in sozialen Netzwerken tendenziell von unserer besseren Seite zeigen, ist darin erkennbar, dass zwischen den transformierten Orten der Stadt keine qualitativen Unterschiede dargestellt werden – abgesehen von der Höhe, die die Anzahl an Check-Ins referenziert, ist jeder Ort erst einmal gleich. Gäbe es auch „schlechte“ oder unerwünschte Orte, hätte man dafür eine andere Visualisierung wählen können, zum Beispiel das Schaffen von Tälern, also Transformation in die Tiefe.

Bei Generating Utopia wird nur zwischen Orten unterschieden, die für das visualisierte Nutzer-Profil interessant, weniger interessant oder uninteressant sind. Orte, an denen sich der Nutzer nicht eingecheckt hat, werden so belassen, wie sie in Realität sind, dafür werden interessante Orte emporgehoben.

Wie der Betrachter dieses Emporheben interpretiert, habe ich erst einmal offen gelassen. Auf manchen Betrachter hat die Visualisierung auch durchaus dystopisch gewirkt, da sie Orte mit hoher Anzahl an Check-Ins, zum Beispiel der Arbeitsplatz, durch die Höhe sehr einsam aussehen lässt – als gäbe es sonst nichts wichtiges in der Stadt bis auf den Job. Diese freie Interpretierbarkeit, die je nach visualisiertem Profil und Betrachter variiert, war von mir gewünscht, denn eine Utopie entsteht immer zuerst im Kopf.

 

3. Wie könnte eine reale, nicht digitale Visualisierung deiner Ergebnisse im öffentlichen Raum aussehen?

 

Ich habe viel über Möglichkeiten nachgedacht, Generating Utopia in den physischen Raum zu übertragen. Zum Testen habe ich eine 3D-Version eines Teilbereichs der transformierten Stadt bei Shapeways drucken lassen und fand den Aspekt der Haptik gerade bei dieser Kodierung von Daten in die Höhe sehr passend und greifbar. Eine bewegte Darstellung im Raum hätte man mittels hydraulischer Stifte erreichen können, die oben mit einem Stoff mit der aufgedruckten Stadtkarte bezogen sind und durch Auf- und Abwärtsbewegen die Transformation der Stadt zeigen.

Die Ergebnisse der Datenvisualisierung ließen sich aber genau so gut direkt am realen Raum und den interessanten Orten selbst aufzeigen, durch Lichtinstallation oder Projektion, die die entsprechenden Gebäude „aufleuchten“ lassen. Wenn man ein bisschen weiter spinnt und den technischen und finanziellen Aufwand außen vor lässt, wäre es auch möglich, eine Drone die vom User besuchten Orte abfliegen zu lassen und die Verbindungslinien mit (natürlich wasserlöslicher) Farbe oder Fäden in den realen Raum zu legen. Aber an dieser Stelle beginnt dann die Utopie von vollkommener, gestalterischer Freiheit.



















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