27. September 2019

Dossiers

Interview mit Alex Goad, Gründer des Reef Design Labs

Text: Anton Rahlwes

Ein Gespräch über die Rettung der Riffe, die Kraft der Natur sich zu regenerieren und die Potenziale von Designern.

 

Warum ist es wichtig die Riffe zu retten?

 

Riffe findet man nicht nur in tropischen Gegenden, es gibt viele verschiedene Riff-Ökosysteme, die reichhaltige Jagdgründe und Brutstätten für eine Vielzahl von Spezies bieten. Darüber hinaus schützen sie unsere Küstenlinien vor Erosion, indem sie die Wellenenergie reduzieren. Riffe gehören zu den artenreichsten und produktivsten Lebensräumen des Ozeans und sind für die Gesundheit unseres Planeten von entscheidender Bedeutung.

 

 Wann hast du angefangen dich mit Riffen und dem maritimen Lebensraum zu beschäftigen?

 

2013, während meines letzten Jahres an der Universität, habe ich angefangen künstliche Riffe zu erforschen und habe dann das MARS (Modular Artificial Reef Structure) System kreiert. Das war der Anstoß zur Gründung des Reef Design Lab. Ich habe mich schon immer sehr für die maritime Umwelt interessiert und wollte in einem Bereich arbeiten, in dem ich mit Wissenschaftlern kooperieren kann, die eben diese studieren.

 

 Was genau macht das Reef Design Lab?

 

Ich denke unsere bedeutendsten Arbeiten sind unsere Langzeit-Kollaborationen mit Meeresforschern. Für Designer ist es leicht mit Wiederherstellungskonzepten um die Ecke zu kommen, die Tücke ist aber das Bekenntnis zu einer langfristigen Auseinandersetzung mit der Effektivität einer Idee. Die Kollaboration mit dem Sydney Institute of Marine Science (SIMS), zu dem Projekt der Living Sea Wall, läuft zum Beispiel schon seit 2015 und zielt darauf ab, Wege zu erforschen wie maritime Infrastrukturen neu designt werden können. So sollen Faktoren, die das maritime Leben beeinflussen, besser erkannt und berücksichtigt werden. Ein anderes Projekt, das in enger Zusammenarbeit mit Forschern der Melbourne University umgesetzt wird, zielt auf hybride Ansätze des Küstenschutzes ab, indem Betonkübel zur Förderung von Mangrovenwäldern eingesetzt werden.

 



 

Zerstören wir die Natur nicht schneller, als dass wir sie je wieder aufbauen könnten?

 

Das kommt auf das jeweilige Ökosystem an, aber für das tropische Korallenriff trifft diese Aussage leider zu. Korallenriffe sehen sich vielfältigen Gefahren ausgesetzt: vergiftete Ozeane, landwirtschaftliche Abfälle, invasive Arten. Der verheerendste Schaden wurde jedoch durch die Korallenbleiche verursacht, als Folge sich im Zuge des Klimawandels erwärmender Ozeane. Es ist wissenschaftlicher Konsens, dass der einzige Weg die Korallenriffe zu erhalten der ist, sich weg von den fossilen Brennstoffen hin zu einer Zukunft mit erneuerbaren Energien zu entwickeln. Wenn das gelänge, wäre es sehr wahrscheinlich, dass sich die meisten Riffe auf natürlichem Wege selbst regenerierten.

Während wir also darauf warten, dass sich die Weltgemeinschaft ihrer antiquierten Energiesysteme entledigt (offensichtlich ist das keine einfache Sache), werden weltweit Techniken zur Wiederherstellung von Korallen entwickelt. Es gibt physische Techniken, wie das Transplantieren von Korallen auf verschiedene Strukturen, es gibt Korallenfarmen, es gibt Korallen-Saat-Einheiten und vieles mehr. All diese Verfahren wurden über die letzten Jahrzehnte erfolgreich getestet. Es gibt sogar sehr faszinierende genetische Forschungsprojekte, die die Koralle widerstandsfähiger gegen zukünftige Umwelteinflüsse macht.

Austernbänke sind ein gutes Beispiel für eine natürliche Umwelt, die schneller wiederaufgebaut als zerstört wird (zumindest in manchen Gegenden). Das Schleppnetzfischen hat diese Ökosysteme über die letzten Jahrzehnte zugrunde gerichtet, wurde nun aber vielerorts verboten. Durch das Platzieren von Austernschalen am Grund als Nährboden wird jetzt versucht das Ökosystem wiederaufzubauen. Mit Hilfe der D-Shape Technologie [Anm. d. Red.: Spezielles großformatiges 3-D-Druckverfahren] haben wir für den WWF Niederlande eine Serie 3-D-gedruckter Austernriffe designt. Der WWF Niederlande hat zurzeit ein Projekt am Laufen, das die Wiederansiedlung von Austern in der Nordsee auf verschiedene Weisen testet. Weltweit gibt es viele großartige Projekte, die die Natur wiederherstellen sollen. Diese Entwicklung ist sehr ermutigend. Es ist nicht alles so düster wie es scheint.

 

 Ist es nicht ironisch, dass wir etwas künstlich ersetzten müssen, dass wir vorher zerstört haben?

 

Natürlich ist das ironisch, aber es ist nichts Neues. Im Laufe der Geschichte haben wir immer wieder Ökosysteme zerstört, nur um zu einem späteren Zeitpunkt ihren Wert zu erkennen. Heutzutage gibt es eine viel größere Wahrnehmung der Problematik und die Menschen verstehen, warum wir die Riffe brauchen. Es sollte immer die Priorität sein, ein Ökosystem zu schützen, anstatt es im Nachhinein zu reparieren.

 

 Ihr baut nicht nur Riffe an Orten, an denen sie schon immer vorkamen, sondern auch an Orten, an denen es nie Riffe gab. Warum macht ihr das?

 

Es kommt immer auf den Ort an, den wir bereitgestellt bekommen. In der Regel bestimmen diesen die Forscher, mit denen wir zusammenarbeiten. Es kann ziemlich beeindruckend sein, zu beobachten was passiert, wenn man eine Riffstruktur auf einer offenen Fläche platziert. Innerhalb von ein paar Minuten suchen Fische Schutz in der Struktur und innerhalb von Monaten siedeln sich vielfältige Arten an und transformieren die künstliche Struktur in ein Mini-Ökosystem.

 

Was ist die Living Seawall?

 

Die Living Seawall ist unsere Langzeitkooperation mit dem Sydney Institute of Marine Science (SIMS), die dieses Projekt initiiert haben und in diesem Feld der Forschung führend sind. Das Projekt zielt darauf ab, existierende Ufermauern mit 3-D-gedruckten Beton Paneelen nachzurüsten. Diese bieten zusätzlichen Lebensraum und sollen so das ökologische Klima von Hafenwänden verbessern. Kürzlich haben wir ein Paneel für Volvo designt, die das Forschungsprojekt ebenfalls unterstützen.



 

Wie hat sich das Sea Wall-Projekt über die letzten Jahre hinweg entwickelt?

 

2015 nahm das SIMS mit uns Kontakt auf und wir fingen an komplexe Formen zu entwerfen und mit 3-D-Druck zu experimentieren. Wir haben 3-D-gedruckte Module entwickelt und vervielfältigt und sie in einem Beton abgegossen, der dem der Ufermauern ähnlich ist. Im Laufe der Zeit konnten wir beobachten wie sich vielfältige Meeresorganismen Zuflucht in den Strukturen suchten. Wir forschen allerdings immer noch an der idealen Form.

 

Welchen Einfluss haben Ufermauern auf den umliegenden Lebensraum?

 

Ufermauern nehmen intertidalen Spezies den natürlichen Lebensraum. Felsige Küstenlinien reichen von Gezeitentümpeln, Felsspalten und Höhlen bis hin zu glatten, senkrechten Wänden. So sehr ich Minimalismus liebe, intertidale Meereslebewesen tun das nicht. Ufermauern sind bei bestimmten Bauprojekten unvermeidlich, daher untersucht das Projekt, wie wir diesen Einfluss minimieren können.

 

 Können wir die Natur nur retten, indem wir künstlich in Ökosysteme eingreifen, oder gibt es irgendeine Chance, dass die Natur sich selbst regeneriert?

 

Wenn der Natur Raum gelassen wird, hat sie ein unglaubliches Potenzial, sich selbst zu regenerieren. Meeres-Nationalparks zeigen sehr gut, dass sich Ökosysteme regenerieren können. Es wird allerdings wesentlich komplizierter, wenn ein Ökosystem wie das Korallenriff, durch kollektives menschliches Handeln und der daraus resultierenden Erwärmung der Ozeane ausbleicht. Das aufzuhalten wird in den kommenden Jahren wesentlich schwieriger sein.

 

Wie geht es mit dem Reef Design Lab in Zukunft weiter?

 

Im Besonderen sind wir an dem Feld des ökologischen Ingenieurswesens interessiert und werden in Zukunft vor allem unsere internationalen Kollaborationen ausbauen. Für Designer sind es wirklich interessante Zeiten, es gibt noch so viele einmalige Themen mit denen man sich befassen kann. Design ist ein großartiges Kommunikationsmittel und wir hoffen einfach, dieses weiterhin nutzen zu können, um unsere Arbeit an die Öffentlichkeit zu tragen, die wir zusammen mit einer tollen Gruppe von Meereswissenschaftlern leisten.

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