Salomé Bäumlin.
Der Teppich als Brücke zwischen Kunst und Design

salomebaumlin.ch


Seit einigen Monaten darf sich Salomé Bäumlin Absolventin des Master of Art der Hochschule Luzern nennen. In ihrer Abschlussarbeit setzte sie sich mit der traditionellen Herstellung von Teppichen unter dem Aspekt kultureller Nachhaltigkeit im Design auseinander. Die daraus hervorgegangene Teppich-Kollektion, die in enger Zusammenarbeit mit Handwerkerinnen in Marokko entstand, wird ab 1. Mai in der Kunsthalle Luzern zu sehen und zum Teil auch käuflich zu erwerben sein. In Hinblick auf das Thema „Gewebte Textilien“ in form N° 253 haben wir Bäumlin einige Fragen gestellt.




Die Designerin legt bei der Herstellung besonderen Wert auf eine zusammenhängende Wertschöpfungskette, die für sie bei der Verwendung regionaler Wolle beginnt und vom Waschen, Spinnen und Einfärben (auf Basis pflanzlicher Farbstoffe) durch handwerkskundige Frauen bis hin zur finalen Verarbeitung der Teppiche reicht. Sie versteht ihre erste Kollektion als eine Synthese ihrer künstlerischen Arbeit (besonders in der Architektur) und dem „Design-Alphabet des Süd-Marokkanischen Teppichs“. Beim Design und Produktionsprozess des Projekts orientiert sie sich an den sieben Merkmalen der Zen-Künste: Sie nutzt organische Materialien, baut auf ein einfaches und asymmetrisches Design und verzichtet innerhalb der Produktion auf hierarchische Strukturen.

 

Du warst in den vergangenen Jahren immer wieder in Marokko und Ägypten unterwegs. Worauf führst Du Dein anhaltendes Interesse zurück? Was waren die größten Herausforderungen, die Du zu meistern hattest?

 

Zum ersten Mal in Kontakt mit der arabischen Welt kam ich über die Musik in Paris, wo ich Migranten aus dem Maghreb kennenlernte. 2007 bereiste ich für drei Monate Marokko. Das sehr lebendige und vielfältige Handwerk begeisterte mich sofort und bedeutete für mich gleichzeitig künstlerische Ideen umsetzen zu können. Im Jahr 2011 war ich Dank eines Stipendiums ein halbes Jahr in Kairo. Dort konnte ich weiter in die arabische Welt und ihre vielfältige Kultur eintauchen. Während der politisch sehr aufgeladenen Zeit entstanden die ersten Teppiche in Kairo.

Die Produktion in der arabischen Welt stellt mich vor viele Herausforderungen. Etwa der  Umgang mit der Zeit, Warten ist ein ständiger Begleiter. Zudem wird in der arabischen Welt ganz anders verhandelt, der Prozess ist sehr stark ritualisiert und funktioniert anders als bei uns. Aus gestalterischer Perspektive ist meine Forderung nach Perfektionismus immer wieder ein Knackpunkt. Die sieben Merkmale der Zen-Künste helfen mir beim Arbeitsprozess sehr. Gelassenheit ist unabdingbar.

 

Wie kam es dazu, dass Du Dich thematisch mit kultureller Nachhaltigkeit auseinandersetzt?

 

Die schnell voranschreitende Globalisierung der letzten Jahrzehnte stellt die Gesellschaft vor große Herausforderungen. Nicht alle profitieren von den Umwälzungen gleichermaßen, dabei führt die Globalisierung in vielen Ländern dazu, dass die traditionelle Lebensweise verloren geht, ohne dass sich wirklich neue Werte etablieren. Wertsysteme sind kulturelle Errungenschaften, sie benötigen viele Generationen. Zudem sind wir gezwungen, bewusst mit den vorhanden Rohstoffen umzugehen und auf ökologische sinnvolle Art zu produzieren und zu konsumieren. Als Künstlerin/Designerin will ich kreieren, es reicht aber nicht, visuell und inhaltlich überzeugend zu agieren. In dem Sinne geht für mich die Nachhaltigkeit, die auf dem 3-Säulen Prinzip aufbaut, nicht weit genug, der Aspekt der Kultur muss unbedingt miteinbezogen werden.

 

Wie kam die Idee für Deine Master-Arbeit zustande? Was ist die Thesis Deiner Arbeit? 

 

Produkte wirken während ihrem ganzen Lebenszyklus auf die Um- und Mitwelt ein. Dieser Einfluss gründet nicht nur auf ihrer direkt sichtbaren äußeren Form, sondern bezieht auch die Produktionsweise mit ein. Die Produkte stehen in einer sich gegenseitig beeinflussenden Beziehung zu ihren Erfindern, Gestaltern, Produzenten, Verkäufern, Nutzern und nicht zuletzt zur Umwelt. Intuitiv war ich mir dieses Umstandes schon lange bewusst, konnte ihn in der Theorie aber nicht verorten. Nach einer sehr breiten Recherche in Bereichen, wie Zeitgenössischer Produktion, Bedeutung des Handwerkes, der Philosophie der abstrakten Moderne traf ich immer wieder auf Verweise zur Philosophie des Zen-Buddhismus. Beim Ikebana, der japanischen Blumensteckkunst, lernte ich die sieben Merkmale der Zen-Künste kennen. Die Merkmale beziehen sich dabei sowohl auf gestalterische Merkmale wie auch auf alle Bedingungen der Umgebung eines Produktes, etwa auf ökologische, ökonomische und soziale.

In meiner Thesis, „Design und Nachhaltigkeit, der Weg des Zen“, zeige ich auf, wie anhand der sieben Merkmale der Zen-Künste, Produkte geschaffen werden können, die visuell überzeugend sind und eine langlebige Beziehung zu den Nutzern ermöglichen. Die sieben Merkmale regen dazu an, schlichte und natürliche Rohstoffe zu verwenden, in einer zusammenhängenden Wertschöpfungskette zu produzieren und allen am Designprozess beteiligten Menschen einen gewissen gestalterischen Freiraum zu geben.

 

Was hat es mit dem Fragenkatalog für den Designprozess auf sich? Worin besteht die Verbindung zwischen Design und dem Weg des Zen?

 

Grundsätzlich muss hier gesagt sein, dass Alles und Nichts Zen sein kann. Zen kann überall auf jede Art und Weise praktiziert werden. Design und Zen miteinander in Verbindung zu bringen, liegt nahe, da etwa die Tuschmalerei, die Blumensteckkunst und die Teezeremonie den sieben Merkmalen der Zen-Künste unterliegen. Gleichzeitig ist die handwerkliche Schaffensweise zentral für das Zen. Auch kann die handwerkliche Produktionsweise im Sinne des Zen als Form der Meditation angesehen werden. Die sieben Merkmale und der Fragebogen, zeigen dabei auf, wie sich alle am Designprozesse Beteiligten auf den Weg des Zen machen können. Es geht mir dabei nicht darum, alle Merkmale explizit zu erfüllen, sondern sich den Anforderungen, die der Zen stellt, bewusst zu sein – also auf dem Weg zu sein.

 

Was war Deine Inspirationsquelle für dieses Projekt? Aus welchem Material bestehen die Teppiche? Was fasziniert Dich an ihnen?

 

Die initiale Idee für Teppiche war die marokkanisch/arabische Alltagsarchitektur, die sehr kubistisch anmutet. Gleichzeitig ist es für mich grundlegend, den Alltag und seine Motive im Teppich zu verorten. Bei meinen ersten Umsetzungen in Ägypten konnte ich dieser Forderung sehr gut nachkommen, doch war es nicht möglich in persönlichen Kontakt mit den Handwerkern zu treten. In Marokko wird weniger designgetreu umgesetzt, also musste ich den marokkanischen Teppich und seine Techniken und Motive besser kennenlernen, um für die Handwerkerinnen verständliche Designs zu erstellen.

Seit ich in Marokko produziere, verwende ich handverarbeitete Wolle aus regionaler Produktion. Gelegentlich kommt auch Baumwolle zur Anwendung. Ich versuche möglichst mit ungefärbter Wolle zu arbeiten. Einerseits komme ich damit dem Zen-Merkmal nach Schlichtheit nach, gleichzeitig bedeutet es auch umweltbelastende Prozesse zu vermeiden. Momentan geht mein Bestreben dahin, die traditionellen pflanzlichen Färbemethoden bei den Handwerkerinnen wieder bekannt zu machen, um sie verwenden zu können.

Der Teppich ist eines der ältesten Bildmedien. In der abendländischen Kultur ist er von der Wand auf den Boden gerutscht und hat dabei seine Relevanz in der Kunst beinahe verloren. Der Teppich bringt das Bild von der Wand in den Raum; das Bild ist begehbar und haptisch erlebbar. Gleichzeitig fasziniert mich am Teppich, dass die handwerkliche Produktionsweise direkt erlebbar ist und von der Dauer und der Zeit seiner Herstellung erzählt. Vielleicht kann man auch sagen, dass der Teppich als Brücke zwischen Kunst und Design funktioniert.

 

Wie war die Verständigung mit den Handwerkerinnen? Wie kam der Kontakt zustande?

 

Die Internetrecherche brachte mich vorgängig nicht sehr weit, ich erhielt auch kaum Antworten von den angeschriebenen Kooperativen. Vor Ort musste ich mich über Händler, Mittelsmänner und Kooperativen zu den Handwerkerinnen vortasten. Dies war ein recht langwieriger Prozess, den ich auch nicht immer ganz verstand. Meine Arabisch-Kenntnisse brachten mich nicht sehr weit, die Berber-Frauen sprechen kaum Arabisch und Französisch. Geduld ist immer sehr zentral. Jede fordernde Haltung kommt schlecht an und wirkt letztlich kontraproduktiv. Seit einiger Zeit arbeite ich mit meinem Projektpartner Farid Ait Blkasse zusammen. Er begleitet mich bei den Besuchen, unterstützt mich beim Einkauf von Rohstoffen, beim Handel und Export.

 

Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag aus?

 

Das Typischste an einem Arbeitsalltag in Marokko ist, dass er nie so ist, wie geplant. Es ist für mich notwendig, immer einen Plan B und C bereit zu haben und mich so einzurichten, dass ich Wartezeiten nutzen kann, etwa mit Skizzieren und Fotografieren. Administrative Arbeiten versuche ich in der Schweiz zu erledigen, da ich in Marokko oft nur eine mangelhafte Infrastruktur zur Verfügung habe.

Zur Zeit bin ich dank des Frauenkunstpreises 2014 für zwei Monate in Süd-Marokko. Diese Zeit nutze ich dazu, so oft als möglich bei den Berber-Frauen, meinen Produzentinnen vorbeizugehen, um ihre Kultur besser zu verstehen und unsere Beziehung zu vertiefen. Bei den Besuchen wird immer Tee getrunken. Ich nutze diese Treffen auch dazu, mein Design-Alphabet des marokkanischen Teppichs zu erweitern und fotografiere die Teppiche, die ich bei Hausbesuchen zu sehen bekomme. Dabei versuche ich auch die soziale Situation der Handwerkerinnen zu erfassen. Dies soll mir ermöglichen, ihre Bedürfnisse besser zu verstehen.

 

Die Arbeiten Salomé Bäumlins sind bei der Werkschau Design & Kunst der Hochschule Luzern an der Messe Luzern vom 21. bis zum 29. Juni 2014 zu sehen.

 

 

 



















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