Nachruf
Sayonara Kenji Ekuan

von Michael Erlhoff


Er, ein Überlebender des Abwurfs der Atombombe auf Hiroshima, war und bleibt ein höchst einflussreicher Designer, ein international sehr berühmter Mann, ein außergewöhnlicher Japaner, ein Gourmet und ein wunderbarer Mensch.




1957 gründete Ekuan (11. September 1929 – 8. Februar 2015) das für die Entwicklung der japanischen Wirtschaft und des Designs so wichtige Büro GK Design, 1961 schuf er eine Ikone des japanischen Designs: jene allseits bekannte Sojasaucen-Flasche mit dem markanten roten Deckel und den beidseitigen Öffnungen zum Ausgießen für das Unternehmen Kikkoman. Mit der gleichen dynamischen Harmonie entwickelte er unter sehr vielen anderen Produkten Motorräder für Yamaha, HiFi-Geräte, den Narita Express und andere schnelle Züge. Darüber hinaus wurde er nicht zuletzt wegen seines Engagements für seine humane Gestaltung eine international geehrte Person; kaum eine wichtige internationale Design-Institution oder Konferenz, auf der er nicht vehement präsent gewesen wäre. In Japan erhielt er auch die dort höchste Auszeichnung des Landes, einen Orden des Kaisers, und wo immer er erschien, verneigten sich die Menschen vor ihm. Ja, er vertrat die Kultur Japans mit Anmut und Würde. – Eines seiner Bücher „The Aesthetics of the Japanese Lunchbox“ ehrte diesen Inbegriff japanischer Mittagessens-Struktur mit deren so eigentümlicher Harmonie als Essenz von Design.

Japaner war er durch und durch. So wurde man zum Freund zum Beispiel auf folgende Weise: Als Referenten trifft man sich vor vielen Jahren in Singapur, spricht höflich miteinander, verabschiedet sich; ein Jahr später leitet man gemeinsam irgendwo auf der Welt einen Workshop, wiederum einige Zeit danach eröffnet man ganz zeremoniell den Internationalen Pavillon der Design-Expo in Nagoya, und ein Jahr darauf sind beide Eröffnungsredner erneut in Singapur. Da kommt am letzten Tag nach dem Frühstück seine sehr kluge Mitarbeiterin Sumiko Onodera an den Tisch und fragt: „Darf Herr Ekuan Ihnen einen Brief schreiben?“ Selbstverständlich nickt man begeistert – und, wieder zu Hause, findet man den Brief mitsamt vielen Fotos aller gemeinsamen Treffen. So wird man zum Freund, und dann lädt der Feinschmecker Ekuan einen in die wunderbarsten Restaurants Tokios ein, nicht nur in die teuren, aber in die vorzüglichsten, die man selbst wohl niemals gefunden hätte.

Er war und bleibt ein wunderbarer Mensch, voller Interesse und Empathie, der auch, wenn nötig, erstaunlicherweise mal auf den Tisch hauen konnte.

Nun ist Kenji Ekuan im Alter von 85 Jahren gestorben. Aber halt: Begeben wir uns für einen Moment in die buddhistische Vorstellung vom Leben nach dem Tod – dann schwebt Kenji Ekuan irgendwo im All der Welt der Ahnen, genießt dort das neue Dasein, fährt mit seinem Lieblingsauto herum und trifft sich bestimmt häufig mit Raymond Loewy und Ettore Sottsass, um – in fröhlicher Erwartung noch einiger seiner kompetenten Zeitgenossen – neue Pläne zu schmieden für die verbesserte Gestaltung des Alls.


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