21. März 2014

News
Tobias Gebert.
Reducing the Obvious

 

Wie kann es sein, dass wir als Gestalter immer Raster und klare, reduzierte Gestaltung eingetrichtert bekommen, unsere Welt da draußen aber viel diversifizierter und ungeordneter daherkommt als geplant?

Tobias Gebert beschäftigt sich in seiner Bachelor-Thesis „Reducing the Obvious“ (entstanden an der FH Mainz) mit dem Reflex der Reduktion in der Gestaltung. Auf ca. 500 Seiten fragt er nach dessen Notwendigkeit, und überlegt, welche Ordnungsprinzipien in unserer Umgebung noch von Interesse sein können. Wir haben uns mit ihm über Inhalt und Gestaltung seiner Arbeit unterhalten.



 

1. Wie ist „Reducing the Obvious“ aufgebaut?

 

In den ersten beiden Kapiteln befasse ich mich mit dem Schaffen von reduktiven Ansätzen, als einen der Grundreflexe des Menschen bei der Strukturierung seiner Umgebung. Das ist bei „normalen“ Menschen und Gestaltern nicht verschieden. Dabei ist das Schaffen eines Gestaltungsrasters auf einer Papierseite das gleiche Vorgehen, wie der gerade Weg in den Dschungel, den Erkunder brauchen, um sich neuen, unbekannten Raum zu erschließen. Prinzipiell ist dies immer noch ein Reflex, der dem Ausblenden von Chaos in unserer Umgebung dient, und der aus einer Zeit stammt, in der wir die Prozesse um uns herum nicht nachvollziehen konnten. In den nachfolgenden Kapiteln behandle ich dann Strukturierungsprozesse in unserer Umgebung und deren offensichtliche Parallelen zu unseren Gestaltungen, beispielsweise in der Entstehung von Netzwerken, Schwarmverhalten oder organischen Stadtstrukturen.

Das Thema meiner Bachelor-Thesis lässt sich mit diesem Gegensatz zwischen Ordnung und selbstgeschaffenem Chaos zusammenfassen. Der Titel „Reducing the Obvious“ spiegelt diese Thematik wieder und beschreibt die Fokussierung, die Reduzierung auf bestimmte Bestandteile des Offensichtlichen um uns herum.

 

 

2. Welche Aussage triffst du? Was ist der Kern deiner Publikation?

 

Im Grunde gibt es zwei Kernthesen. Zum einen stelle ich den Drang nach reduktionistischer Gestaltung in Frage und zum anderen zeige ich die Ähnlichkeit zwischen selbstgeschaffener Komplexität und der durch die Reduktion ausgeblendeten Umgebung auf. Das heißt zusammenfassend, dass der Drang nach Reduktion und Übersichtlichkeit aus einer Zeit stammt, in der wir die Prozesse schwer nachvollziehen konnten. Wir haben jedoch durch die Reduktion und den Fokus auf bestimmte Elemente unserer Umgebung Wissen generiert, das uns diese Prozesse verstehen lässt. Die Reduktion an sich kann also eigentlich nicht mehr ihren gewünschten Zweck erfüllen.

Nachfolgend dann der analytische Blick auf die verschiedenen Strukturierungen unserer Umgebung, die sich von den geordneten Ansätzen stark unterscheiden. Das gleiche spiegelt sich auch in der Gestaltung, wenn sich etwa im öffentlichen Raum mehrere Gestalter ohne Regeln äußern dürfen, wie es bei Graffiti der Fall ist. Unsere komplexe Welt da draußen fordert uns geradezu neue Ansätze ab, die die reduktionistische Gestaltung nur bedingt liefern kann, und die ich versuche durch die bewusste Einbeziehung der einst ausgeblendeten Prozesse in unserer Umgebung zu finden.

 

 

3. In deinem Epilog schreibst du: „Deshalb an dieser Stelle den Appell an den Leser selbst, die Umgebung mit all ihren Prozessen als Quelle der Ideen zu nutzen, da sie weitaus größere Identität bietet als die reduktionistische Gestaltung.“ Kann man sagen: Deine Arbeit ist ein Appell für mehr Vielfalt? Dass sich die Gestaltung jedem Thema und jeder Aussage anpassen, sich vom Inhalt ableiten lassen – und dabei ganz unterschiedlich, so unterschiedlich und vielfältig wie die Themen selbst, ausfallen soll?

 

Ich habe meine Inspiration aus der Beobachtung der Umgebung und der Frage nach den herrschenden Gegensätzen gezogen, die ich dann mit dem Blick auf die herrschenden Ordnungsprozesse abgearbeitet habe. Mein Epilog richtet sich dadurch direkt an den Leser und fordert ihn auf, ebenfalls mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und sich seine Inspiration aus der Umgebung zu beziehen. Denn sowohl radikale Ordnung als auch unbeherrschbares Chaos lassen sich überall wiederfinden.

Natürlich kann man meine Arbeit auch als Appell für eine angepasstere, individuellere Gestaltung sehen, zumal mich die bewusste Abkehr von der Reduktion in der Gestaltung im letzten Kapitel zu neuen Ansätzen im Gestalteruniversum geführt hat, die ich analysiert und aufgelistet habe. Gerade in Sachen Generativität könnte in dieser Hinsicht ein Ansatz für mehr Individualität liegen. So zeige ich als eines der Beispiele die Corporate Identity für das Max Plank Institute of Molecular Cell Biology and Genetics, das sich von den Prinzipien der Evolution inspirieren lässt und sich immer weiter verändert. Hier kann man sagen, dass reduzierte Gestaltung nicht angebracht beziehungsweise nicht zielführend gewesen wäre. Aber das kann sich in jedem Kontext wieder ändern.

Meine Arbeit sehe ich daher eher als Anstoß, den eigenen Standpunkt zu hinterfragen und zu überdenken. Ob am Ende eine diversifizierte Gestaltung stehen muss, lasse ich bewusst offen. Vielleicht überfordern den Leser ja auch die Ansätze, denen ich nachgehe und er findet die reduktive Gestaltung gerade dadurch wieder attraktiv. Ich sage nur, dass es diese Prozesse gibt, die Parallelen offensichtlich sind und dass sie wertvolle Inspiration liefern können – welche Relevanz sie am Ende für den Leser und dessen zukünftige Gestaltung haben werden, kann ich nicht beeinflussen.

 

 

4. Welches Gestaltungsraster hast du selbst in deiner Arbeit angewendet?

 

Ich habe mich selbst schon immer für strenge Gestaltungsraster und den bewussten Bruch damit begeistern können. Mehrere Arbeiten vor der Bachelor-Thesis zeigen diese Merkmale auf. Das Raster meiner Bachelor-Thesis basiert auf den Beispielen, die Josef Müller-Brockmann in seinem Buch „Grid Systems in Graphic Design/Raster Systeme Fur Die Visuele Gestaltung“ erklärt. Die einzelnen Rasterfelder basieren auf dem Grundlinienraster des Fließtextes. So wird sowohl für Bilder als auch für Text eine relativ große Varianz gewährleistet. Den Bruch mit dem Raster vollziehe ich dann durch die bewusste Wanderung der einzelnen Elemente nach physikalischen Regeln, wie zum Beispiel die der Gravitation. Während im ersten Kapitel alle Elemente auf ihrem angestammten Platz sind, wandern sie im Laufe des Buches immer weiter von diesem weg. Diese Wanderung der Elemente wird erst im Nachhinein durch die Verschiebung zu den Rasterlinien deutlich. Ein kleiner Kniff, den ich zum einen dafür nutze, die im Inhalt angesprochenen Regeln direkt anzuwenden und zum anderen die Statik eines Buches hin zu einem modularen System zu transformieren.

 

 

5. Wie heißt die Farbe, die du für das Cover verwendet hast? Und warum hast du ausgerechnet diese gewählt?

 

Der Streifen, den ich mit einem Pinsel über die Rückseite und das Cover gezogen habe, ist mit einer Cyanotypie-Emulsion gemacht. Diese färbt sich unter Sonnenlicht von Gelb über Türkis bis zu einem dunklen Blau. Bei guten Lichtverhältnissen dauert die Reaktion nur knapp eine Stunde. Ursprünglich war diese Emulsion eine der ersten Techniken, um dauerhaft haltbare Fotografien herzustellen. Die Emulsion selbst besteht aus zwei Lösungen von Salzen, die 1:1 miteinander gemischt werden und ab dann lichtempfindlich sind.

Der Streifen macht das Buch also zu einem Empfänger von äußeren Einflüssen und nimmt – wie auch schon die Wanderung der Layoutelemente – die Statik des Mediums Buch und transformiert es zu einem Objekt, das in der Lage ist zu interagieren. Diese Tatsache und der individuelle Duktus jedes einzelnen Streifens machen jedes Buch zu einem Unikat. Der Streifen greift somit auch die im Inhalt angesprochene Rückkehr zu mehr Individualität weiter auf.

 

 

6. Du hast sowohl die Recherche selbst betrieben als auch alle Texte geschrieben – und schlussendlich die Publikation (in zwei verschiedenen Formaten) gestaltet. Wie sah dein Zeitplan aus?

 

Die eigentliche Arbeit an der Thesis zog sich über ungefähr vier Monate. Die Recherche dauerte ca. ein Monat und die anschließende Textphase mit Korrekturen ungefähr sieben Wochen. Das eigentliche Layouten habe ich in circa eineinhalb Monaten fertig gestellt. Obwohl ich von Anfang an versucht habe, die Texte und Inhalte möglichst gut zu strukturieren, geriet ich am Ende in Stress, je näher der Drucktermin rückte, aber ich denke bei einer Bachelor-Thesis sind Nachtschichten ganz normal und auch erforderlich. Ohne die wäre es dann auch kein Projekt mit so viel Herzblut geworden. Am Ende wurden es dann doch 500 Seiten Umfang. Die Layoutphase, in der ich zwei Formate der Publikation gestalten musste, stellte mich vor eine weitere, zeitliche Herausforderung. Die verschiedenen Elemente der Publikation machten individuelle Layouts nötig, weshalb ich die große Version nicht einfach skalieren konnte. Schon alleine die Mindestfließtextgröße für die kleine Variante hat das ausgeschlossen. So arbeitete ich an beiden Formaten parallel und machte jeden Prozess zweimal.

Natürlich hat die Auseinandersetzung mit der Thematik und die Themenfindung schon etwas früher begonnen, zumal die Arbeit Themen behandelt, mit denen ich mich schon länger befasst habe. Die Gliederung dafür stand schon etwa zwei Monate vor der offiziellen Recherchephase.

 

 

7. Warum gibt es diese zwei verschiedenen Formate der Publikation? Und was bietet die Webseite, die du zusätzlich gestaltet hast?

 

Die beiden Formate für die Publikation haben eine recht simple Begründung: die Vervielfältigung. Ich habe bei vorangegangenen Bachelor-Thesen gesehen, dass sich jeder Absolvent irrsinnig viel Mühe gibt, die Texte selbst schreibt, etc. und dann werden davon drei Exemplare gedruckt, die dann für immer in der Schublade verschwinden.

Meine Intention war es von Anfang an, dem entgegen zu wirken. Im Laufe der Recherche- und Textphase habe ich gemerkt, dass die These, die ich aufstelle, Relevanz für so viele Bereiche hat, dass es sich lohnen würde zumindest eine kleine Charge zu verkaufen. So entstanden dann die beiden Versionen: die große Version, im Format 22,0 x 29,4 cm mit offener Fadenheftung, die im Innenteil auch einige Farbseiten spendiert bekommen hat, und die kleine im Format 15,0 x 20,0 cm in Klebebindung, die komplett in Graustufen gehalten ist, um den Preis gering zu halten. Inhaltlich unterscheiden sich die beiden Versionen nicht und auch die Layouts sind fast identisch. Die kleine Edition war limitiert auf 40 Exemplare und ist mittlerweile vergriffen. Sogar in die Bibliothek der FH Mainz haben es zwei Exemplare geschafft.

Die Webseite, die du ansprichst, ist zum einen eine kleine Zusammenfassung mit Kaufanreiz und zum anderen Bestellplattform für die kleine Edition. Sie stellt in vertikal gegenüberstehenden Slides natürliche Phänomene und Ordnungsprinzipien dar und führt durch neun essenzielle Thesen, die im Inhalt behandelt werden. Wirken sollten vor allem die Bilder mit ihren starken Strukturen, weshalb sich der Infotext nur bei Bedarf zeigt. Übrigens eine Gemeinsamkeit mit dem Buch: die Konzentration auf die Textur und Struktur eines Bildes machten es möglich, so wenig Farbe einzusetzen, da sie nicht die primäre Rolle für das Verständnis des Bildes spielten.

 

 

8. Deine Arbeit hat einen riesigen Umfang. Kann man sagen, dass sie das Ergebnis von allem ist, was du im und während des Studiums gelernt und erfahren hast?

 

Ja, ich denke das kann man so stehenlassen. Die Thesis ist zwar nicht das Ergebnis von dem was man während des Studiums beigebracht bekommen hat, aber sie ist die Zielführung vieler verschiedener Fragestellungen, die während den verschiedenen Projekten aufgekommen sind. Gerade die Frage nach provoziertem Zufall und der Abgabe von Entscheidungskraft an unbekannte Prozesse oder gar Algorithmen, hat mich von Anfang an begleitet. Die Thesis an sich deckt ja viele Bereiche ab und beantwortet sowohl kunsthistorische und philosophische Fragestellungen auf der einen Seite, als auch chemische, physikalische, biologische und soziologische auf der anderen. Diese werden dann ergänzt mit aktuellen Themen, wie der Rolle im Netzwerk, der Verantwortung des Autors im Gestaltungsprozess oder dem großen Thema der Generativität. Also ja, man kann sagen, dass die Thesis eine stringente und zielführende Auseinandersetzung mit allen Thematiken ist, mit denen ich im und während des Studiums konfrontiert wurde, aber auch mit Fragen, die mich schon geraume Zeit unabhängig von Design und Studium begleitet haben.

 

 

9. Gab es ausschlaggebende Ereignisse/Erkenntnisse im Prozess, die deine Arbeit am Buch in eine neue Richtung gelenkt haben?

 

Ganz am Anfang meiner Themenfindung war ich auf der Suche nach harmonischen Verhältnissen, die sowohl im Design als auch in der Kunst vorherrschen und sich auf unsere Sichtweisen auf „ideal“ oder „ungeordnet“ auswirken – Stichwort Goldener Schnitt. Im Laufe der ersten Rechercheschritte habe ich dann gemerkt, dass sich die harmonischen Verhältnisse, die wir als „schön“ empfinden, von Vorbildern aus unserer Umgebung abgeleitet haben. Das brachte meine eigene Sicht auf die Thematik von Ideal und Harmonie auf eine ganz andere Linie und führte schließlich zu den ersten beiden Unterkapiteln. Denn wenn wir annehmen, dass sich ein Mensch ohne jegliche Vorbildung im unbekannten Raum zurecht finden muss, so wird er sich bis zu einem gewissen Grad immer die Umgebung als Vorbild nehmen, obwohl er versucht, selbige auszublenden. Der gleiche Reflex lässt sich dann unter anderem bei der Schriftgestaltung wiederfinden, bei der sich die Buchstaben von einer ikonographischen Darstellung der Umgebung abgeleitet haben.

Harmonische Verhältnisse haben mich dann auch auf die Fährte der Ordnungsprinzipien geführt, denn sie dienen uns ja im Endeffekt dazu, eine Idealvorstellung von Ordnung zu bekommen. Die Erkenntnis, dass sich die harmonischen Verhältnisse aber aus dem ursprünglichsten Streben nach Ordnung jeglicher Materie generieren und auf jeder Hierarchie in anderen Dynamiken ausdrücken, brachte mich dann auf die Spuren der Physik usw. Ich denke im Nachhinein, dass genau diese Erkenntnis der Verwandtheit untereinander, der Thesis zum einen die Relevanz für so viele Bereiche und zum anderen, die Beantwortung so vieler selbst gestellter Fragen ermöglicht hat. Sicherlich motiviert solch eine Erkenntnis zum Weitermachen und war damals eine Bestätigung dafür, dass man auf der richtigen Spur ist.

 

 

10. Hast du vor, deine Arbeit einem Verlag anzubieten?

 

Ja, eine Veröffentlichung wäre natürlich die perfekte Vollendung meiner Thesis. Nach über einem halben Jahr Arbeit versuche ich momentan etwas Abstand dazu zu bekommen, um dann wieder mit einem frischen Kopf auf die Arbeit zu blicken. Die Arbeit ist ja auch eine Momentaufnahme meiner damaligen Recherche. Die positive Resonanz und der schnelle Verkauf der kleinen Edition zeigen mir aber, dass durchaus Interesse an dieser Thematik existiert. Selbstverständlich bedarf es noch einem Lektorat und professioneller Unterstützung bei der Umsetzung, aber ja das wäre ein Wunsch von mir. Falls Interesse besteht freue ich mich natürlich über jede Anfrage.

Shop

Nº 281
Design and Archives

form Design Magazine


Aws4 request&x amz signedheaders=host&x amz signature=6b22da8e328145b2201e6a223857678761fef8bb96451302115a730da04834b1 Jetzt bestellen

Kontakt

Verlag form GmbH & Co. KG
Wildunger Straße 8
60487 Frankfurt am Main
Germany

T +49 69 153 269 430
F +49 69 153 269 431
form@form.de

Leserservice

Fragen zur Abonnementrechnung, zum Abonnementangebot oder Adressänderung?

T +49 69 153 269 438
F +49 69 153 269 439
leserservice@form.de

Newsletter

Melden Sie sich jetzt an, um an exklusiven Ticketverlosungen teilzunehmen, monatliche Neuigkeiten zum Magazin zu erhalten und über aktuelle Design-Events und -Publikationen informiert zu werden.

Anmelden

Design Magazine
Established 1957

 

 
form.de