19. Februar 2019

News

Nachruf Tomi Ungerer
(1931–2019)

Text: Jörg Stürzebecher

Wie viele Leben hat er mit seinem Universum aus Zeichnungen, Collagen, Objekten und, ja auch einer merkwürdigen Katze(n)-Architektur begleitet, der nun gestorbene Tomi Ungerer? Schöpfer zahlreicher Bilderbücher, von denen viele zu modernen Klassikern des noch nicht so alten Genres wurden, der sarkastische Plakatzeichner, der Werber für Druckfarben und Dosengemüse, der Dokumentarist und Fantast sexueller Subkulturen, der das Kritische ebenso leicht aufs Papier brachte wie das Süßliche.



 

Fürwahr: was für ein volles Leben, was für ein vielfältiges Werk. Aufgewachsen ist der als Franzose Geborene in Straßburg, und glaubt man seiner wahrscheinlich der Dichtung vielleicht sogar mehr als der Wahrheit verpflichteten Autobiografie, so fand er schnell heraus, dass es im schnarrenden Nazijargon möglich war, die im nun wieder deutschen Elsass zwischen 1940 und 1945 vorgeschriebene Grußformel als „Ein Liter“ zu verstehen – ein Hörfehler als Subversion! Renitent war er und schon beim Schulabgang 1950 wurde ihm verdorbenes Denken und Benehmen vorgeworfen, er scheiterte am Abitur und kam 1956 als Autodidakt in die USA, wo er Werbung und Bilderbücher entwarf. Mit letzteren prägte er Generationen seit den noch Ende der 1950er-Jahre Geborenen, ob in den „Drei Räubern“, die auch eine Kritik an der bloßen Wertanhäufung sind und der „Mellops“-Serie bis hin zum Jungkater Toby Tatze, der seine Comics im Bad versteckt, Mäuse aus der Dose kennt und nichts mehr hasst als nasse Küsse der weiblichen Verwand- und Bekanntschaft. Man kann nur vermuten, wie viele junge männliche Leser zumindest Letzteres mit dem Katzenkind teilten und teilen, Ungerer revolutionierte hier wie auch an anderen Stellen das Bilderbuch, weg von der Pädagogik des „Struwwelpeter“ und den Niedlichkeiten Beatrix Potters, die er beide gleichermaßen gegen den Strich bürstete, hin zum inhaltlichen (Sur-)Realismus wie vielleicht außer ihm weit über die USA hinaus nur Maurice Sendak.

Dazu kommen die Satiren zur Doppelmoral in den USA, „The Party“ und natürlich „Fornicon“, dessen Masturbationsmaschinen seinerzeit zensurbedroht waren, als frauenfeindlich kritisiert wurden und heute Anregungen für Tests in neu-feministischen Zeitschriften bieten könnten. Lange vor den Grünen lebte Ungerer in Kanada die Rückkehr aufs Land inklusive Hausschlachtung vor, ohne das Städtische zu vergessen: die heile Welt war seine Utopie nicht, auch wenn ihm genau dies bei „Das große Liederbuch“, seinem wohl erfolgsreichen Werk für alle Altersstufen zum Vorwurf gemacht wurde. Immer neue Facetten des Alltags entdeckte er, bis hin zu den Codes des Sadomasochismus, und publikumswirksam fasste der Taschenverlag seine Arbeiten für Erwachsene im großformatigen vielhundertseitigen „Erotoscope“ zusammen. Doch sein eigentlicher Verlag blieb Diogenes, mit dessen Verleger Daniel Keel ihn seit 1957 jahrzehntelange Freundschaft verband, und Diogenes sorgte auch für kontinuierliche Lieferbarkeit von Ungerers Werken in vielen Preisklassen. Diese Werke werden auch kommende Generationen erfreuen und leider auch wahrscheinlich universitäre Arbeiten etwa zur Bedeutung des Wasserhahns im zeichnerischen Werk Ungerers nach sich ziehen, dessen ist sich zumindest der Autor gewiss.

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