Who Is Who

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Schicksale von Flüchtlingen – beispielsweise aus Syrien – bestimmen derzeit unsere Nachrichten und doch können wir sicher sein, dass auch diese Meldungen in nicht allzu weiter Zukunft wieder an Brisanz verlieren und von neuen Schreckensnachrichten abgelöst werden. Für die Betroffenen sind die furchtbaren Erlebnisse, etwa auf den Schlepperschiffen, meist nicht das Ende, sondern erst der Beginn einer viele Jahre, oft Jahrzehnte andauernden Odyssee durch provisorische Unterkünfte und Flüchtlingslager. Für andere ist es der Anfang einer schier endlosen Wartezeit auf Anerkennung oder Abschiebung in den unterschiedlichen europäischen Städten.




Im Rahmen der diesjährigen Social Design-Konferenz What Design Can Do, die im Mai in Amsterdam statt gefunden hat, wurde das Thema Flüchtlinge auch innerhalb des umfassenden Rahmenprogramms aufgegriffen. Die drei Grafikdesignstudentinnen Lizzy Steller, Lynn Smit und Kim Terpstra von der University of Arts Utrecht (Niederlande) entwickelten rund um den Status von Flüchtlingen und der damit verbundenen Anerkennung oder Illegalität ein Spiel: Who Is Who. Basierend auf der Geschichte von realen Flüchtlingen soll das Performance Game anregen, über die Funktionsweise des niederländischen Einwanderungsgesetzes zu reflektieren – repräsentativ für die Einwanderungsgesetze in ganz Europa. Bei dem Spiel geht es um zentrale Fragen: Wer darf bleiben? Wer ist ein echter Flüchtling und wer nicht? Was ist der Unterschied? Wer darf ein legaler Bürger werden? Und wer darf das entscheiden?

Gesetze beschäftigen sich genau mit diesen Fragen. Im Spiel wird schnell klar, dass es zwar Gesetze gibt, diese aber weder verständlich noch gerecht erscheinen, wenn man auf einmal selbst vor der „Einwanderungsbehörde“ steht. Genau hier setzt das Spiel an: Zuschauer werden selbst zu „Flüchtlingen“ und erfahren, wie sich der Prozess des Antragstellens und Abgewiesenwerdens anfühlt – ungerecht nämlich. Denn auch, wenn man Leidtragender einer entsetzlichen Geschichte ist (die man mit Hilfe einer Spielkarte beziehungsweise eines Reisedokuments zugewiesen bekommen hat), wird man allein deshalb noch nicht aus dem Kreis der Mitspieler ausgewählt. Wird man doch einmal nicht abgewiesen und erhält den Status eines „legalen Bürgers“, spürt man regelrecht die Macht und scheinbare Willkürlichkeit, die hinter diesem System steckt.




Das Spiel läuft wie folgt ab: Nachdem alle Mitspieler ein Reisedokument und ein T-Shirt mit ihrem Namen erhalten haben, stellen sich alle auf einem Spielfeld auf. Nach der Reihe werden verschiedene Einreisekriterien genannt – erfüllt man diese nicht, muss man das Spielfeld verlassen und in einem abgegrenzten Bereich warten. Wer am Ende übrig bleibt, darf vor die nach dem Vorbild des niederländischen Immigration and Naturalisation Service (IND) agierende „Einwanderungsbehörde“ treten und erhält seinen Urteilsspruch, der positiv ausfallen kann oder eben auch nicht. Alle übrig gebliebenen Spieler erhalten eine sogenannte Bed Bath Bread-Tüte, die genau das enthält – eine Decke, eine Zahnbürste und etwas Brot. Und dann heißt es wieder warten, auf eine neue Runde. Noch unbehaglicher wird es, wenn vor dem Tribunal der „Einwanderungsbehörde“ die Geschichte des Antragstellers vorgetragen wird und die Spieler in allen Einzelheiten die grausame, auf realem Vorbild beruhende Geschichte dieser Person kennenlernen.

Mit einfachen Mitteln schaffen es die Studierenden, mit dem Spiel ihre Botschaft zu vermitteln: Flüchtlinge sind keine anonymen, hilflosen und passiven Schatten, erst das System und unser Umgang mit diesem Thema machen sie dazu.
















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Dossier
Krisensituationen
Jahr
2015
Disziplin
Produktdesign, Kommunikationsdesign, Game Design
Ausgabe
form 260
Links
whatdesigncando.com
hku.nl

Erfahren Sie in form 260 mehr über die Situation von Flüchtlingen und welchen Beitrag Design in diesem Feld leisten kann. Das Magazin kann online über unseren Shop bestellt werden.

Text: Jessica Sicking