30. September 2019

Dossiers

Interview mit Wiebke Loeper

Text: Stephan Ott

Wer sich mit Wiebke Loeper über das Thema Ostdeutschland unterhält, sollte viel Zeit mitbringen, denn ihre Erinnerungen sind detailreich. „Das ist ja auch das Schöne an einem Gespräch, man kommt vom Hundertsten ins Tausendste“, sagt Loeper. Nachdem wir aus Platzgründen in der Printausgabe nur eine gekürzte Fassung des Interviews abdrucken konnten, wollen wir Ihnen an dieser Stelle die Langversion nicht vorenthalten. Im Folgenden nun also das gesamte Interview mit der Fotografin und Professorin Wiebke Loeper, geboren 1972, bis zur Volljährigkeit aufgewachsen in einem nicht nur für DDR-Verhältnisse besonderen Experimentalbau.

 

Wiebke, Du bist 1972 in Berlin, Hauptstadt der DDR, geboren, in Westdeutschland war systembedingt immer nur von Ost-Berlin die Rede, heute lebst Du in Berlin-Mitte. Da haben wir in einem Satz alle Berlins, die es in Deinem Leben gab.

 

Na, und West-Berlin gab es da natürlich auch. Ich bin in Ost-Berlin geboren, würde ich heute sagen, und das war natürlich zu dem Zeitpunkt die Hauptstadt der DDR. Ich bin bis zu meinem 18. Geburtstag in der Nähe vom Alex im 17. Stock mit dem täglichen Blick nach West-Berlin und SFB 2 im Ohr aufgewachsen.

 

Von der Schriftstellerin Annett Gröschner stammt der Satz: „Die Ostlerin in mir ist im Laufe der Jahre geschrumpft.“ Ist das bei Dir auch so?

 

Das ist ein toller Satz. Den könnte ich sofort unterschreiben. Eigentlich bin ich aber nach dem Mauerfall erst einmal zum Ossi geworden, weil ich plötzlich diese Zuschreibung bekommen habe, die für mich so nicht stimmte, wie sie sicher für viele andere auch nicht stimmte. Da kommen wir auch gleich aufs Design. Als ich mit sech Jahren in die Schule kam, ist mir erklärt worden, wenn Dich einer fragt, welche Form die Uhr im Fernsehen hat, ist sie quadratisch. Ich habe nie eine quadratische Uhr im Fernsehen gesehen. Bei uns zu Haus im Fernsehen war die Uhr rund, weil die Tagesschau geschaut wurde. Insofern bin ich nach dem Mauerfall, das Wort Wende benutze ich nicht, das war für mich keine Wende, erst zum Ossi geworden. Im Lauf der Zeit ist dann die Ostberlinerin in mir geschrumpft.

 

Du hast Dich mit dieser Zuschreibung als „Ossi“, aber auch mit der DDR insgesamt vor allem in zwei Arbeiten, „Moll 31“ und danach „Lad“ auseinandergesetzt. Bevor wir dazu kommen, kannst Du zunächst etwas über das Hochhaus erzählen, in dem Du aufgewachsen bist?

 

Es war ein 18-Stöcker in der Mollstraße 31, ein Kernbau, während rundherum vorrangig Plattenbauten standen. Durch die Skelettbauweise hatte es viele Möglichkeiten, was die Gestaltung der Grundrisse anging. Mein Vater hat nach seinem Studium an der Bauakademie angefangen, als Architekt zu arbeiten und war an der Entwicklung dieses Experiments beteiligt. Das Ziel war, in diesem Hochhaus frei gestaltbare Grundrisse zu erreichen, mit verschiebbaren Wänden, das war für die 1960er und 70er Jahre auch international ein Thema. Es sollte der Tatsache gerecht werden, dass Familien sich ändern beziehungsweise, dass Paare erst zu Familien werden und sich die Wohnungen dem anpassen können. Das System bestand aus Leichtkernwänden, die man oben und unten verspannen konnte. Dazu wurde auch ein raumbildendes Möbelsystem entwickelt. Ursprünglich sollte das ganze Hochhaus bespielt werden, aber aus wirtschaftlichen Gründen ist das Projekt auf drei Etagen beschränkt worden, vom 16. bis zum 18. Stock.

 

Und Ihr habt in so einer Wohnung gewohnt?  

 

Mein Vater, der nicht in der Partei war, durfte da einziehen, weil er dieses Experiment über Jahre beratend begleiten sollte. Wir bekamen dann zu dritt eine 48 Quadratmeter- Wohnung, das war sensationell, mit verschiebbaren Wänden, Telefon, Warmwasser, Zentralheizung und mit Blick bis zu den Müggelbergen.



 

Es gab von Anfang an Probleme mit der Statik des Gebäudes. Deshalb musstet Ihr schon 1989, 17 Jahre nach Fertigstellung, wieder ausziehen.

 

Eine typische DDR-Geschichte. Das Haus sollte zu Erich Honeckers Geburtstag 1971 fertig werden, denn Honecker fuhr jeden Tag auf der sogenannten Protokollstrecke von Wandlitz zu seiner Arbeitsstätte. Der zuständige Bauingenieur hatte darauf hingewiesen, dass das Fundament noch aushärten muss. Dann kam aber die Ansage, dass weitergebaut werden soll und deswegen ist das Haus nach einem Jahr gesackt und stand dann schief. Deshalb hatte es enorme statische Probleme, was zu total lustigen Geschichten geführt hat. Bei uns hat es immer reingeregnet, das heißt wir hatten immer ein Kuchenblech im angekippten Fenster. Mein Vater hat dann Konstruktionen mit Schnüren gebaut, sodass das Wasser zentral zusammenlaufen konnte. Das hat unseren Besuch aus dem Westen immer amüsiert, weil es diese typische DDR-Mischung aus Manko und Lösung hatte. Es sah nicht schlecht aus, es war eine Installation.

1989 mussten wir dann ausziehen, weil das Haus saniert werden sollte. Auf unserem ehemaligen Spielplatz wurden zwei Riegel gebaut, da sollten alle Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses reinziehen und nach der Sanierung wieder zurück. Dazu kam es nie, weil der Fall der Mauer dazwischen kam und man dadurch plötzlich dachte, das sei ja ein wertvolles Grundstück, wobei es dann über zehn Jahre gedauert hat, um rauszufinden, was wertvoll ist und wofür. Irgendwann hat man dann angefangen, das Gebäude rückzubauen. Man hätte es nicht samt Fundament sprengen können, weil sonst alle Plattenbauten ringsum nachgesackt wären. Deswegen steht da heute auch ein Haus mit sehr ähnlicher Kubatur. Es ist sehr witzig, wie sich die Dinge austauschen: Da stand dieses Haus, im Grunde ein Sinnbild modernen Lebens – unten war die Pablo Neruda-Bibliothek untergebracht, es gab eine Wäscherei und die Espressobar – wo über jedem Tisch ein Richtmikrofon hing, wie wir heute wissen – und jetzt steht da die Mercedes Benz-Bank mit einem Ibis Hotel.

 

Aus Deiner persönlichen Geschichte mit dem Haus ist dann Deine Arbeit „Moll 31“ entstanden. Wie kam es dazu?

 

Ich habe 1990 angefangen, Fotografie zu studieren. Im Osten konnte man das nur an der Kunsthochschule in Leipzig. Da gab es vier Studienplätze im Jahr, weil ja nur so viel Leute ausgebildet wurden wie gebraucht wurden. In dem Jahr hat man sich dann, weil es 1990 war, entschieden, dass man mal ein Experiment wagt und doppelt so viele aufnimmt, also acht – eine horrende Zahl. Auch hat man sich entschlossen, ein paar Junge aufzunehmen. Normalerweise lernte man erst einen Beruf vorher. Grit Schwerdtfeger und ich waren glaube ich die ersten, die jemals mit 18 ein Fotografiestudium angefangen haben.

Es war aber auch die Zeit, in der die neuen Professoren, die ganze Westriege, Joachim Brohm, Timm Rautert, Astrid Klein, mit einer gefühlt unglaublichen Langeweile und Übersättigung an die Hochschule kamen, weil sie alles kannten. Für mich, mit meinen 20 Jahren und meiner glühenden Begeisterung war das ein Schock, denn da kamen plötzlich Leute, die sagten, gute Bilder gibt es genug und davon brauchen wir auch nicht noch mehr. Das war für mich ein existenzielles Erlebnis, und ich habe überlegt, ob ich aufhöre zu studieren.

 

Was hat dazu geführt, dass Du Dich dann doch anders entschieden hast?

 

Ich habe darüber nachgedacht, welche Geschichten nur ich erzählen kann. Es ging mir ein Stück weit um Rehabilitation, um Irritation. Ich wünsche mir, dass es plötzlich nicht mehr trennend, sondern spannend ist, dass Du im Westen aufgewachsen bist und ich im Osten. Plötzlich ist man in derselben Zeit aufgewachsen. Natürlich haben im Osten Leute über Fragen des variablen Wohnens zur selben Zeit nachgedacht wie das Leute im Westen oder in Japan getan haben. Da sind wir an dem Punkt, was Fotografie kann. Sie kann verschiedene Erlebnisse anstoßen. Die einen sprechen, wenn sie „Moll“ anschauen, vom Verlust des Ortes und der Geborgenheit, die anderen sprechen über Design und die nächsten sprechen über Architektur oder Lebensformen. Deswegen war die Verunsicherung, die damals im Studium stattgefunden hat, letztlich eine wahnsinnig produktive. Mein eigener Weg in der Fotografie beginnt mit „Moll“, weil ich ab da wusste, warum ich Fotografie mache.

 

Bist Du dann 1995 noch einmal in das Hochhaus rein oder hattest Du die Bilder schon gemacht?

 

Ich war sehr krank und konnte drei Wochen das Bett nicht verlassen. Da habe ich angefangen, mir die Dias meines Vaters anzugucken. Er hat ja nicht nur als Familienmitglied, sondern auch als Dokumentarist seines eigenen Projektes fotografiert. Diese Bilder sind für mich die Brücke in die Zeit. Ich hatte tatsächlich, jetzt wo Du fragst, fällt es mir ein, schon vorher angefangen, in dem Haus zu fotografieren – erst mit Mittelformat und schwarz-weiß, bin dann damit aber völlig gescheitert. Ich hatte dieses leere, rotte Haus und ich habe diesen Bogen zu diesem Glück der Kindheit und dieser vergangenen Zeit nicht hinbekommen. Mit wurde dann schnell klar, ich nehme seine Kamera, seine Objektive, gehe zurück in dieses Haus und nehme diese Bilder noch mal auf, natürlich ohne Personen. Über eine Bekannte hat mich dann ein Hausmeister reingelassen. Dann hatte ich einen Tag Zeit in dem Gebäude.

 

Das heißt, du musstest viel von dem, was Du bis dahin mit Fotografie verbunden hast, aufgeben. Du hast ja nicht nur durch die Kamera Deines Vaters geschaut, sondern auch dessen Perspektive eingenommen.

 

Das ist ein ganz spannender Punkt. Ich habe die Autonomie des Bildes aufgegeben, weil ich seine Bilder wieder fotografiert habe. Die Möglichkeit, die ich hatte, war die Strenge des Konzeptes. Ich hatte beschlossen, nicht zu versuchen, zum Beispiel ähnliche Lichtstimmungen herzustellen. Ich habe mir gesagt, ok, das ist der Flur, heute sieht er so aus. Ich wollte überhaupt nichts Sentimentales, keine Rückschau, kein Kinderalbum. Ich wollte den stereotypen Bildern eines Aufwachsens in der DDR etwas entgegensetzen.

 

Welche Geschichte steckt hinter „Lad“?

 

„Lad“ ist aus einer ähnlichen Aggression wie „Moll“ entstanden, mit Wut auf alle hässlichen Dinge und Orte, mit denen ich aufgewachsen bin. Und aus der Irritation heraus, kein Land vorzeigen zu können, aus dem ich komme. Ich habe mich in „Lad“ mit der Diskussion beschäftigt, die innerhalb der DDR stattgefunden hatte. Wo soll es hingehen mit Gestaltung, mit Architektur? Die Diskurse wurden unglaublich ernst genommen, dass hatte natürlich immer auch etwas mit Existenz zu tun. Wenn dann entschieden worden war, dass das nicht der Weg ist, der akzeptiert wird, dann gab es natürlich auch keine Möglichkeit mehr weiterzumachen. Anders als im Westen, wo es Pluralität gab.

Ich habe mir für „Lad“ eine Liste gemacht und die habe ich abgearbeitet: Turnhalle, Kaufhalle, Kino International, Dämmstoff, Schrank. Schrank spielte für mich eine sehr große Rolle. Durch die raumbildenden Möbelsysteme zerfiel meine Kindheit als wir ausgezogen sind in Stapel von Möbelplatten, es gab keine Truhe und keinen Schrank, keinen sicheren Raum, den ich mitnehmen konnte.

 



 

Welchen Schrank hast Du dann fotografiert?

 

Den in der Schule. Und da ist auch wieder dieser Konflikt von Anerkennung und Ablehnung drin. Ich habe gedacht, Du bist also der Schrank aus meiner Kindheit, schief und hässlich. Der war wirklich kein erfreuliches Gegenüber.

Das war für mich lange ein großes Problem. Aus meiner Kindheit gibt es durch dieses Modern-Praktisch-Gut, durch diese Begeisterung für Plastik und modulare Systeme keine Dinge, die altern. Das war für mich ein riesen Manko. Mein Vater als Architekt hat immer gefragt: Warum machst Du Dich an Dingen fest. Das ist bis heute eine große Diskussion, die wir miteinander führen.

 

Machen sich Architekten nicht an den großen Dingen, nämlich ihren Häusern fest?

 

Nee, mein Vater macht das nicht an Dingen fest. Da ist er komplett konsequent. Ein Haus ist für ihn ein Entwurf aus einer bestimmten Zeit, eines Denksystems aus einer bestimmten Zeit. Und wenn man ein neues Denksystem hat, kann man auch neue Häuser bauen.

 

Inwiefern hat Dir „Lad“ bei der Lösung des Problems geholfen?

 

Meine Familie kommt von der Ostsee, jedenfalls seit einer Generation, und „Lad“ sind diese Kisten, die in reetgedeckten Häusern stehen; die konnte man im Notfall schnell rausziehen. Da waren die ganzen Dokumente und auch die wichtigsten Dinge des Haushalts für den Neuanfang drin.

Die Sammlung aus 36 Bildern ist meine „Lad“. Ich habe dann auch kapiert, mehr brauche ich eigentlich nicht als diese Kiste. Ich muss diese Kiste auch nur aufmachen – darin hat sie eine ähnliche Funktion wie „Moll“ – um das Thema jemandem zugänglich zu machen. Ich für mich muss diese Kiste eigentlich nicht mehr aufmachen.

 

Hat sich also mit „Moll 31“ und „Lad“ Deine Wut gelegt?

 

Auf jeden Fall. Massiv. Wenn mich einer fragt, wie war das denn, als Du im Osten aufgewachsen bist, dann ist mir „Moll 31“ nach wie vor die liebste Antwort. Dieses Buch hat eine unglaubliche Arbeit geleistet. Das ist der Bezugsrahmen. Ich denke, es ist eine persönliche, keine private Arbeit, weil sie genau guckt, in welchem Bezugsrahmen das stattgefunden hat. Damit war die Geschichte für mich erzählt. Ich habe dann zwar Moll im Abriss noch dokumentiert, weil es mich skulptural interessiert hat, habe damit aber nie was gemacht, weil ich es so spannend nicht fand.

 

Wie ist das heutzutage? Kannst Du, zum Beispiel im Rahmen Deiner Tätigkeit als Professorin, auch noch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer zweifelsfrei erkennen, welche Studierenden aus den neuen und welche aus den alten Bundesländern kommen?

 

Also was für mich nach wie vor alarmierend ist, dass ich merke, wenn ich irgendwann als Professorin gucken lasse – und ich sage bewusst gucken lasse –, dass ich aus dem Osten bin, dass das nicht erwartet wird und dass dann ganz spannende Sachen passieren. Sowohl, dass bei Studierenden, deren Eltern aus den neuen Bundesländern kommen, eine Entspannung eintritt, dass sie sich anders zeigen, auch andere Themen aufbringen, sich anders äußern. Und bei Studierenden, deren Eltern aus den alten Bundesländern kommen, dass da ein ganz waches Interesse besteht und ganz andere Fragen kommen.

Trotzdem merke ich, dass ich nach wie vor an vielen Stellen sehr bewusst damit umgehe, ob ich zeige, dass ich aus dem Osten bin oder nicht. Das bedeutet ja was, dass ich, man könnte es negativ formulieren, Herkunft verstecke. Man kann es aber auch positiv formulieren, dass ich sehr bewusst damit umgehe, ob ich es zeige oder nicht.

 

Das öffentliche Bild von Ost und West wird ja auch weiterhin eifrig zementiert. Der Osten gilt gemeinhin als rechts und arm, und der Westen hat immer Recht. Auch wenn es sich in den vergangenen 30 Jahren relativiert haben mag, wird dieses Bild an vielen Stellen weiterhin subkutan transportiert. Inwieweit behindert das die Normalisierung unseres Umgangs miteinander?

 

Unter den Professorinnen und Professoren ist das kein Problem, denke ich. Aber was erzählt es der heranwachsenden Generation? Wenn ich davon ausgehe, dass mein Professor männlich, weiß und aus dem Westen ist, dann erzählt das was darüber, wer die Ansage macht. Das ist zwar nicht meine Vorstellung von Professor-Sein, aber es hat etwas mit Macht zu tun oder mit Erfolg. Ich meine, wir haben eine Bundeskanzlerin, die ist Frau, die kommt aus dem Osten, das sind Signale, die glaube ich wichtig sind und die werden sich weitererzählen in die nächsten Generationen. Natürlich wählt der Osten nicht nur rechts. Es ist auch da nicht schwarz-weiß, trotzdem glaube ich, dass diese Forterzählung von Erfolg, von Wert, von den Biografien der Eltern eine ganz große Rolle spielt. Deswegen halte ich es schon für sehr wichtig, dass man darauf achtet, dass in Führungspositionen alle Formen von Hintergründen vertreten sind. Darauf müssen wir überhaupt in der Gesellschaft achten.

 

Gibt es in der Generation Deiner Studierenden ein Bewusstsein dafür? Fordern sie beispielsweise dieses Beachten ein?

 

Ich bin da sehr ambivalent. Einerseits habe ich das Gefühl, dass es so ist wie bei uns damals, dass es immer wieder ganz ähnliche Typen gibt. Es gibt die Weltveränderer, die sich unglaublich engagieren, es gibt die Leute, die mich verblüffen, weil sie sehr genau wissen, dass sie Geld verdienen wollen. Deshalb würde ich nie sagen: „Die Studierenden heute sind so und so.“ Die sind genauso divers wie wir. Aber was natürlich unterschiedlich ist, sind die Anforderungen, die heute bestehen, auch in Verbindung mit dem Lebensstandard. Studierende haben heute einen sehr hohen Lebensstandard, für den sie aber auch wiederum sorgen, sprich arbeiten müssen. Damit haben sie weniger Zeit für’s Studieren. Geld verdienen ist toll, aber dadurch geben sie auch etwas auf, was mit Freiheit zu tun hat, was mit Zeit zum Wachsen, zum Probieren, einem Sich-Vertiefen zu tun hat.

Sich heute zu konzentrieren und sich angesichts der Fülle von Informationen und der Komplexität von Dingen zu entscheiden, ist eine große Herausforderung. Da spüre ich bei den Jungen heute ganz oft eine Sehnsucht, aber auch eine Angst: „Wenn ich mich vertiefe, ich mir die Zeit nehme, dann kostet mich das auf der anderen Seite etwas, ich muss dafür Dinge ausschließen.“ Andererseits ist es auch absolut großartig, welche Entscheidungsmöglichkeiten sie heutzutage haben.

 

Bist du letztlich also Optimistin?

 

Was die junge Generation angeht, sorge ich mich eigentlich nicht. In Sorge bin ich eher darüber, was in dieser Welt in den nächsten zehn Jahren passiert. In was für einer Welt wird diese Generation, die jetzt studiert, leben? Dann sind wir aber wieder bei dem Zementieren, was Du vorhin angesprochen hast. 30 Jahre nach Öffnung der Mauer muss man aufpassen, dass nicht andere Dinge zementiert werden. Das finde ich beunruhigend, über Generationen hinweg.

 

Wäre dann unser aller Aufgabe, das Zementierte aufzubrechen, so wie Du es mit „Moll“ und „Lad“ getan hast?

 

Wenn ich nicht bestimmte Dinge formuliere, dann sind sie nicht da, und wenn es bestimmte Bücher nicht gibt, dann werden sie nicht angeguckt, dann werden sie nicht gelesen und dann überlässt man das Feld den anderen. Deswegen finde ich es auch so wichtig, es in eine Form der Äußerung zu bringen, wie auch immer die aussieht, um sich zu beteiligen …

 

… die Deutungshoheit den anderen zu überlassen, ist noch nie eine gute Idee gewesen, was ja nicht heißt, dass die eigene Deutung die absolute Wahrheit ist …

 

… nee, wichtig ist nur, dass man seine Stimme einbringt.

 

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