Zukunft von Gestern.
Visionäre Entwürfe von Future Systems und Archigram

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt

–18. September 2016

dam-online.de

 


Utopien, im nirgendwo angesiedelte Entwürfe einer im Noch-Nicht vermuteten, vermeintlich besseren Welt, Ideallösungen unter Berücksichtigung der jeweils bekannten technischen Möglichkeiten, sind seit Plato Bestandteil westlichen Denkens. Und je mehr das Technische das Gesellschaftliche überlagert, um so mehr drängt es zur Visualisierung der Visionen, zum Bild und zum Modell. Das lässt sich jetzt an den Architekturutopien von Archigram und Future Systems überprüfen, die das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt in einer kompakten Ausstellung zeigt.




Dabei sind die Entwürfe von Archigram (1961–1976) von wandernden Riesenstädten über Trichterhochhäuser bis zu durchaus realisierbaren Multifunktionszentren im modularen Aufbau fester Bestandteil vieler DAM-Schauen, nachdem das DAM bereits 1986 viele der auch dreißig Jahre später gezeigten Entwürfe in der Schau „Vision der Moderne – Das Prinzip Konstruktion“ präsentiert hatte. Doch wachsen ja immer wieder neue Generationen nach, denen das alte Neue noch nicht gezeigt wurde, und eine Wiederbegegnung mit diesen filzstiftfarbgesättigten großformatigen Collagen der Swinging Sixties kann begeistern, auch wenn die gerundeten Telefonzellenreihen dann doch arg in die Jahre gekommen sind. Archigram also, schön und bekannt. Zumindest für Deutschland meist neues Altes zeigt jedoch die Schau mit den Arbeiten von Jan Kaplický(1937-2009), einem tschechisch-britischen Architekten, der um 1975 begann, konstruktiv-anspruchsvolle Lösungen für mobile Architektur zu entwickeln. In der Tradition von Richard Buckminster Fuller oder Jean Prouvé entstanden so Obdächer für temporäre Nutzungen, die auf Konstruktionstechniken des Flugzeugbaus unter Anlehnung an biomechanische Vorbilder (Raupe, Facettenauge) zurückgriffen. Was aber technisch seinerzeit realisierbar war (gerundete Acrylglasfenster, pneumatische Kufen, Hydraulik), blieb gesellschaftlich konventionell und ökonomisch als Einzelprojekt unrentabel: Einfamilienhäuser als Rückzugsorte und Personenstützpunkte, Stadt-in-der-Stadt-Hochhäuser und formal innovative, inhaltlich traditionelle Entwürfe für Stadtbrachen. Die späteren Realisationen und Wettbewerbsbeiträge der von Kaplický gegründeten Architektengemeinschaft Future Systems, die darauf aufbauen, demonstrieren denn auch eher Verlust an Möglichem – gebaute Utopien sind eben keine mehr. Dennoch ist es anregend zu sehen, wie etwa Doppelrotoren-Hubschrauber Bautypen anregen, nur bleibt die Ausstellung meist ungefähr-ungenau. 




Es ist Architekturgeschichte light, die das DAM hier zeigt, ohne Plangrößenangaben oder Herkunftsmaterialhinweise. Das ändert sich auch nicht im annähernd LP-Cover-großen Katalog, dessen pink-blauer Umschlag mit Reliefschrift an die 1970er-Jahre erinnert: Ein Buch, so recht passend für die Retrostyle-Einrichtung. Da kann man sich dann über Geschichtsirrtümer ärgern wie, in den 1980er-Jahren sei die Hochzeit des Kalten Krieges gewesen – Reagans Star Wars war kuriose Droh-Episode, die Kuba-Krise 1962 dagegen wirklich gefährlich! – aber das persönliche Vorwort des DAM-Leiters Peter Cachola Schmal mit seinem Hinweis, dass Architekturstudierende sich statt für Reich-Werden und für Fassaden einst für Konstruktionen interessierten, versöhnt wieder. Im Übrigen sei die Ausstellung für einen ein- bis zweisündigen Aufenthalt, der nicht langweilt, empfohlen.

 

Der Katalog kostet in der Ausstellung 30 Euro.

 

 

Jörg Stürzebecher
















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