Zum Tod von Klaus Winterhager

19. März 1929 – 7. Januar 2016


Ein Grafiker, der immer nur einen Entwurf vorlegte, nie mehrere, unter denen der Auftraggeber auswählen konnte. Ein Grafiker, der auch Texte schrieb, doch kein Texter war. 




Karl-Heinz Krug, der damalige Chefredakteur von form, hat Klaus Winterhager und mich zusammen gebracht. Ich hatte im Frühjahr 1973 im Auftrag des Kunstgewerbemuseums Köln die Planung begonnen für die Ausstellung „Sehen und Hören, Design & Kommunikation“. Karl-Heinz meinte, dass Klaus Winterhager und ich es miteinander könnten, denn Karl-Heinz hatte Winterhagers Rat schon oft bei Inhalt und Gestaltung von form erfahren. Ein bloß unverbindlicher „Berater“ war Winterhager für mich nicht. Sondern Anreger, der mir auch gelegentlich unbequem war. Trotzdem, Karl-Heinz hatte Recht gehabt. Winterhager hat für diese Designausstellung in der Kunsthalle Köln Plakat, Faltblatt und Katalog gestaltet. Die Wangen der Treppenstufen hatte er so beklebt, dass die Besucher das Motto „Sehen und Hören“ vor Augen Stufe für Stufe nach oben stiegen.

 

Manfred Sack schrieb 1983 in einer Broschüre der Agentur Schumacher-Gebler über dieses Plakat:
„Seine Art, sich graphisch auszudrücken, ist mir zum ersten Mal auf einem Plakat aufgefallen, das für eine Ausstellung warb. Sie hieß „Sehen und Hören, Design & Kommunikation“. Das Plakat zeigte ein in lauter kleine quadratische Partikel zerlegtes Porträt eines männlichen Gesichts, so, wie elektronische Übermittlungsgeräte Bilder zerlegen und die Augen sie wieder zusammensehen. Augen und Ohren waren darin mit demselben Gesicht dargestellt, aber mit photographischer Genauigkeit. Die Gesichts-Augen wirkten dadurch wie Vergrößerungs-Brillen, die Gesichts-Ohren wie Verstärker-Kopfhörer. Die Vision vom Sehen und Hören war unübersehbar eine Warnung: Euch wird Sehen und Hören schon noch vergehen! Das Bild, aus Assoziationen entstanden, rief wiederum Assoziationen hervor, vielleicht sogar dieselben, die der Graphiker im Sinn hatte“.




Von einem Exponat aus „Sehen und Hören“ ist zu berichten: Das norwegische Notblitzgerät TRON 3 gibt bei Notfällen im Gebirge oder auf See im Batteriebetrieb seine Signale für darauf vorbereitete Retter. Wir wollten seine Funktion in der Ausstellung darstellen, aber nicht in der fast dreimonatigen Ausstellungsdauer ständig die verbrauchten Batterien auswechseln. Daher haben wir das Gerät per Steckdosenkabel seine Notblitze leuchten lassen, statt das nur wenig aussagekräftige Gerät zu zeigen. Manfred Sack hat seinen vierspaltigen aktuellen Artikel in der ZEIT überschrieben mit „Wenn das Matterhorn nun aber keine Steckdose hat?“ und auch sonst einiges an meiner Ausstellung kritisiert (heute gebe ich zähneknirschend zu, dass manche seiner kritischen Argumente berechtigt waren). Doch seine provozierende Headline hat mich damals sehr geärgert (nein, gekränkt), und Klaus Winterhager hat mich mit diesem Objekt in den Maßen 30 x 47 x 6 Zentimeter etwas getröstet. Ein Foto des Objekts haben wir Manfred Sack geschickt (ich tat dabei sehr souverän). Ihm hat das Objekt so gut gefallen, dass er auch ein Exemplar haben wollte. Ganz und gar nicht souverän habe ich dem von mir geschätzten Journalisten mitgeteilt, dass es nur ein Original gibt und dass ich das behalten würde.

Gisela Brackert als damalige Pressereferentin des Rat für Formgebung hatte ein seinerzeit noch wenig bewusstes Thema als Motto für den Bundespreis Gute Form 1974 vorgeschlagen, nämlich „Fahrräder und was dazu gehört, umweltfreundliche Individualfahrzeuge“. Es wurden nicht nur Touren-, Sport- und Mehrzweckräder, sondern auch viele Pedale, Weitstrahler, Gepäckträger und Studentenentwürfe von der Jury ausgezeichnet. Winterhager wählte nicht etwa eins der ausgezeichneten Räder für das Plakat aus, sondern machte diese in fahrradtypischer Haltung schwebende junge Frau zum Motiv für Plakat und Katalog. Das war verständlich. Und die das Bundespreis-Procedere überwachenden Bonner Wirtschaftsministeriums-Beamten waren zufrieden, dass nicht ein einzelnes Modell hervorgehoben sondern „das Radfahren an sich“ dargestellt wurde.

Für Haus Industrieform Essen entwickelte Winterhager Signet, Briefbogen, Jahresbericht und viele Einladungen – und das, weil unser Etat so knapp war – zu einem lächerlich niedrigen Jahres-Pauschalhonorar. Er konnte alle seine Ideen realisieren, ich hatte nie Einwände gegen seine Entwürfe. Durch seine guten Verbindungen zu Lithoanstalten und Druckereien schaffte er auch noch vergünstigte Preise für die Herstellung. Im Januar 1979 ist das Innere des Haus Industrieform – eine ehemalige Synagoge – ausgebrannt. Ich hatte Klaus gebeten zu meiner Unterstützung zu kommen, denn ich hatte Vorwürfe wegen möglicher mangelnder Aufsichtspflicht befürchtet. Während ich mit Juristen und Brandexperten durch das schaurig schwarze Gebäude ging, fotografierte Klaus die hitzebeschädigten Exponate. Nicht als Beweis für die Versicherung, sondern weil sie ihn als „Skulpturen“ beeindruckten. Er machte daraus dieses Brandposter, es wurde der form beigelegt. Er schrieb dazu:

 

„Die Halle des Hauses Industrieform Essen brannte am Nachmittag des 18. Januar 1979 aus. Die Fenster zersprangen. Die ehemals weißen Wände sind schwarz. Die Flammen kamen nicht an die Produkte auf den ausgedehnten Emporen heran. Gläser, Geschirr, Projektoren, Vervielfältigungsgeräte, Phono- und Fernsehgeräte, Tische, Stühle und so weiter. Doch die Hitze muss groß gewesene sein. Holz, Glas, Metall und Gewebe widerstanden größtenteils. Umso mehr machte die Temperatur Kunststoffe gefügig. Ihre Formen – von Designern entworfen, von der Industrie produziert und von Juroren kritisch ausgewählt – erweichten. Polyester und Acrylglas gaben vorübergehend dem Gesetz der Schwerkraft nach. Sie flossen, sanken, schmiegten sich an. Die Hitze triumphierte über gerade Linien und plane Flächen. Eine rußgeschwängerte thermoplastische Orgie. Sie erkaltete wieder, und zurück blieben erstarrte künstliche Tränen. Sie werden bald wieder den Formen der Designer weichen“.

Einige Flaschen Sekt (von der letzten Vernissage) hatten den Brand überstanden. Zur Entspannung, doch mit Beklemmung tranken wir im Kreis der Mitarbeiter, und Klaus konstatierte: „Schmeckt nach Rauch“.




Neben seiner Lehrtätigkeit an der Bergischen Universität Wuppertal, für die er unter anderem den „Uni-Löwen“ als Logo gestaltete, hat Klaus Winterhager auch Drucksachen entworfen für form, zahlreiche deutsche Designinstitute, die Berufsorganisationen BDG und VDID, die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, für Inter Nationes, die Hochschule Witten-Herdecke, die Kreissparkasse Köln, die Zanders Feinpapier GmbH und sogar auch Speisekarten und appetitanregende Einladungen für das italienische Lokal Scarpati. Seinen Freunden schickte er geheimnisvolle Neujahrsgrüße auf mattem Transparenz- und Seidenpapier. Klaus hat sich gerne mitgeteilt, er erzählte von Erlebnissen, von der Entwicklung eines Entwurfs, von Gesprächen mit Studenten und kopfschüttelnd auch von ihm fremden Argumenten mancher Menschen.

Klaus Winterhager hat einige Jahre ehrenamtlich dem Insassen eines Gefängnisses Zeichenunterricht gegeben. Der Name des Häftlings war Freiheit. Ein Häftling namens Freiheit! Der Herr Freiheit war auch beteiligt an der Essener Ausstellung „Der Designer und sein Weihnachtsbaum“. Auf Bitte von Klaus Winterhager hatte die Anstaltsleitung dem Insassen Freiheit fünf Stunden Freigang gewährt, damit er an der Vernissage der Ausstellung teilnehmen konnte. Er wurde von einem Beamten in Zivil begleitet. Der ehemalige Häftling ist inzwischen längst entlassen und arbeitet im Ausland.

Von 1989 bis 2006 war Klaus Winterhager der Gestalter der von Inter Nationes beziehungsweise vom Goethe-Institut herausgegebenen Zeitschrift Kulturchronik (später umbenannt in Kulturjournal). Der Chefredakteur Jan Thorn-Prikker hat im letzten der insgesamt 126 erschienenen Hefte diese Laudatio auf Klaus Winterhager veröffentlicht:

 

„... Davon, dass dieser Grafiker über Jahre als Hochschullehrer gewirkt hat, hat die Redaktion immer wieder profitiert. Er verfügt über die ausgeprägte Gabe, seine gestalterischen Entscheidungen zu begründen. Immer wieder hat er unsere Wünsche einer prüfenden Befragung ausgesetzt. Wenn die Redaktion eine grafische Entscheidung mit dem ästhetischen Allerweltsurteil „Das gefällt uns nicht“ meinte ablehnen zu müssen, hat er auf dem Diskurs über die Sache bestanden und mit freundlicher Beharrlichkeit und präziser ästhetischer Reflexion seine Sicht der Dinge verteidigt. Wir hatten zu lernen, dass sich haltbare ästhetische Entscheidungen nicht demokratisch finden lassen. Sie können immer nur Resultat von Sachkompetenz sein...“

 

Für mich war Klaus nicht nur ein fantasievoller Gestalter, sondern auch ein zurückhaltender, doch fordernder Kritiker und ein Freund.

 

 

Peter Frank













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