Nº 259

Ein Land, drei Schriften

Typographic Island Israel

Was macht israelisches Grafikdesign so besonders? Welchen Einfluss haben alte Traditionen auf heutige Arbeiten? Woher kommen Inspiration und Austausch, wenn die eigene, die hebräische Schrift nur von einer so kleinen Gruppe genutzt wird? Israel ist in etwa so groß wie das Bundesland Hessen, aber nicht nur die geringe Größe des Landes sorgt für das Nischendasein der Gestaltung. Gestalter und Typografen in Israel sind die einzigen weltweit, für die Hebräisch die erste Kommunikationssprache ist.



Vor etwa einhundert Jahren wurden die hebräische Sprache und Schrift wieder zum Leben erweckt. Hebräisch ist heute die offizielle Landessprache Israels und somit Instrument und Gegenstand hebräischer Schriftgestalter. Ehemalige Generationen von Schriftgestaltern waren gewissermaßen Pioniere auf diesem Gebiet. Im Laufe der vergangenen hundert Jahre wurde die visuelle Entwicklung Israels sehr stark vorangetrieben und der gegenwärtige Markt verlangt ständig nach neuen Schriften. Ein vielfältiges Angebot großartiger Gestaltung, von dem in Deutschland bisher leider nur wenig ankommt. Was in Israel gestaltet wird, bleibt meist auch in Israel. Denn die generelle Begeisterung für das Grafikdesign in anderen Sprachen zeigt sich oftmals nur, wenn lateinische Buchstaben verwendet werden. Hingegen bleibt etwa die abstrakte hebräische Quadratschrift für die meisten vollkommen unergründlich.

 

 

Die einmalige Situation israelischer Typografen

 

Die in Israel übliche Kombination aus den drei Schriftsystemen Hebräisch,

Arabisch und Latein ist einzigartig auf der Welt. Gestalter, die beispielsweise in der Schweiz arbeiten, haben zwar auch regelmäßig mit der Aufgabe des trilingualen Gestaltens zu tun, im Gegensatz zur israelischen Typografie basieren jedoch alle drei Amtssprachen auf dem lateinischen Schriftsystem. Das Kombinieren von verschiedenen und teilweise unbekannten Schriftsystemen gehört zum Alltag israelischer Typografen. Bei den Lösungsansätzen kommt es darauf an, ob die Schriftsysteme miteinander harmonieren oder im Kontrast zueinander stehen sollen. „Die größte Herausforderung ist die harmonische Variation. Du musst vieles berücksichtigen – die Größe der Buchstaben, ihre Stärke, die Ausrichtung der Abschnitte, die Textlänge, englischer Text ist länger als hebräischer und so weiter“, so der Schriftgestalter Yanek Iontef.

Ein ganz grundsätzliches Problem sind die verschiedenen Leserichtungen. Lateinische Schrift wird von links nach rechts, Hebräisch und Arabisch von rechts nach links gelesen. Beim multilingualen Editorial Design treffen oftmals zwei Textebenen in der Mitte einer Publikation aufeinander, indem der englische Text vorne beginnt und der hebräische hinten. Diese Technik verändert den gesamten Aufbau eines Buchs, welches auf diese Weise zwei Anfänge und kein Ende im herkömmlichen Sinne hat.

Eine weitere Schwierigkeit ist die Textlänge: Hebräische und arabische Texte haben nahezu die gleiche Länge, englischer Text hingegen ist länger. Der Unterschied der Textlängen erfordert besondere Aufmerksamkeit und muss beim Layout berücksichtigt werden. Beim multilingualen Gestalten müssen außerdem typografische Entscheidungen für jede Sprache einzeln getroffen werden. Dabei muss der Gestalter alle Schriftebenen beachten, damit die Gestaltung gemäß der harmonischen Variation auf allen drei Ebenen umgesetzt werden kann.

Technische Probleme beim Gestalten mit hebräischen Texten sind glücklicherweise überwunden. Früher mussten Texte in einem umständlichen Prozess bearbeitet und zum Beispiel als EPS-Datei eingefügt werden, was für den Gestalter hohe Datenmengen sowie einen immensen Zeit- und Organisationsaufwand bei Korrekturdurchgängen bedeutete.




 

Dreisprachiges Land – einsprachige Schriften

 

Den täglichen Umgang mit den zwei Amtssprachen Hebräisch und Arabisch und der Handelssprache Englisch sind israelische Typografen gewohnt. Arabisch verstehen und lesen können allerdings die Wenigsten. Denn Arabisch hat zwar einen festen Platz in Israels visueller Welt, es entsteht aber nicht etwa ein Gefühl für die Schrift als solche, sondern vielmehr eine vertraute, aber bildhafte Wahrnehmung.

Bisher wurden israelische Schriftsätze meist einsprachig in Hebräisch aufgebaut. Doch wird die Gestaltung von zweisprachigen Schriftsätzen zunehmend relevanter und dank Open Type und Unicode steht der Entwicklung von multilingualen Fonts technisch nichts mehr im Wege. Die lateinische Ausführung eines hebräischen Fonts wird hierbei oft von einem zweiten Gestalter entworfen. Zunehmend wird aber bei der Gestaltung einer neuen Schrift auch direkt die lateinische Variante verwirklicht. Michal Sahar ist ein gutes Beispiel für eine Designerin, die sich in den vergangenen Jahren von einer hebräischen zu einer mehrsprachigen Schriftgestalterin weiterentwickelt hat. Bisher hat sie mit Maccabi-Block, Arbel Hagilda und Alef/Alef Pro drei kommerzielle, multilinguale Fonts entwickelt, die den kompletten lateinischen Satz enthalten. Auch der Typograf und Schriftgestalter Oded Ezer gab Schriften wie Erik Spiekermanns FF Meta oder Font Bureaus Benton Sans ein hebräisches Gesicht.

Arabische Buchstaben werden hingegen selten von israelischen Gestaltern in ihre Schriftsätze eingebunden. Arabisch ist allgegenwärtig im israelischen Stadtbild und wurde wie auch die hebräische Schrift aus einer kalligrafischen Geschichte entwickelt. Trotz dieser Gemeinsamkeit sind die arabischen Formen meist nicht vertraut genug, um eine vektorisierte Schrift zu entwickeln, die ihren Originalformen entspricht.




 

Besondere Herausforderungen und Einflüsse

 

Die hebräische Schriftgestaltung orientiert sich häufig an den historischen, kulturellen und kalligrafischen Traditionen. Etwa 2.000 Jahre Schriftendokumentation bieten den Gestaltern antike handgeschriebene Manuskripte und Schriftrollen, aus denen sie schöpfen können. Die meisten hebräischen Buchstaben basieren auf der Quadrat-Form, welche aus geraden Linien besteht und sich mit der Hand einfach ausführen lässt. Der Kontrast zwischen horizontalen und vertikalen Linien verläuft dabei im Hebräischen konträr zur lateinischen Schrift. Während bei lateinischen Buchstaben die vertikalen Linien visuell dominanter erscheinen, sind bei hebräischen die horizontalen Linien viel dicker.

Für Yanek Iontef ist die größte Herausforderung beim Gestalten einer neuen Schrift, Formen zu entwerfen, die interessant genug sind: „Die hebräischen Formen wiederholen sich ständig und sind einander sehr ähnlich. Die meisten sind quadratisch, es gibt nur wenige Kreise und Dreiecke.“ Hebräisch hat außerdem keine Groß- und Kleinschreibung. Hebräische Schriften ähneln sich leicht, lässt man die wenigen Ober- und Unterlängen weg, sind sie teilweise nicht voneinander zu unterscheiden. Die Möglichkeiten, experimentell einen originellen Font zu entwerfen, sind also begrenzt, da es nur wenige Variablen gibt. Zudem bietet die lateinische Schriftgestaltung eine Tradition von Kursivschnitten, welche bei der hebräischen so nicht üblich ist. Auch Michal Sahar sieht eine Herausforderung bei der Gestaltung einer originellen Form: „Im Hebräischen gibt es fast keine Buchstaben, die von der x-Höhe auf- oder absteigen und das ist eine Eigenschaft, die das Erscheinungsbild und das Gefühl einer Schrift grundlegend ändern kann.“

Neben dem Schöpfen aus hebräischen Traditionen gibt es die Möglichkeit, sich bei der Schriftgestaltung von anderen Sprachen beeinflussen zu lassen. Hierbei ist es die Aufgabe des Gestalters, den Stil und die Elemente der lateinischen Schrift zu verstehen und an die Geschichte der hebräischen Schrift anzuschließen. Bei dieser Aufgabe besteht laut Oded Ezer die Gefahr, dass das Ergebnis hinsichtlich der hebräischen Formen unzureichend wird: „Der häufigste Fehler israelischer Schriftgestalter ist, dass sie versuchen, lateinische Schriftarten zu imitieren.“




 

Kleiner Markt – große Möglichkeiten

 

Viele Typografen in Deutschland entwickeln zunehmend Interesse für ferne Schriften wie Arabisch oder Chinesisch. Westliche Designer sind fasziniert von den für sie fremdartigen Formen. Inzwischen erlaubt es uns auch die Technik, problemlos mit fremden Schriftsystemen zu arbeiten. Aber wächst hierbei auch das Interesse an der hebräischen Schrift und an einer deutschisraelischen, typografischen Verbindung? Diese Annahme bestätigt sich zunehmend: israelische Gestalter halten Vorträge auf internationalen Talks, Designmagazine publizieren Gestaltung aus Israel und internationale Foundrys sind mehr und mehr daran interessiert, Hebräisch in ihre multilingualen Schriftfamilien zu integrieren.

Der Markt für hebräische Schriften beschränkt sich trotz allem größtenteils auf Israel. Es gibt eine Nachfrage von Unternehmen oder Designagenturen, die für den israelischen Markt oder für eine jüdische Gemeinde außerhalb Israels arbeiten. In der Gestaltung individueller Schriften für diese liegt viel Potenzial, bislang werden hierfür aber zu häufig Standardschriften verwendet. „Manche davon halten nicht einmal grundlegende Regeln der hebräischen Formen ein, wie etwa die Arial“, so Michal Sahar.

Was bedeutet der kleine Markt in diesem kleinen Land für junge Talente? Was sind die Möglichkeiten für junge Schriftgestalter und Typografen Israels? Der Markt ist klein, aber reich. Es können zwar nur wenige Schriften verkauft werden, aber da die hebräische Schrift jahrhundertelang nicht weiterentwickelt wurde, ist der Bedarf an auffallenden Schriften groß. Die Originalität spielt hierbei eine wichtige Rolle. Wenn ein neu vorgestellter Font einem anderen zu sehr ähnelt, vor allem einem bekannten und historisch erfolgreichen, wird er wahrscheinlich – vor allem für den kommerziellen Gebrauch – von den angesehenen Designern und Typografen abgelehnt. Der Anspruch auf Individualität in der Schriftgestaltung stimuliert die Gestalter, frische Schriften und kreative Buchstabenstile zu schaffen. Oded Ezer sieht hier einen Vorteil für israelische Gestalter: „Für junge Talente bedeutet das, es ist leichter wahrgenommen zu werden. Es bedeutet, ein junges Talent kann Einfluss auf das ganze Land haben, schlicht durch brillante Arbeiten.“ Israelische Schriftgestalter werden durch den Verkauf ihrer Schriften vielleicht nicht reich, da ihre Zielgruppe relativ klein ist. Dafür sind sie in ihrem Umfeld kein kleiner Fisch im Typografie-Meer, sondern können Teil eines herrlichen Erbes der hebräischen Kultur werden.



Hadassah – Die Lieblingsschrift der Profis

 

Auf die Frage nach ihrem liebsten hebräischen Font, haben fast alle Gestalter aus Israel die gleiche Antwort gegeben: „Hadassah!“ Dieser Font des Typografen Henri Friedlaender wahrt die  traditionelle hebräische Form und gibt ihr gleichzeitig einen modernen, zeitgemäßen Zugang. Hadassah zählt zu den Meisterstücken hebräischer Schriftgestaltung und wird von den meisten Gestaltern als die beste hebräische Schrift des 20. Jahrhunderts betrachtet.


 

 

Katrin Brüggemann ist Grafikdesignerin mit einer großen Leidenschaft für Typografie und ferne Schriften. Ihr Kommunikationsdesign-Studium an der Hochschule Mainz beendete sie 2013 mit dem Bachelor of Arts. Im Jahr 2012 studierte sie ein Semester an der Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem. Die Einflüsse ihres Auslandsaufenthaltes und die Auseinandersetzung mit fremder Typografie wurden Bestandteil ihrer Arbeit. Ihre Bachelorarbeit „Alefbet – Hebrew Graphic Design” wurde mit vier Designpreisen ausgezeichnet und in renommierten Publikationen veröffentlicht. Katrin Brüggemann lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

 

 

fontef.com

odedezer.com

hagilda.com

 

Shop

Nº 272
Muster

form Design Magazine


Jetzt bestellen

Shop

LOGO.
Die Kunst mit dem Zeichen

Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt


Jetzt bestellen

Shop

form Edition #4

Stoneware Plates
by Katrin Greiling

Jetzt bestellen

Research



Filter

Generation Maker
Do-it-together



Files