Nº 266

Estúdio Barca

Setting Sail

Ein Schiff wird kommen. Estúdio Barca heißt ein interessantes Grafikbüro aus São Paulo, das seinen Namen als Programm versteht: Es möchte seine Kunden mit auf eine Reise nehmen – und ausgetretene Pfade damit hinter sich lassen.


Grafikdesign bedeutet für Gabriela Namie und Jun Ioneda vor allem eines: Neugierde. „Wir möchten, dass die Leute mit uns reisen und an einen anderen Ort gelangen“, sagen die beiden Designer aus São Paulo. Ihr gemeinsames Büro tauften sie daher Barca, das portugiesische Wort für Boot. Was sie interessiert, ist das Spiel mit der Veränderung. Anstelle starrer Logos entwickeln sie grafische Alphabete, die durch Vielfalt Identität erzeugen. Dazu verwenden sie kräftige Farben, die häufig mit den Sehgewohnheiten brechen – doch dafür umso mehr die Sinne aktivieren.




Der Ort scheint dafür genau richtig zu sein. São Paulo ist die einzige Millionenmetropole, in der ein Werbeverbot im öffentlichen Raum gilt. Sämtliche Plakate, Neonschilder und Logos sind damit aus dem Blickfeld verschwunden. „Man sieht nun wieder die Gebäude und nicht nur einen Schilderwald. Ich denke, dass die Leute dadurch sehr viel aufmerksamer sind, wenn ihnen Grafik begegnet“, sagt Gabriela Namie. „Vielleicht mögen wir deshalb Dinge, die nicht ganz so direkt sind und sich mitunter erst auf den zweiten Blick erschließen“, setzt Jun Ioneda den Gedanken fort.




Um starre Büroroutine zu vermeiden, hat das Duo ein Manifest aus zehn Thesen verfasst. „Creativity against the odds“ [Kreativität entgegen der Widrigkeiten], lautet einer ihrer Grundsätze, um Lösungen immer auch ein Stück weit um die Ecke zu denken. „Speak graphics so you speak with all“ [Sag es mit Grafiken und alle werden es verstehen] ist ein Aufruf zum Zuhören. „Man darf nicht vergessen, dass man immer mit Menschen redet, deren Ideen und Meinungen wichtig sind“, sagt Jun Ioneda. „Nobody likes automatic replies“ [Niemand mag automatisierte Antworten] gehört daher ebenso zu ihren Thesen wie „Be bold. Or die trying“ [Sei mutig. Oder stirb bei dem Versuch]: ein Appell, nach vorne zu schauen und die eigene Arbeit immer noch etwas besser zu machen.




Der Durchbruch gelang Gabriela Namie und Jun Ioneda mit einem Studienprojekt an der Kunsthochschule Fundação Armando Alvares Penteado in São Paulo. Beide arbeiteten am fiktiven Relaunch für den brasilianischen Kosmetikhersteller Catharine Hill, der auf professionelle Produkte für Visagisten und Makeup-Artists spezialisiert ist. „Es war das erste Projekt, bei dem wir zusammengearbeitet haben. Lustigerweise hat uns die Firma 2014, direkt nach der Gründung unseres Büros, angerufen, um das Projekt tatsächlich umzusetzen“, erinnert sich Gabriela Namie. Das traditionelle Berg-Logo von Catharine Hill wurde in filigrane Linien übersetzt, die eine klare, puristische Erscheinung vermitteln. Gleichzeitig sind die schwarzen Verpackungen mit farbigen Akzenten aufgelockert worden.

„Farbe ist der erste Eindruck eines jeden Designs. Deshalb dreht sich auch der Großteil unserer Diskussionen genau um dieses Thema. Wir sind von Farbe geradezu besessen“, erklärt Gabriela Namie. Der Standort ihres Büros dürfte dabei ebenso eine Rolle spielen. „São Paulo ist eine recht graue Stadt. Weil wir nicht viel Farbe in unserem Alltag sehen, versuchen wir das zu kompensieren“, sagt Jun Ioneda. Dass das Duo mit seiner Gestaltung für Catharine Hill genau ins Schwarze traf, zeigen nicht nur mehrere Designpreise und eine Teilnahme an der brasilianischen Grafikdesign-Biennale 2015. Nach nur einem Jahr kletterten die Umsätze des Kunden um 50 Prozent nach oben.




Eine ästhetische Erfrischungskur verordnete Barca auch dem brasilianischen Weinhändler Veravin, der vornehmlich Veranstaltungen beliefert. Mithilfe von leichten Bag-in-Box-Verpackungen aus Karton können französische Weine zu deutlich erschwinglicheren Konditionen nach Brasilien importiert werden als in konventionellen Glasflaschen. „Die Marke möchte nicht nur Weinkenner ansprechen. Darum war ihnen ein frisches Image wichtig“, sagt Gabriela Namie. Auf den Verpackungen sind keine goldenen Lettern zu finden. Stattdessen kommen für Wein eher untypische Farben wie Pink, Petrol oder Sand zum Einsatz. Das Logo – drei um jeweils 120 Grad gedrehte Vs, von denen eines durch einen Querstrich in ein A verwandelt wird – wirkt dynamisch und mysteriös zugleich: Wie die Zeichensprache einer frühen Hochkultur, die hier mit den weltlichen Genüssen der Gegenwart zusammenfindet.




Abwechslung stand auch bei der Funkband Vó Tereza an erster Stelle. „Sie suchten ein Erscheinungsbild, das leicht zu erkennen ist. Ihr früheres Logo war großartig, doch es war unflexibel, weil es betont vertikal ausgerichtet war“, erklärt Gabriela Namie. Inspiration fanden die Gestalter im italienischen Viertel von São Paulo, das berühmt für seine farbigen Fliesen ist. Aus dem Bandlogo wurde daraufhin eine Kollektion aus unterschiedlichen quadratischen Formen kreiert, die sich wie Fliesen nebeneinander addieren sowie verdreht oder kopfüber miteinander kombinieren lassen. Die Corporate Identity wird damit zu einem Alphabet, das sich flexibel für Poster, Plattencover und Fanartikel verwenden lässt.

„Wir wollen uns nicht auf ein Medium, eine Technik oder einen Stil festlegen“, sagt Gabriela Namie. Konzeptionelles Denken ist für das Duo genauso wichtig wie handwerkliches Arbeiten. Eine Aufgabenteilung gibt es nicht. Dementsprechend weit ist das Spektrum ihrer Projekte gefächert. So gestalten Barca zurzeit das Erscheinungsbild für einen Erotikshop, der alles andere als ordinär oder gar sexistisch erscheinen will. Parallel planen sie den Auftritt einer Rechtsanwaltskanzlei, die vor allem viele Start-ups zu ihren Mandanten zählt und sich vom rigiden, konservativen Image ihrer Branche befreien möchte. Ein weiteres Projekt ist die Corporate Identity für eine neue Schule in São Paulo. „Das Gebäude ist gerade im Bau und wird über bewegliche Wände verfügen, sodass die Kinder nicht mehr fest in einem Klassenraum sitzen. Diesen Aspekt der Veränderlichkeit wollen wir auch in unserer Gestaltung aufgreifen“, sagt Jun Ioneda.




Dass ihre Arbeit sogar eine gesellschaftliche Dimension erreichen kann, haben Barca mit der Kampagne „Carne ao Molho Madeira“ für Greenpeace bewiesen. Neben der visuellen Erscheinung haben Gabriela Namie und Jun Ioneda auch die Webseite, ein Video sowie sämtliches Printmaterial entworfen. Die Verbraucher sollen damit für den Raubbau am Regenwald sensibilisiert werden, der durch Viehwirtschaft verursacht wird. Das Ziel war es, genügend Kunden dazu zu bringen, eine Erklärung zu unterschreiben, kein Fleisch mehr aus dem Regenwald kaufen zu wollen. „Wir wollen dies nicht auf aggressive, sondern auf klar verständliche Weise kommunizieren. Und genau das hat funktioniert. Wir haben die Unterschriften zusammenbekommen und alle Supermarktketten in Brasilien haben ihr Programm umgestellt. Eine solche Auswirkung der eigenen Arbeit zu erfahren, fühlt sich großartig an“, sagen beide gleichzeitig. Wie es aussieht, hat das Schiff von Gabriela Namie und Jun Ioneda gerade richtig an Fahrt gewonnen.



Greenpeace | Carne ao Molho Madeira from Barca on Vimeo.



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