Nº 266

Higher Faster Further

Technik auf den Leib gerückt

Beim Sehen könnte alles beginnen. Zunächst würden künstliche Augen Deine Wahrnehmung über das Menschenmögliche erweitern. Du würdest Deine Sinnesorgane mit anderen Personen vernetzen, um durch ihre Augen zu sehen, mit ihren Ohren zu hören und mit ihren Händen tasten zu können. Nach einigen Jahrzehnten würden Schwärme von winzigen Robotern durch Deinen Körper wandern und ihn widerstandsfähiger und langlebiger machen. Möglicherweise sind bestimmte Körperteile von Dir nach einiger Zeit schon nicht mehr organisch – Du hast sie durch perfekt angepasste Prothesen ersetzt, welche die gewünschten Funktionen Deiner Gliedmaßen und Organe zuverlässiger erfüllen als ihre biologischen Vorgänger. Du bist endlich zum Designer Deines Körpers geworden, gestaltest ihn um, modifizierst seine Parameter, erweiterst ihn, erweiterst Dich.


The Blind Robot from Louis-Philippe Demers on Vimeo.


Dies sind die Verheißungen, mit denen wir gegenwärtig konfrontiert werden, wenn wir den technikvisionären Vordenkern des Silicon Valley lauschen. In ihren Bildern des Übermorgen scheint die Verschmelzung von Mensch und Maschine kurz bevorzustehen. Am populärsten wird diese Zukunftsutopie gewiss von Raymond Kurzweil propagiert, jenem mehrfach preisgekrönten Technologen, der gegenwärtig als Chefingenieur für Google arbeitet. Mehr noch als durch seine Erfindungen hat Kurzweil durch seine streitbaren Ideen zur Zukunft der Menschheit Ruhm erlangt. In Kurzweils Vorstellung wird die Konvergenz von Bio-, Nano- und Informationstechnologie in eine Zukunft führen, in welcher der Mensch sich Stück für Stück in einen Cyborg verwandelt, einen künstlichen Menschen, der durch die Integration von Technik in seinen Körper die inhärenten Beschränkungen des Homo sapiens überwinden kann.

Kurzweil ist nicht alleine. Unter dem Stichwort Transhumanismus hat sich mittlerweile eine global vernetzte Denkströmung etabliert, welche den kalifornischen Technikutopismus inhaliert hat. Ihr Programm lautet: Human Enhancement, die Verbesserung und Optimierung menschlicher Fähigkeiten durch das technische Redesign des Menschen. Die Transhumanisten bringen mögliche Umbaumaßnahmen für menschliche Körper in den Diskurs ein, welche als Verheißungen und Versprechungen gemeint sind und das Individuum dazu verführen sollen, sich selbst als technisch erweitertes Zukunfts-Ich zu imaginieren.




 

Die Vision eines buchstäblichen Prothesengotts mag uns faszinieren oder erschrecken. In jedem Fall erscheint sie radikal. Für einige transhumanistische Utopisten wäre die Cyborgisierung jedoch erst der Anfang einer Transformation der menschlichen Natur: An ihrem Ende steht die Übertragung des menschlichen Bewusstseins auf die Maschine. Nach dem Upload des Gehirns wäre der Mensch schlussendlich aus den Fesseln der Biologie befreit, könnte sich selbst umprogrammieren, kopieren und durch ständige Back-ups dem Risiko einer Löschung entgegenwirken. Er würde technologisch unsterblich werden.




 

Gemachte Zukunft

 

Es wäre nun ein Leichtes, solche Zukunftsvorstellungen mit einem Achselzucken abzutun, sie aus der Perspektive des abgeklärten europäischen Intellektuellen als bizarren Auswuchs einer unverwüstlichen Technikgläubigkeit zu verteufeln und aus dem Raum des seriösen Denkens zu verbannen. Gewiss. Nichts leichter als das. Doch sollte man diese technischen Utopien nicht als das seltsam Andere begreifen, das wir souverän von uns weisen können, sondern vielmehr als ernst zu nehmenden Ausdruck unserer Kultur. Ich sage ganz bewusst „unserer Kultur“. Denn es wäre gewiss eine rückwärtsgewandte Verkennung unserer Gegenwart, wenn wir solche Ideen einfach als Ausfluss einer spezifischen, technikaffinen Subkultur, die uns fern ist, abtun würden. Das hat zwei Gründe: Der erste Grund ist, dass das Silicon Valley mit der Vernetzung und Verdatung der Welt auch zu uns kommt, in unsere Wohnungen, in unsere Hosentaschen. Selbst wenn wir seine Träume nicht mitträumen, treten sie doch in materialisierter Form in unsere Lebenswirklichkeit ein. Technikvisionen werden nicht nur erträumt, sie werden gemacht. Es gehört zwar zu den „ewigen Wahrheiten“ der Technikentwicklung, dass Innovationen kaum die Erwartungen einlösen, die in sie gesetzt werden: Oft entwickelt sich alles ganz anders als gedacht – nicht zuletzt, weil man gar nicht voraussehen kann, wie sich die Aneignung der Technik durch die Nutzer vollzieht. Es ist daher wahrlich zu bezweifeln, dass die Visionen der Cyborgisierung tatsächlich so eintreten, wie es der transhumane Traum antizipierend vorwegnimmt. Gleichwohl: Die Versuche, diesen Traum zu verwirklichen, werden sich auf verschlungenen Irr- und Umwegen in materielle Produkte übersetzen, die auch in unseren Alltag hineinwachsen werden.

Es gibt aber auch noch einen zweiten Grund, warum wir uns kaum von den Visionen der Transhumanisten distanzieren können, ohne unsere moderne Kultur im selben Atemzug von uns zu weisen. Denn ich behaupte, dass in solchen Visionen etwas explizit ins Extrem getrieben und auf den Körper projiziert wird, was in der Kultur der Moderne insgesamt angelegt ist: eine Tendenz zur Optionssteigerung und Grenzüberschreitung. Im modernen Denken wird die Zukunft als Zeitraum begriffen, in dem bestehende Grenzen durch menschliches Handeln überwunden werden können. Die Gegenwart ist demgegenüber nur eine Durchgangsstation hin zu einer besseren Welt. Der entscheidende Akteur dieses Narrativs ist der Mensch in seiner Rolle als Gestalter – seiner Selbst und seiner Umwelt.



Dans les limbes (English: In Limbo) - the film - trailer from PROVIDENCES on Vimeo.


Technologien der Umgestaltung

 

Als zentrales Instrument der Umweltgestaltung hat sich die industrielle Technik erwiesen. Wir sprechen heute gerne vom Anthropozän, um dem gestaltenden Einfluss des Menschen auf den Planeten gerecht werden zu können. Gemeint ist dabei eigentlich aber eine Welt, die von Technik durchdrungen ist: von Straßenzügen, welche das Land überziehen, Plastikströmen, die über das Meer wandern, Städten, die künstlichen Superorganismen zu gleichen scheinen, versorgt vom industriellen Ackerbau und einer titanischen Energieinfrastruktur.

Während die Umgestaltung der Umwelt nun schon seit einiger Zeit eine Aufgabe der Hochtechnologien ist, wird die Umgestaltung des Selbst immer noch vornehmlich als einerseits geistig-moralische Aufgabe betrachtet, welche durch Bildung, diszipliniertes Denken und ethische Reflexion zu bewältigen ist, andererseits als ästhetische Aufgabe, die sportliche Betätigung, regelmäßige Hygiene und Schönheitspflege erfordert. Mit Foucault lassen sich diese Formen der Arbeit an Körper und Geist als „Technologien des Selbst“ begreifen. Gleichwohl: Die Selbsttechniken, die wir bislang von der grauen Vorzeit bis hin zum industriellen Zeitalter an uns ausprobiert haben, wirken in der Retrospektive seltsam losgelöst von den wissenschaftlich informierten Sachtechniken, mit denen sich der Mensch die Welt zu eigen machte. Die Geschichte der modernen Gesellschaft ist zwar auch – und gerade – eine Geschichte der Selbstgestaltung, doch wurden für diese Selbstgestaltung kaum die hochtechnologischen Mittel zur Anwendung gebracht, mit denen wir uns die nichtmenschliche Natur zunächst domestizierten und schließlich begannen, sie durch gebaute, künstliche Strukturen zu überformen und ersetzen.

In den Visionen der Transhumanisten wird dieser technische Bruch nun geschlossen. Scheinbar beginnt die Materialisierung der Visionen bereits. Man hört von pharmazeutischen Mitteln, mit denen sich Wachheit, Gedächtnis und Konzentration verbessern lassen. Man kann sich im Tattoostudio Magneten implantieren lassen, die Sinneserweiterungen und neue Fähigkeiten verheißen. Sie sollen sich nicht nur zum Aufheben von Büroklammern und Nägeln eignen, sondern vor allem das Erspüren elektromagnetischer Felder erlauben und so das Spektrum der Sinne bereichern. Auch die Prothesen von Sportlern werden lange schon nicht mehr nur als Ausgleich von Behinderungen wahrgenommen, sondern als technische Upgrades, die Wettbewerbsvorteile mit sich bringen könnten. Mit den richtigen Sportprothesen ist der vermeintlich körperlich Beeinträchtigte schneller und kräftiger als der vermeintlich Unbeeinträchtigte.

Eine regelrechte Bewegung von Cyborg-Aktivisten hat den politischen Raum betreten, welche Prothesen nicht (nur) als Reparaturen am Körper, sondern als dessen Verbesserung begreifen. Der deutsche Cyborg-Vordenker Enno Park betont etwa, dass sein Cochlea-Implantat nicht nur Hördefizite kompensiert, sondern ihm auch die Steuerung des Gehörs erlaubt, die dem technisch unmodifizierten Menschen nicht zur Verfügung steht – etwa das Ausblenden störender Hintergrundgeräusche.

Zugleich bekommt die Debatte um eine mögliche Optimierung des Menschen durch aktuelle biotechnologische Innovationen gegenwärtig wieder neue Nahrung. Vom Genomdesign ist die Rede. Von roten Linien, die man nicht überschreiten sollte. Von einer letzten Bastion der Natürlichkeit.




 

Auf dem Weg zur Enhancement-Gesellschaft?

 

Doch ist diese Natürlichkeit freilich längst fragil geworden. Wir sind offenbar bereits auf dem Pfad der hochtechnologischen Selbstoptimierung. Obgleich die radikalen Zukunftsszenarien der Transhumanisten noch in weiter Ferne liegen, scheint die Enhancement-Gesellschaft in Ansätzen bereits Wirklichkeit geworden zu sein. Doch ist diese Vorstellung in doppelter Hinsicht trügerisch.

Der Traum eines Human Enhancement, das nun (endlich!) avancierte Sachtechnologien nutzt, um die Fähigkeiten des Menschen über das bislang Menschenmögliche hinaus zu erweitern, ist zum einen trügerisch, da er in naiver Weise körperzentriert ist. Seine Faszination liegt ganz bei der prothetisch-medizinischen Modifikation. Dabei wird leicht übersehen, dass wir schon längst künstlich erweiterte Menschen sind. Etwa durch unsere Smartphones.

Smartphones helfen uns bei der Orientierung in Zeit und Raum, sie erinnern uns an Termine. Sie dienen uns als Aufzeichnungs- und Diktiergeräte. Sie speichern Daten und erlauben uns den Zugriff auf diese überall und zu jeder Zeit. Sie können Fahrkartenautomat, Taschenrechner, Fitnesstrainer, Einkaufsliste und Zeitungskiosk zugleich sein. Smartphones vernetzen uns mit der Welt um uns herum und mit anderen Menschen. Dabei verändern sie die Art und Weise, wie wir mit der natürlichen und sozialen Welt in Austausch treten. Kaum ein Lebensbereich ist mehr vorstellbar, der nicht durch das Smartphone vermittelt und dadurch zugleich transformiert werden könnte.



What Shall We Do Next? (Sequence #2) by Julien Prévieux from Julien Prévieux on Vimeo.


Reflektiert man die Innovation des Smartphones im Kontext der Enhancement-Debatte, drängt sich folgender Eindruck auf: In genau jenem Zeitraum, in dem Diskurse um eine technologische Transformation des Körpers die Fachwelt und Öffentlichkeit faszinierten und erschreckten, breitete sich hinter dem Rücken der diskutierenden Akteure eine Technologie aus, die tatsächlich einige Versprechen der Pharmaka und Implantate bereits gegenwärtig einlöst.

Wir sind bereits technisch erweiterte Wesen. Nicht nur durch Smartphones, sondern auch durch das gesamte Ensemble an Alltagstechnologien, die uns neue Möglichkeiten des Erlebens und Handelns eröffnen. Die vergesellschaftete menschliche Natur ist selbst technisch. Um es mit dem französischen Techniksoziologen Bruno Latour (etwas überspitzt) auf den Punkt zu bringen: „Wir sind unsere Technik.“ Würde man alle Technik aus der menschlichen Lebenswelt entfernen, würden sich unsere Selbst- und Weltverhältnisse, unsere sozialen Beziehungen und Erfahrungen, so Latour, wohl kaum von der Realität der Paviane unterscheiden.

Die Idee einer sich gegenwärtig realisierenden Enhancement-Gesellschaft ist zum anderen trügerisch, weil sie dem transhumanistischen Narrativ der immerwährenden Verbesserung auf den Leim geht. Dabei hat uns die Geschichte der Moderne doch gelehrt, dass Technisierung immer mit – zum Teil unsichtbaren – Kosten und Folgen einhergeht. Sie lässt sich kaum als eine bruchlose Verbesserungsgeschichte erzählen, wie es die Rede vom Human Enhancement nahelegt. Dies lässt sich am simplen Fall einer Technik verdeutlichen, die ebenso wie das Smartphone als Erweiterung menschlicher Fähigkeiten gedeutet werden kann: Autos.

Autofahren – das war und ist ein Ausdruck moderner Freiheit, doch diese Freiheit hat ihren Preis. Menschen müssen nun lernen, sich dem Auto anzupassen – als Autofahrer und als von Autofahrern betroffener Verkehrsteilnehmer. In einer Welt der Autofahrer müssen plötzlich zahlreiche Regeln gelernt und Zeichen gedeutet werden. Stadt und Land müssen umgestaltet werden, damit das Auto vorankommt – und dann steht man doch wieder im Stau. Zudem ist Autofahren gefährlich. Das Auto setzt den menschlichen Körper neuen Unfallrisiken aus, die zuvor unbekannt waren. Techniken sind nie nur befreiend, sie sind vielmehr zutiefst ambivalent. Die Idee einer Enhancement-Gesellschaft ignoriert diese Ambivalenzen, insofern sie Technisierungen lediglich als Verbesserungen und Optimierungen deutet.

Es ist ein riskanter Fehlschluss, fortschreitende Technisierung als Befreiung des Menschen zu betrachten. Ebenso wie das Auto optimiert das Smartphone unser Leben in vielerlei Hinsicht. Doch sind wir Smartphone-Menschen freier? Natürlich. Zugleich aber eben auch stärker in technische Netzwerke verstrickt. So wie die Verkehrsnetze des Automobils, stellen die digitalen Netze neue Anforderungen an uns, schaffen neue Probleme, wecken neue Befürchtungen – etwa angesichts einer neuen Fragilität der Privatheit im Kontext des digitalen Kontrollverlusts oder dem Terror ständiger Erreichbarkeit und haltloser Daueraktivität.

Technische Erweiterungen haben ihren Preis, unabhängig davon, ob sie in den Körper selbst eingebaut werden, oder durch das Design intimer Interfaces (wie dem Touchscreen oder dem Lenkrad) schleichend aber folgenreich unser Leben umgestalten.

Wir sind nicht die selbstbewussten Gestalter unserer Umwelt und unserer Körper. Wir gestalten und werden gestaltet. Unsere Technologien formen unser Handeln, Denken und Fühlen. Die Geschichte der Moderne erlaubt eine Prognose, die nicht sonderlich riskant ist: Wir werden uns weiter lustvoll auf die Technisierung unserer Welt und unseres Selbst einlassen – und mit den Folgen leben lernen müssen.



Inferno from Louis-Philippe Demers on Vimeo.




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