Nº 268

Back to School

Schulfach Design

Kreativität, technisches und handwerkliches Verständnis, kritisches Urteilsvermögen und lösungsorientiertes Denken sind wichtige Qualitäten, die es so früh wie möglich zu fördern gilt – da sind sich Industrie, Bildungspolitik und Öffentlichkeit durchweg einig. Eine Disziplin, die all diese und viele weitere Fähigkeiten vereint und in der Anwendung verlangt, ist das Design. Umso erstaunlicher, dass dieser Bereich weltweit bisher in kaum einem Schullehrplan eine erwähnenswerte Rolle spielt – mit wenigen Ausnahmen. Doch zaghafte Anzeichen lassen hoffen, dass sich hier ein allgemeines Umdenken ankündigt. Auch in Deutschland versuchen verschiedene Initiativen, auf das Potenzial angewandter Gestaltung im Lehrplan aufmerksam zu machen.



 

Die Arbeit von Richard Green, Geschäftsführer der Design and Technology Association, beschränkt sich längst nicht mehr auf Großbritannien. Kürzlich stand eine Lehrerfortbildung in den Vereinigten Arabischen Emiraten auf dem Plan, Delegationen aus China und Südkorea waren bereits bei der Organisation in Warwick zu Gast und auch aus Japan kamen Anfragen. Das britische Modell des Designunterrichts wird häufig als Vorbild genutzt, denn es beweist seit Jahren, dass sich angewandte Gestaltung in den Unterrichtsalltag integrieren lässt und damit positive Ergebnisse erzielt werden.

Bis zum aktuellen Profil des (Pflicht-)Fachs Design and Technology, in dem Schüler im Alter von fünf bis sechzehn Jahren unterrichtet werden, war es ein langer Entwicklungsprozess. Ausgehend vom klassischen Werk- und Kunstunterricht wurden seit den 1960er-Jahren ernsthafte Schritte unternommen, um Gestaltung einen eigenen Platz im Lehrplan einzuräumen. Der Einführung des ersten nationalen Curriculums 1989 folgend, wurde ein klar formuliertes Unterrichtskonzept implementiert, das seitdem mehrfache Überarbeitungen erfahren hat – die nächste steht für 2017 an. Heute werden verschiedene Bereiche unterrichtet, von Materialkunde über Elektrotechnik, Produktdesign und visuelle Kommunikation bis hin zu textilem Gestalten. Klares Ziel ist es, am Ende der Schulzeit junge Menschen ausgestattet mit technischem und ästhetischem Verständnis, handwerklichen Fähigkeiten und ausgeprägten sozialen Kompetenzen in Studium oder Beruf zu entlassen. Die britische Wirtschaft sucht händeringend Nachwuchs in kreativen Berufen und den Ingenieurwissenschaften, so die unabhängige Design and Technology Association, die sich seit 20 Jahren für die Belange des Schulfachs einsetzt. Wer entsprechend früh gefördert wird und erste Erfahrungen mit Entwurfs- und Fertigungsprozessen machen kann, dem steht laut ihrer Prognose eine chancenreiche Zukunft bevor. Zudem hat die Praxis gezeigt, dass mit dem Designunterricht eine positive Wechselwirkung mit anderen Schulfächern einhergeht, da theoretische Kenntnisse, etwa aus Mathematik und Physik, aber auch sprachliche Fähigkeiten angewendet werden müssen.




Dem Beispiel Großbritanniens sind in abgewandelter Form bereits mehrere Länder gefolgt: Der australische Lehrplan zum Beispiel sieht ebenfalls das Fach Design and Technology für alle Altersstufen vor. In Neuseeland ist Design fester Bestandteil der beiden getrennten Lernbereiche Technologie und Kunst, mit technischer beziehungsweise visueller Ausrichtung. Seitens der deutschen Kultusministerien gibt es in dieser Hinsicht noch keine vergleichbaren Ambitionen. Design kommt aktuell an allgemeinbildenden Schulen im besten Fall als Teilgebiet im Kunstunterricht vor.

Dass sich Design durchaus auch erfolgreich in deutsche Lehrpläne integrieren lässt, zeigt das Modellunterrichtsfach „Angewandte Kunst in der Schule“, dessen jüngste Ergebnisse im Juni dieses Jahres im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main zu sehen waren. Die Schöpfer der ausgestellten Objekte und Studien sind Neunt- und Zehntklässler der Frankfurter integrierten Gesamtschule (IGS) Nordend, denen der Designer Knut Völzke ein Schuljahr lang in vier Wochenstunden die Grundlagen der Gestaltung näherbrachte. 2014 war das Projekt an der Carl-von-Weinberg-Schule im Frankfurter Stadtteil Goldstein gestartet. Das Unterrichtskonzept zielt auf die frühe Sensibilisierung für die (gestaltete) Umwelt, für Prozesse und Entwicklungen ab. Neben der Vermittlung von Formen-, Farb- und Proportionslehre sowie handwerklichen Fähigkeiten ist das Ziel, kritisches Denken zu fördern und zum Hinterfragen des Alltags und unserer Dingwelt anzuregen. Von dem bewussten Wahrnehmen von Gestaltung über Darstellungsformen wie Zeichnung oder Text, Materialexperimente und Modellbau bis hin zum Entwurf eines eigenen Möbelstücks werden die Schüler an die verschiedenen Designdisziplinen herangeführt. Ausstellungsexkursionen ins Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main ergänzen den Unterricht mit Hintergrundwissen und machen Design anhand „echter“ Beispiele greifbar.




Völzke selbst zieht aus beiden bisher durchgeführten Projekten eine positive Bilanz. Auch wenn man natürlich nicht alle Schülerinnen und Schüler in den sehr heterogenen Gruppen in gleicher Weise für angewandte Gestaltung begeistern könne, so sei doch nach einer Startphase bei einem Großteil sehr großes Interesse und ein deutlicher Lerneffekt zu beobachten gewesen, der sich auch auf andere Fächer übertrage. Nach einem Jahr Pause soll die Initiative – erneut in Zusammenarbeit mit dem Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main – weitergeführt werden. Für die Realisierbarkeit war sowohl die Offenheit der Schulen und ihrer Strukturen sowie die Unterstützung des Kunstvoll Kulturfonds Frankfurt Rhein Main wichtig, der temporäre Kunstangebote in Schulen fördert.

Auch die Stiftung Deutsches Design Museum, die an den Rat für Formgebung angegliedert ist, betreibt seit 2014 Designförderung mit der Initiative „Entdecke Design“ an deutschen Schulen. Organisatorisch unterscheidet sich das Konzept jedoch: Der Unterricht ist weniger als Fach, sondern vielmehr als Workshop angelegt. Diese können allerdings von einzelnen Tagen bis hin zu Projektwochen reichen oder sich auch über das gesamte Schuljahr verteilen. Bundesweit können sich Schulen bewerben, die Interesse an einer Durchführung haben, ebenso wie Gestalter aller Disziplinen, die gerne einen Workshop leiten würden. Die Stiftung nimmt die Rolle des Vermittlers zwischen beiden Parteien ein und stellt einen Leitfaden zur Unterrichtskonzeption zur Verfügung. Methodik, Thema und Aufbau des Workshops richten sich ganz nach den Strukturen der Schule sowie nach der fachlichen Ausrichtung und der zeitlichen Verfügbarkeit des jeweiligen Gestalters. Mögliche Schwerpunkte sind Industrie-, Produkt- und Kommunikationsdesign, innovative Technologien oder auch Social Design. Seit dem Start des Projekts „Entdecke Design“ wurden so schon etwa 10.000 Schüler erreicht, bis 2019 sollen es 25.000 werden.




Langfristiges Ziel, so Judith Stuntebeck, Projektmanagerin bei der Stiftung Deutsches Design Museum, sei durchaus die flächendeckende Integration von Design in den Schulunterricht durch die Bildungspolitik. Zunächst einmal gehe es aber um greifbarere Veränderungen, wie eine bessere Vernetzung von Bildungseinrichtungen und Kreativbranche. Zudem gelte es, die Lehrerinnen und Lehrer für angewandte Gestaltung zu interessieren und entsprechend weiterzubilden, die innerhalb der bestehenden Strukturen die Möglichkeit haben, das Thema Design in ihren Unterricht aufzunehmen.

Sicherlich steht das Konzept des Designunterrichts an Schulen hierzulande noch am Anfang. Es ist jedoch spürbar, dass vielerorts die Anerkennung von Design als ernstzunehmender Faktor für kulturelle, soziale und wirtschaftliche Prozesse endlich auch in die schulische Bildung vordringt und Reaktionen einfordert. Langjährige Erfolgsgeschichten wie das britische Design and Technology-Modell sind sicher ebenso wichtig wie kleine und große Initiativen (von denen mehr existieren, als die beiden hier beschriebenen Beispiele), um diese Entwicklung auch in Deutschland in Gang zu setzen.

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