Nº 272
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Eine Dame verschwindet

Text: Horst Moser

 

Ist es Leichenfledderei? Wiederauferstehungen gelingen – anders als im religiösen Narrativ (das Wort wollte ich eigentlich vermeiden – egal) – bei Zeitschriften sehr selten; meist werden die ambitionierten Aktionen über kurz oder lang wieder abgebrochen.

Besonders hartnäckig waren die diversen Wiederbelebungsversuche bei Twen. Gescheitert sind auch Pardon, Transatlantik, Simplicissimus, Lui und viele andere. Gemeinsam ist den Zeitschriften, die ein zweites Leben geschenkt bekamen, dass diese nie das Niveau des Vorbilds erreicht haben. Um die Ausnahmen von der Regel zu bestätigen, gibt es ein paar Magazine, die bis heute überlebt haben: Harper’s Bazaar (deutsche Ausgabe) und das Zeit Magazin.

 
 

Eigentlich altern Zeitschriften mit ihren Lesern und jede neue Generation schafft sich neue Medien. Was ist also so verlockend daran, eingestellte Magazine wieder herauszubringen? Zunächst muss das Original bedeutsam gewesen sein, sonst gäbe es keinen Grund, den Verlust zu bedauern. Wenn ein Magazin bedeutsam war, dann war es am Puls der Zeit. Der Zeitgeist ist aber nicht übertragbar, man kann höchstens anstreben, eine heutige Variante einer Haltung aus vergangener Zeit irgendwie mit Leben zu füllen und neu zu interpretieren.

 

Was heißt das für Die Dame? Gibt es, angesichts der Proletarisierung und Verwahrlosung des öffentlichen Raums, wieder eine Sehnsucht nach Stil und Eleganz? Das könnte so sein, aber was hilft es, als Trägermedium eine alte Marke zu verwenden, die den wenigsten noch etwas sagt? Die Frechheit der Dame in den 1920er-Jahren bestand darin, ein völlig neues Frauenbild (nicht Damenbild) zu zeigen: mit Bubikopf, androgyn, rauchend und emanzipiert. Für den Philister war das empörend, schließlich hatten ein paar Jahre zuvor Frauen noch nicht einmal das Wahlrecht und waren zum Beispiel von Kunstakademien ausgeschlossen. Die Künstler sahen in Frauen lediglich Modelle und Musen. Als Reaktion auf diesen Zustand gründeten einige Künstler unabhängige Kunstschulen. Gabriele Münter und Sonia Delaunay etwa studierten Kunst an Wassily Kandinskys Privatakademie.

 

Der Bruch zwischen Tradition und Avantgarde war kaum jemals so groß. In dieser Hinsicht kann die neue Dame nicht mithalten. Die visuellen Metaphern im neuen Heft sind bekannt: wohltemperiert und harmlos, sie tun niemandem weh.

Es bleibt also lediglich der Name, der Begriff der Dame als Link zu der provokanten Zeitschrift, über deren Mangel an völkischer Gesinnung die Dame Magda Goebbels entsetzt war. Was assoziieren wir heute mit dem Wort Dame? Mir fällt die alte Dame Juve (Juventus Turin), Damengambit (wobei die Dame im Schach eigentlich als Partnerin des Königs eine Königin ist) und das Damespiel ein. Die anwesenden Gäste begrüßen wir mit der Floskel „sehr verehrte Damen und Herren“, wobei wir eigentlich Frauen und nicht Damen meinen. Beim Tanz sprechen wir ausschließlich von Damen. Die perfekte Dame war Grace Kelly, vielleicht genügt ihre Tochter Caroline ebenfalls den Ansprüchen. Mit der Dame verbindet sich auf jeden Fall Eleganz ebenso wie eine gewisse Distanziertheit und Coolness. Diese Eigenschaften haben ein beschränktes Repertoire an Emotionen.

Eine Katze bewegt sich elegant – ein Dackel nicht. Eleganz ist also einerseits etwas Äußerliches, aber letztlich doch eine innere Haltung und eine Charaktereigenschaft. Eleganz kann man sich nicht im Kostümverleih besorgen. Eine elegante Person beeinflusst andere Menschen: Die Leute in ihrer Umgebung bemühen sich um Anstand und Disziplin und akzeptieren die Unnahbarkeit. 

 

Die Models in der neuen Dame haben den für hochwertige Mode- und Lifestylemagazine üblichen Gesichtsausdruck: kühl, leer, abwesend, streng, distanziert, traurig (stop: eine lacht, ungefähr zu Beginn des letzten Drittels, auf Seite – ähh Seitenzahlen seh ich nicht, dazu später mehr), blasiert und sehr verletzlich. Und wenn echte Menschen (die Musikerin Balbina) auftreten, werden sie folgendermaßen beschrieben: „Sie ist die erstaunlichste Sängerin, die wir in Deutschland besitzen“ – besitzen? – „unverwechselbar kühl und zugleich zerbrechlich und zart, formalistisch streng und doch hoch romantisch.“ Unverwechselbar kühl? Dieser Zustand trifft doch bereits auf die Models zu. Die Aufgabe der meisten Frauen oder Damen im Magazin besteht darin, Klamotten zu zeigen. Ein bisschen nackte Haut kommt auch vor, ebenso Schmuck und Taschen. Und man gestattet uns einen Blick in das Haus einer Galeristin.

Am amüsantesten sind die Credits: „Kleid: Vetements / Unterhose: & Other Stories / Ohrringe, Piercing, Ring und Kette: Privat.“ In den Modestrecken ist das üblich. Und selbst, wenn man die Strumpfhose auf dem Foto nicht sieht, wird brav vermerkt: „Strumpfhose: Wolford“. Aber der Credit-Wahn setzt sich auch bei Geschichten fort, in denen lebende Künstler oder Galeristen vorgestellt werden. Hier gibt es sogar noch eine Steigerung. Es werden nämlich auch die Läden genannt, in denen das noble Stück gekauft wurde: „Im Wohnzimmer hängt eine Arbeit von John Baldessari. Den Tisch entwarf Carlo Scarpa, das rote Sofa ist von Taichiro Nakai aus den 50er Jahren, gekauft bei Jochum & Rogers, Berlin.“

 

Ich stelle mir vor, dass neben dem Foto, auf dem Christian Boros beim Tanz mit durchgeschwitztem Hemd und großen nassen Achselflecken zu sehen ist, folgender Credit steht: „Hemd: H&M, Deodorant: Lagerfeld Classic.“ Das Foto erschien in der „Männer“-Ausgabe des unabhängigen Gesellschaftsmagazins Dummy.

Zurück zu den Seitenzahlen, die meist nicht mitgesetzt wurden. Wenn ich eines wirklich nicht mag, dann sind es Layouter oder Kreativdirektoren, die die Ambition haben, an Banalitäten, wie der Platzierung der Pagina, ihre Kreativität auszutoben. In ihrer Selbstverliebtheit haben sie nicht verstanden, dass es gut wäre, den Leser möglichst nervenschonend durch das Magazin zu navigieren. Kurzum, wer sich Albernheiten, zum Beispiel die Pagina in den Bund zu setzen wie bei der Dame, erlaubt, kann schon mal in die Kategorie Designschmock einsortiert werden.

Und das Design generell? Tja, das übliche asketische Magerstufen-Layout mit lustfeindlicher Zwingli-Typografie – frei von Raffinesse und Differenzierung – Gestaltungs-Correctness at its best.

 

Woher kommt diese Liebe zur kargen Typografie? Soll sie als verspätetes reinigendes Gewitter, als Buße für die überdrehte Typografie-Spielfreude Anfang der 1990er-Jahre, als jeder mit Schriften am Bildschirm experimentieren konnte, verstanden werden? Quasi ein Nachbeben zum anarchistischen Layout von David Carson in der Zeitschrift Ray Gun. Neville Brody hatte aber bereits kurz vorher seine eigenen Typo-Exzesse in das nüchterne Helvetica-Layout von Arena überführt. Ähnliche Säuberungsaktionen haben inzwischen schon hundertfach stattgefunden und wer das immer noch als avantgardistische Attitüde verstanden wissen möchte, ist nicht auf der Höhe der Zeit.

Die interessanteste Fotostrecke ist von Thomas Ruff. Er kombinierte Vorder- und Rückseiten von historischen Casting-Fotos und aus dieser Serie stammt auch das Titelbild. Es ist dafür leider nicht die geeignetste Aufnahme und als Cover insofern nicht ideal, weil es die eigentliche Aufgabe gewesen wäre, die Transformation, den Brückenschlag von 1911 bis 2017, zu thematisieren. Das vergilbte Coverfoto verweist lediglich in die Vergangenheit.

Beim eigenen Anspruch des Magazins hätte man erwarten dürfen, dass zumindest eine einzige Erfindung, ein neues journalistisches oder visuelles Gefäß gefunden worden wäre. Doch danach sucht man vergeblich. Formal bewegt man sich auf ausgetretenen Pfaden, siehe: Numéro, Another, Hunger, 10 und so weiter.

 

Bazon Brock gewährt Margit Mayer ein Monolog-Interview zum Thema Dame. Die Schwarz-Weiß-Fotos der beiden sind in ihrer Spontaneität herzerfrischend in dem tristen Umfeld. Bedauerlich allerdings die Stilisierung von Theresa May zum aktuellen Prototyp der Dame. Ob man sie je beim Blättern im neuen Magazin ertappen wird?

Christian Boros, der Gründer der neuen Dame, verteidigt den Künstler Martin Eder präventiv gegen den naheliegenden Kitschverdacht. Ich persönlich finde Egon Schiele war vor 100 Jahren schon weiter und radikaler als diese weichgespülten Zeichnungen onanierender Männer.

Bleibt noch die Deutung und Interpretation des Heftes von Christian Boros als „superanalog“. Was meint er? Ist das Papier handgeschöpft? Sind die Druckfarben selbst angerieben? Wurden die Vierfarb-Druckfilme auf superanalogen alten Reprokameras belichtet? Man wird es nie erfahren, Boros beantwortet ja nicht mal meine Frage zu den (selbst gegossenen?) Schriften. Odd.

 

Christian Boros (Hrsg.)

Die Dame

Deutsch

Axel Springer Mediahouse, Berlin (DE)

288 Seiten, € 15

diedame.de

 

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Nº 272. Muster
Jul/Aug 2017

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