Nº 273
Focus:

Hack the System!

Text: Sarah Dorkenwald

Subversion wird gemeinhin als eine gezielte Unterwanderung bestehender Ordnungen und Systeme verstanden, mit dem Ziel, diese zu verändern oder gar zu stürzen. Dies kann in Form von Terror, Sabotage oder Korruption Gestalt annehmen. Aber auch die Bildung einer Subkultur, die mit einem provokanten Gegenmodell auf bestimmte Missstände wie Ausbeutung, Diskriminierung oder Missbrauch von Macht hinweisen möchte, kann als subversive Form bezeichnet werden.

 

Seit den 1960er-Jahren entstanden Subkulturen aus dem Bedürfnis heraus, gegenläufige Positionen zu bestehenden Hierarchien, politischen Haltungen und verkrusteten Gesellschaftsstrukturen einzunehmen, um einen gesellschaftlichen Wandel und Wertewechsel hervorzurufen. Erstmals entwickelte sich mit der 68er-Bewegung in Deutschland, der Flower-Power-, aber auch der Popkultur und den Hippies in England und Amerika eine visuell eigenständige Protestsprache, die in der Mode, der Fotografie sowie dem Grafik- und Produktdesign zum Ausdruck kam.

Aber auch im 21. Jahrhundert scheint Protest wieder an Bedeutung zu gewinnen. Hitzewellen, Flutkatastrophen, Umweltzerstörung, Flüchtlingsströme, Terroranschläge und Kriege werden genutzt, um Ängste und Unsicherheit zu schüren und spiegeln die wirtschaftlichen wie politischen globalen Abhängigkeiten und Verstrickungen wider. Gleichzeitig regt sich im post-faktischen Zeitalter von Populismus, Fake News und nationalistischer Propaganda vermehrt Widerstand, gepaart mit dem Bedürfnis, aktiv in Systeme eingreifen, sie verändern und mitgestalten zu wollen. Wie sehen diese neuen Formen der Subversion und des Protestes aus? Welche Mittel und Methoden werden genutzt und welche Rolle spielt dabei das Design?

 

 

Fiktion als subversive Methode

Vor allem in dem noch jungen Feld des kritischen Designs geht es nicht mehr primär um das Bedienen eines konsumorientierten Marktes, sondern darum, konzeptionelle Entwürfe und Zukunftsszenarien zu nutzen, um vorgefasste Meinungen im Umgang mit Technologien und damit verbundenen sozialen Auswirkungen zu überwinden.

„Wir reden immer noch über die gleichen Dinge wie vor zwanzig Jahren, aber die Welt um diese Dinge herum verändert sich politisch, gesellschaftlich und technologisch. Dementsprechend fängt man an, die Relevanz von kritischem Design anders zu betrachten“, erläutert die Designerin Fiona Raby in einem Interview ihr Verständnis zu kritischem Design. [1: Rick Poynor im Interview mit Anthony Dunne und Fiona Raby, Critical World Building, in Alex Coles (Hrsg.), EP Vol. 2. Design Fiction, Berlin: Sternberg Press, 2016, S. 49.]

Anthony Dunne und Fiona Raby, die das Feld des kritischen Designs maßgeblich prägten, untersuchen in ihrem Buch „Speculative Everything. Design, Fiction, and Social Dreaming“ Design in seinen erweiterten Möglichkeiten des Spekulierens, Kritisierens und Imaginierens fiktionaler Welten, um gängige Weltanschauungen infrage zu stellen und ein Spektrum zukünftiger Realitäten zur Diskussion anzubieten. Dabei möchten sie nicht „die“ Zukunft voraussagen, sondern zukünftige Möglichkeitsräume durch fiktive Szenarien aufzeigen, die nun, mithilfe des Designs, erkennbar und erlebbar werden und ebenfalls hinterfragt, verhandelt und unterwandert werden können. Dabei geht es ihnen nicht um das Inszenieren einer Science-Fiction, sondern um das Weiterdenken gegenwärtiger realer Entwicklungen. Designer machen dabei das, was sie gut können: sie gestalten visuell kraftvolle Bilder oder Artefakte und entwickeln zukünftige Personas, die als Sinnbild für prototypische Lebenswelten stehen. Dass diese nicht immer heilsversprechend sind, versteht sich von selbst.

Das Verwirrspiel von Realität und Fiktion kann zu einer wirksamen Methode werden, um Verunsicherung und den Beginn einer Auseinandersetzung zu bewirken, wie das fiktive Geschäftsmodell Rent-A-Minority von der in New York lebenden Markenstrategin und Autorin Arwa Mahdawi zeigt. Rent-A-Minority entlarvt die oberflächliche Auseinandersetzung mit Diversität in der Geschäftswelt, indem das Angebot, ethnische Minderheiten (zum Beispiel „Ethnically Ambiguous“, „Cheerful Women of Color“ oder „Intellectual Black Guy“) einfach und unkompliziert zu buchen, Unternehmen die Möglichkeit gibt, eine ethisch korrekte Haltung nach außen zu suggerieren, ohne sich wirklich mit der Thematik auseinandersetzen zu müssen. Dass das Modell aber nicht nur Fiktion ist, zeigt der Dokumentarfilm „Dream Empire“ von David Borenstein, in dem das tatsächlich existierende Geschäftsmodell „Rent-A-Foreigner“ in China thematisiert wird. Es bleibt die Frage, ob das Abbilden einer Realität oder das Inszenieren einer Fiktion, die aber Realität sein könnte, mehr Wirkung besitzt.

 

 

Auf das Hervorrufen von Gefühlen, die zwischen reaktionär und zugeneigt schwanken, baut das vom Künstler und Philosophen Koert van Mensvoort entwickelte Online-Storytelling-Projekt „The Rise and Fall of Rayfish Footwear“ auf. Bei dem erfundenen Unternehmen Rayfish Footwear können Sneakers aus genmodifizierter Stachelrochenhaut nach individuellen Kundenwünschen bestellt werden. Nachdem über 10.000 Menschen ihre attraktiven „customised“ Sneakers bestellt haben, brechen Tieraktivisten bei Rayfish Footwear ein, um alle Fische zu befreien. Auf eine sehr konkrete und mitreißende Art wird ein berechenbares Konsumverhalten und kapitalistisches Marktsystem auf Basis einer technologisch gesteuerten Natur entlarvt, was unmittelbarer und wirkungsvoller ist, als ein abstrakter Diskurs darüber.

 

Systemkritik durch Hacking

Hacken bedeutet, ungefragt Sicherheitslücken in fremden Systemen auszunutzen, um das System für eigene Zwecke umzufunktionieren oder lahmzulegen. So hat zum Beispiel der Chaos Computer Club die Apple Touch ID gehackt und aufgezeigt, wie mit einfachsten Mitteln die biometrische Sicherheitsfunktion geknackt werden kann. Hacking nimmt oft eine demokratische Haltung ein. Nach den Prinzipien des Do it yourself und Open Source werden Daten zugänglich gemacht und Wissen geteilt. Statt sich auf Politik und Verwaltung zu verlassen, können Bürger nun ihr eigenes Feinstaubmessgerät oder den eigenen Geigerzähler zur Messung von Radioaktivität bauen. Aber auch das Veröffentlichen der 3D-Druck-Bauanleitung der Liberator-Pistole von Cody Wilson kann als Hack bezeichnet werden, bei dem das Design eine zerstörerische Funktion einnimmt.

Die Medienkünstlerin Johanna Sunder-Plassmann und die Designerin Carlotta Werner untersuchen in ihrer Studie „Hacked Protest Objects“ die für Demonstrationen umfunktionierten Alltagsgegenstände, die – ihrem ursprünglichen Kontext entrissen – zweckentfremdet neue Dienste erweisen. So wurden von den Demonstranten in Istanbul Putzmittel-Sprühflaschen mit Milch gefüllt. Diese sprühten sie sich bei Tränengasattacken in die Augen, um den Schmerz zu lindern. Oder während des sogenannten Umbrella Movements in Hongkong wurde der Regenschirm zum Symbol für Protest. Der kreative Prozess ermöglichte es so Aktivisten, wie auch der breiten Öffentlichkeit, ihre Haltung gemeinschaftlich auszudrücken.



 

Biohacking für eine neue Gesellschaft

Die Wissenschaftlerin Jennifer Doudna aus dem Silicon Valley hat ein Verfahren entwickelt, mit dem im Labor präzise und kostengünstig Genmanipulation betrieben werden kann. Eiweißstoffe, die wie kleine Roboter Gene verändern und von Menschen gesteuert werden, sind mittlerweile keine komplizierte und teure Sache mehr. Wir könnten also Organismen kreieren, die Biotreibstoff herstellen oder Nahrung und Pflanzen, die mit dem Klimawandel fertig werden.

Das Designprojekt „The New Weatherman“ handelt von einer fiktiven Aktivistengruppe, die mithilfe der synthetischen Biologie radikale Umweltveränderungen hervorrufen möchte. Die Grenzen zwischen Aktivismus und Anarchie herausfordernd, greifen sie zerstörerisch in Gegebenheiten ein und versuchen ihre ehrgeizigen Visionen – für das Gute propagierend – umzusetzen. „The New Weatherman“ umfasst verschiedene Protestszenarien, beispielsweise „PalmOPS“: Hierbei soll die öffentliche Meinung über die Verwendung von Palmöl in der Lebensmittelindustrie radikal beeinflusst werden. Bei einer Guerillaaktion werden die Palmen mit einem Bakterium infiziert, sodass man in Zukunft beim Verzehr des modifizierten Palmöls dieses nicht mehr verdauen kann und stattdessen Bauchschmerzen bekommt. Eine ähnliche Methode wird tatsächlich bei Alkoholikern genutzt, um ihnen das Trinken abzugewöhnen. David Benqué, Designer und PhD-Kandidat am Royal College of Art in London, hinterfragt bei diesem Projekt mithilfe von spekulativem Design zum einen den Diskurs zwischen Technikgläubigen und Alternativen, zum anderen zeigt er den schmalen Grat zwischen Protest und Kriminalität auf, der im Glaube an die eigene Überzeugung und durch die Möglichkeiten neuer Technologien entstehen kann. Man könnte sich fragen, was wäre, wenn Design keine aufklärende und vermittelnde Rolle mehr einnähme, sondern bewusst Nutzer nicht nur manipulieren würde – was Design ohnehin schon macht –, sondern gar zu bestimmten Handlungen zwänge. Verstünden sich Designer dann als Richter über ethische Fragen?



 

Grenzen und Möglichkeiten des Designs

Das Design wächst gerne mal über sich selbst hinaus. Ob es die Gabe hat, uns zu selbstbestimmten und kritischen Wesen zu erziehen, die ihre Zukunft verantwortungsvoll verhandeln und selbst in die Hand nehmen, sei dahingestellt.

Ruben Pater meint zu Recht: „Design ist keine magische Kraft, die die Probleme dieser Welt lösen wird, das anzunehmen ist gefährlich. Designer können jedoch versuchen, die negativen Effekte zu verringern und sie hin zum Positiven zu wenden.“ [2: Siehe untold-stories.net (zuletzt geprüft am 13. Juli 2017).] Der niederländische Designer hat zusammen mit Gonçalo F. Cardoso die Audio-Studie „The Sounds of Violence“ erarbeitet, die die individuellen Geräusche 17 verschiedener Militärdrohnen wiedergibt. Während es dort, wo die Drohnen fliegen, laut ist, ist es dort, wo diese unbemannten Flugobjekte gelenkt werden, leise. Die Asymmetrie des Sounds zeigt die Absurdität, Konflikte meilenweit entfernt, sich in Sicherheit wähnend, mithilfe einer Fernbedienung bekämpfen zu wollen. Die Audio-Performance versetzt den Betrachter in eine Welt der unsichtbaren und unberechenbaren Angst und Bedrohung. Bekannt wurde Pater mit seinem „Drone Survival Guide“, einer Übersicht verschiedener militärisch genutzter Drohnen auf Silberfolie gedruckt, die er als „Twenty-first Century Birdwatching“ [Vogelbeobachtung im 21. Jahrhundert] bezeichnet. Hält man die Metallfolie ins Licht, blenden die reflektierenden Sonnenstrahlen die Kamera an der Drohne und verhindern somit Aufnahmen. Insgeheim wünscht man sich mehr solcher Do-it-yourself-Drohnen-Hacks.

Der Anspruch des kritischen Designs liegt sicher darin, gängige Dystopien oder Utopien überwinden zu wollen, um auf neue, jenseits vorgefasster Meinungen existierende, ernst zu nehmende Zukunftsentwürfe zu stoßen. Das ist nicht einfach, wenn man die Komplexität sozialer, wirtschaftlicher, ökologischer und politischer Zusammenhänge nicht lösungsorientiert banalisieren, sondern in ihrem ganzen Ausmaß erfassen möchte.

Damit Design nicht in Emotionen und Effekten verhaftet bleibt, ist ein interdisziplinäres und forschendes Design deshalb Voraussetzung. Dann hat Design das Potenzial, neue Blickwinkel und Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft – mithilfe der Gestaltung von symbolischen und prototypischen Ordnungen und Systemen – zu eröffnen. Yana Milev spricht hier auch von der Designsoziologie, die Fragen der Gestaltung und Repräsentation unter den Gesichtspunkten von Macht, Identität, Ritualen, Arbeit, Massenmedien, Technologie, Protest und Widerstand beantworten möchte. „Das radikale soziologische Argument innerhalb der komplementären Designforschung“ erschließt sich für sie „in der Partizipation, der teilnehmenden Beobachtung, der Solidarität und Betroffenheit, schließlich in der Gestaltkraft des Überlebens in sozialen Feldern.“ [3: Yana Milev, Designsoziologie. Der erweiterte Designbegriff im Entwurfsfeld der Politischen Theorie und Soziologie, Frankfurt am Main: Peter Lang, 2014, verfügbar unter peterlang.com/view/product/22157?tab=aboutauthor&format=HC (zuletzt geprüft am 13. Juli 2017).]

Die an der HfG Offenbach ausgebildete Designerin Sarah Dorkenwald arbeitete als Artdirektorin für form (1999–2002) sowie für das kanadische Büro Bruce Mau Design in Toronto, bevor sie das Designerduo Dorkenwald und Spitzer mitbegründete. Sie entwickelt neue Formate an der Schnittstelle von Design, Industrie, Wissenschaft und Kunst, kuratiert Ausstellungen, schreibt für Fachmagazine und arbeitet als Dozentin. In ihrem aktuellen Seminar zur Designtheorie an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München ging es ebenfalls um Protest im Design. Das Hinterfragen einer subversiven beziehungsweise systemändernden Kraft des Designs durch spekulative oder kritische Herangehensweisen ist einer ihrer Schwerpunkte. Zuletzt schrieb Dorkenwald in form 271 über zukünftige Stadtplanung unter dem Stichwort „Responsive Cities“.

Shop

Nº 274
Identity

form Design Magazine


Grid one form 274 cover 1200 Jetzt bestellen

Kontakt

Verlag form GmbH & Co. KG
Wildunger Straße 8
60487 Frankfurt am Main
Germany

T +49 69 153 269 430
F +49 69 153 269 431
form@form.de

Leserservice

Fragen zur Abonnementrechnung, zum Abonnementangebot oder Adressänderung?

T +49 69 153 269 438
F +49 69 153 269 439
leserservice@form.de

Newsletter

Melden Sie sich jetzt an, um an exklusiven Ticketverlosungen teilzunehmen, monatliche Neuigkeiten zum Magazin zu erhalten und über aktuelle Design-Events und -Publikationen informiert zu werden.

Anmelden

Design Magazine
Established 1957

 

 
form.de