Nº 275
Focus:

Mode für den Lauf(steg)
Fashion on Track

Text: Kathrin Leist

Unten Radlerhose, oben Bustier und hinten eine goldene Schleppe – so weit weg von den Louis Vuitton Frühling 2018-Styles war der Oscarlook von Demi Moore vor 28 Jahren nicht. Doch statt Applaus erntete Moore für ihre eigene Stylingkreation Spott. Die Stylisten freuten sich. Nach ihrem Auftritt traute sich keine Hollywoodschauspielerin mehr ohne professionelles Styling auf den roten Teppich. Zu Unrecht, könnte man heute sagen. Moore hätte als erstes Gesicht von „Glamleisure“ gefeiert werden müssen. Nur war die Welt noch nicht bereit für den wichtigsten Fashiontrend des vergangenen Jahrzehnts.



 

Werden wir je weniger Sport treiben als heute? Werden wir uns wieder auf unbequeme Art und Weise elegant kleiden wollen? Wahrscheinlich nicht. Das denkt man wenigstens, wenn man die Resort 2018-Kollektion von Valentino anschaut, in der die Models wie eine Basketball-Mannschaft im St. Vartan Park in New York City aufgestellt sind. In ihren Val-Letten und stretchy Kapuzenkleidern könnten sie Ball spielen – oder auf einen Ball gehen. Immer bereit sein für alles, auf dem Sprung sein, das ist das Lebensgefühl von heute: Ein Sprint vom Büro zur Bar. Bereit zur Abwehr von Angreifern und politischen Gegnern. Direkt im Dauerlauf vom Meeting zum Boxen. Ohne Umziehen. Womit wir wieder bei Louis Vuitton wären. Nicolas Ghesquières Designabsicht war nicht nur, seidene Boxershorts salonfähig zu machen, wie die Gäste meinten. Er wollte auch die Jahrhunderte zwischen Monarchie und heute in einem Style zusammenbringen: Die Touristen, die im Louvre die Mona Lisa besuchen, tragen Turnschuhe und Shorts, hinzu kommt die königliche Robe von Ludwig dem 16., ein Rokoko-Gehrock. Das hat heute Klasse. Und so integriert sich ein Kleidungsstück, das als Kostüm wahrgenommen wird, ganz natürlich in eine alltägliche Garderobe.



 

„Ich habe das Gefühl, viele Designer sind richtig glücklich, dass sie endlich ihren Sportsgeist bei der Arbeit ausleben dürfen“, meint die Modejournalistin und Markenberaterin Barbara Markert. „Seit Nicolas Ghesquière bei Louis Vuitton ist, darf er machen, was er will. Jede Kollektion ist voll von ‚Athleisure‘. Er selbst geht ja auch fünf Mal die Woche zum Sport.“ So wie auch Marc Jacobs, Rick Owens und Riccardo Tisci. Karl Lagerfeld hatte ein Leben vor dem Sport und der Gesundheit und eins danach. Bis auf den Namen und das gestalterische Talent haben beide nichts gemein. In seinem ersten Leben sagte er einmal, dass jeder Mensch, der Jogginghosen im Alltag trägt, die Kontrolle über sein Leben verloren hätte. Eine These, die er 2015 mit dem Model Cara Delevingne an der Hand auf dem Laufsteg revidierte. Oder spezifizierte: Wenn der Jogginganzug durchlöchert, pink, bauchfrei und von Chanel ist, dann ist es okay. Überhaupt kann man sich schwer vorstellen, dass man in den neuen schicken Jogginganzügen von Valentino und Tommy Hilfiger nicht in die Berliner Clubs reinkommt. „Der Casual Friday hat sich etabliert, fast alle Branchen ziehen sich lockerer an, nur Banker und Versicherungsleute müssen noch Anzüge tragen“, so Markert.



 

Auch in der US-amerikanischen Vogue wird die luxuriöse Form von „Athleisure“ als „Glamleisure“ rauf und runter gefeiert. Topmodel Gigi Hadid boxt sich in Tracksuits von Valentino bis Y Project durch die Seiten. In den Miu Miu-Boxing-Boots kann sie genauso hoch springen, wie im weißen Calvin Klein-Kleid. Und ein Chromat-Sportsbra darf unter einem Prada-Kleid durchaus hervorlugen. Vielleicht hat unsere Lust, Sportsgeist im Alltag zu zeigen, auch damit zu tun, dass Mode heute vor lauter schnellen Launen und Kollektionen in einer Identitätskrise steckt und wir uns nach Kostümen sehnen, die darüber reden, wer wir sind, nicht wer wir sein wollen. So, wie man in den 1950er-Jahren noch an einem Outfit ablesen konnte, welchen Beruf jemand ausübt – siehe Irving Penns Small Trades-Fotoserie – verrät heute oftmals sportliche Kleidung, welcher Aktivität man nachgeht. Schließlich geht man nicht in einem Tennisrock zum Fechten.



 

Genau diese Zeichensprache interessiert die unabhängige Designerin Lenny Leleu aus Antwerpen an der Sportswear. „Sport ist meine größte Inspirationsquelle“, erzählt sie. „Die Grenze zwischen Ready-to-wear und Sportswear verschwimmt immer mehr. Ich sehe die Hälfte meiner Designs auf Partys, die andere im Yogastudio. Die Leggings mit den durchsichtigen Fenstern sind mein bekanntester Entwurf.“ Und auch der wohl am meisten kopierte. In einer halben Stunde vor einem Equinox-Fitnessstudio in New York sieht man hunderte Beine in Lycra, Spandex und Polyester mit transparenten Fenstern an einem vorbeihuschen. Die meisten sind von Lululemon und Varley. Ob ihr ein Teil ihres Marktes streitig gemacht wurde, seit wir von „Sportswear x Designer“-Kollaborationen wie Off-White x Nike, Supreme x Louis Vuitton, Adidas x Raf Simons überrannt werden? „Das ist für mich ein Segen, keine Konkurrenz. So wird eine große Gruppe von Leuten davon überzeugt, sich beim Sport modisch zu kleiden. Oder athletische Mode im Alltag zu tragen“, so die belgische Designerin, die in Deutschland geboren ist und als Kind die Schwimmerin Franziska van Almsick verehrte.



 

Die Outerwear von heute kommt übrigens von der Underwear und Swimwear von gestern. Die Seamless-Technik entwickelt sich laufend weiter (flache Übergänge, Stretch in vier Richtungen), die besten Strickmaschinen stammen aus der Schweiz, aber im Gegensatz zum 3D-Druck sind sie ein alter Hut. Allerdings kann man mit dem 3D-Drucker nur künstliche Fasern wie Nylon und Polyamid verarbeiten, was schlecht für die Umwelt ist. Außerdem können im Moment nur hundertprozentig sortenreine Materialien recycelt werden. Eine neue Methode, die gemischte Fasern aus einem Kleidungsstück wieder getrennt extrahiert, steckt erst in der Entwicklungsphase.

Lenny Leleus Fokus liegt mehr auf dem Vorantreiben des Entwurfs als auf der Technik, für die sie eine belgische Produktionsfirma beschäftigt. Sie benutzt zwar auch neue technische Stoffe, die beispielsweise kühlen, wenn sie mit Schweiß in Kontakt kommen, aber ihre Mission ist das Verwischen der Grenzen zwischen Couture und Sport. Im Moment experimentiert sie mit alten Drapier- und Falttechniken. „Es fordert mich heraus, ästhetische Mode zu entwerfen, mit der Einschränkung, dass Sportbekleidung dabei helfen muss, athletische Höchstleistungen zu erzielen. Aber genau diese Grenze macht mich kreativ.“ Beim Sport kann man die Träger schlechter täuschen als im Alltag. Sie spüren beim Training, ob etwas funktioniert oder nicht. Sportbekleidung muss den Athleten zu besseren Leistungen verhelfen.



 

So kam es, dass die High-Fashion-Marken bis jetzt gebraucht haben, um selbst Athleisure anzubieten. Ihnen fehlte zuvor die Erfahrung im Performance-Bereich. Die kanadische Marke Lululemon musste 2013 teuer dafür bezahlen, dass ihre selbst produzierten Leggings am Po durchsichtig waren, wo die Transparenz weder gewollt war, noch vorteilhaft aussah. Die Firma verlor 67 Millionen US-Dollar seiner Einnahmen, als die populärste Leggings zurückgerufen werden musste. Mittlerweile schreibt Lululemon wieder schwarze Zahlen. 2019 planen Konzerne weltweit 178 Billionen US-Dollar mit Sportkleidung zu erwirtschaften. Sollten diese Zahlen stimmen, wird die Gesundheits- und Wellnessindustrie bald mehr Umsatz machen, als die Pharmaindustrie. Bei diesem Geschäft wollen die High-Fashion-Marken natürlich mitmischen und über die Kollaborationen hinaus wachsen. Das heißt, athletische High Fashion und Sportbekleidung wird es in Zukunft auch immer mehr im Luxussegment geben – wobei wir wieder bei Valentino und der Basketball-Model-Mannschaft wären. Und die Celebrities ziehen nach. Beyoncé verzichtete 2016 im Gegensatz zu Rihanna (Fenty x Puma) auf Mittelsmänner und lancierte ihre eigene Sportmarke Ivy Park, ohne mit den traditionellen Performance-Marken zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig sind für Nike, Adidas und Puma die Designer-Kollaborationen hochprofitabel geworden und nicht mehr nur ein Mittel, um mehr Turnschuhe zu verkaufen. So wie die Kunden – nach vielen Jahren Brand-Boosting – von Chanel-Haute-Couture träumen und das Nº 5-Parfüm kaufen, lassen sich die Kunden von den Designervisionen verzaubern und kaufen millionenfach weiße Stan Smith-Sneaker. Auch Rihannas Fenty-Kollektion hilft Puma sicher, mehr klassische Teile und Turnschuhe loszuwerden, aber auch die Kleider selbst sind Verkaufsschlager. Der Rihanna-Effekt funktioniert. Auch um die Turnschuhe von Kanye West für Adidas schlagen sich die Kunden und machen sogar bei einer Art Schnitzeljagd mit. Die Klamotten blieben dagegen lange in den Läden hängen. Im Performance-Bereich sind Turnschuhe eben das, was in der High Fashion die Handtaschen sind: Sammlerstücke. Und natürlich stand auch ein Turnschuh am Anfang dieser modischen Revolution im Sport.



 

Als Yohji Yamamoto 2001 bei Adidas anfragte, ob er dreistreifige Turnschuhe für seine Herbst-Modenschau ausleihen dürfe, hatte Arthur Hoeld (mittlerweile Senior Vice President Markenstrategie und Geschäftsentwicklung bei Adidas) einen Heureka-Moment und sah in der Zusammenarbeit mit Yamamoto die Zukunft des Sports. Er ließ den japanischen Kultdesigner Turnschuhe für Adidas entwerfen und limitierte sie auf fünfzigtausend Modelle. Als diese wie geplant ausverkauft, weltweit gesucht und gehypt wurden, beauftragte er 2002 mit Yamamoto den ersten High Fashion-Designer, eine modische Linie für eine Sportmarke zu entwerfen: Y-3. Eine Marke, die bis heute schwarze Zahlen schreibt, sportliche Mode mit drei Streifen markiert und bei der New Yorker Fashion Week präsent ist. 2005 holte sich Adidas Stella McCartney ins Boot, die sich als erste auf die Ästhetik der Workout-Kleidung von Adidas konzentrierte. Beide Avantgardisten sind Adidas bis heute treu geblieben, sodass die Kollaborationen als eigene Marken wahrgenommen werden. Nach wie vor hat Adidas die Nase vorn, wenn es um die Zukunft der Mode geht, und darum, dass es nicht schlecht für die Umwelt sein muss, wenn Stretch das neue Denim wird.



 

Wenn Polyamid im Kreislauf bleibt, statt irgendwo liegen zu bleiben, wo es nicht verrottet, ist die Kunstfaser keine Katastrophe für die Umwelt. Das Recycling von Polyamid aus dem Ozean ist en vogue. Der Stoff des neuesten Adidas-Schuhs wird aus einem Garn gestrickt, das aus Plastikabfällen aus dem Meer hergestellt wird. Auch Stella McCartney kommunizierte kürzlich, dass sie in Zukunft dauerhaft mit der Organisation Parley for the Oceans zusammenarbeiten möchte, die den Müll aus den Meeren fischt und aufbereitet. Auf Adidas’ Parley-Turnschuhe und Stella McCartneys Badeanzüge aus Meeresplastik wird die neue Marke Ocean Legends mit einer großen Produktpalette folgen. Auch die spanische Firma Ecoalf arbeitet seit fünf Jahren daran, dass wir unsere Plastikabfälle wieder tragen können, hat aber erst seit 2017 eine Designerin engagiert, welche die Entwürfe attraktiver machen soll. Ohne hervorragendes Design bezahlen Menschen, die nur noch mit Stil joggen gehen, nicht den vierfachen Preis einer Uniqlo-Regenjacke. Wenn so ein Fast-Fashion-Riese eines Tages mit Parley oder Ecoalf kollaborieren würde, dann würden wir mit Sport nicht nur uns, sondern auch unseren Planeten retten. In der Zwischenzeit würde es schon helfen, wenn jemand Phoebe Philo oder Marc Jacobs ein paar Ozean-Turnschuhe zustecken würde. Welche Marke träumt nicht davon, den neuen Stan Smith im Sortiment zu haben?

Kathrin Leist war schon während ihres Industriedesignstudiums an der Zürcher Hochschule der Künste mehr an Ideen interessiert als an Formen. Das bewegte sie dazu, nach ihrem Studium bei der Schweizer Architektur- und Designzeitschrift Hochparterre den Dingen auf den Grund zu gehen. Danach lebte Leist in New York und arbeitete als Korrespondentin für verschiedene Mode- und Designmagazine sowie Blogs. Derzeit lebt und arbeitet sie in Paris. In form 272 schrieb sie zuletzt über den Reiz von Luxus im Design.

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