Nº 276
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Prototyping the Arctic

Text: Franziska Porsch

Das Strelka Institute in Moskau bietet seit 2009 als nicht staatliche Einrichtung Studierenden die Möglichkeit, in experimentellen, projektbasierten und multidisziplinären Programmen zu urbanen Themen zu forschen und zu gestalten.

Zum Stiftungsrat gehören Alexander Mamut, Sergey Gordeev und Dmitry Likin, Protagonisten der russischen Wirtschaftselite. Das aktuelle Postgraduierten-Programm The New Normal, das von dem US-amerikanischen Designtheoretiker Benjamin H. Bratton geleitet wird, erkundet als spekulativer Thinktank „die Chancen, die aufkommende Technologien für eine interdisziplinäre, urbane Gestaltungspraxis darstellen“. Der erste Jahrgang des auf drei Jahre angelegten Programms hat im Sommer 2017 seine Abschlussprojekte präsentiert. Eines davon ist Sever, eine alternative Entwicklungsstrategie für die Arktis.

 

 

Ausgangspunkt

Eine Exkursion nach Murmansk, der größten Stadt oberhalb des nördlichen Polarkreises, bildete den Ausgangspunkt für das Projekt. Was die Gruppe, bestehend aus dem Architekten und Forscher Francesco Sebregondi, der Journalistin Inna Pokazanyeva, dem Medienkünstler Ildar Iakubov und dem Filmemacher Alexey Platonov, faszinierte, waren die Gegensätze, die Murmansk charakterisieren: Trotz der ökologischen Katastrophe, die das Schmelzen des arktischen Eises darstellt, eröffnen sich der Stadt gerade dadurch neue wirtschaftliche Perspektiven. Die zukünftig entstehenden Seewege veranlassen bereits jetzt die an den arktischen Ozean angrenzenden Staaten (USA, Kanada, Grönland, Island, Norwegen und Russland), sich mit neuen Verschiffungshäfen in Position zu bringen. Dieses wirtschaftliche Potenzial der Region führt jedoch zu konkurrierenden Interessen, die politische Konflikte nach sich ziehen. In den Augen der Gruppe wird die Arktis aber nur als ein integriertes Territorium aufsteigen können. Für sie der Anlass, ein Szenario zu gestalten, das den beiden bisherigen Ansätzen – die Arktis entweder zum Schutzgebiet zu erklären oder sie der Kolonialisierung zu überlassen – einen weiteren hinzufügt.



 

Prozess

Um ein zwar spekulatives, aber trotzdem glaubwürdiges Szenario entwickeln zu können, hat die Gruppe vor Ort umfangreiche Feldforschung betrieben. Dafür sprachen sie sowohl mit lokalen Behörden als auch mit Interessenvertretern der in der Arktis operierenden Industrie sowie Bewohnern der Stadt über ihre Erwartungen an die Zukunft. Außerdem befragten sie Klimaforscher zu ihren Prognosen für die Arktis und setzten sich intensiv mit der Geopolitik der arktischen Region der vergangenen zehn Jahre auseinander. Auch wenn feststand, dass die Umsetzung des Szenarios filmisch erfolgen sollte, verwendeten sie die meiste Energie auf die Entwicklung des Szenarios selbst, indem sie Texte formulierten, Storyboards erarbeiteten und Diagramme zeichneten, die die komplexen Dynamiken einfangen sollten, die sie zu gestalten versuchten.



 

Szenario

Die Erschließung der Arktis als Zentrum globalen Austauschs erfordert eine Infrastruktur aus Städten und Häfen, die sich kein Staat alleine leisten kann. Als Anreiz, solch ein Netzwerk aufzubauen, hat die Gruppe eine Blockchain-basierte Währung mit dem Namen Sever modelliert, deren Wert sich in Abhängigkeit vom Breitengrad bemisst: je weiter nördlich, desto höher – um so Investitionen oberhalb des nördlichen Polarkreises anzuregen. Mit dem Blockchain-Netzwerk als Grundlage, könnte dort eine kollektiv finanzierte Infrastruktur entstehen, auf der eine dezentrale Wirtschaftsordnung und letztlich auch eine dezentrale Regierung gründen könnte. Neben dem Motiv der Dezentralisierung, wäre auch ein neues Maß an Automation und Transparenz möglich. Für die Arktis relevante Wirtschaftsbereiche wie Logistik, Energieerzeugung und Fischerei könnten durch die Blockchain-Technologie automatisiert ausgeführt und transparent reguliert werden, auch im Hinblick auf die ökologischen Konsequenzen dieser Aktivitäten (wobei auch hier die negativen Auswirkungen der Blockchain-Technologie auf die Umwelt nicht vergessen werden dürfen). Außerdem würden die Städte auf Bürgerbeteiligung fußen, da die Eigentümer der Infrastruktur mit großer Wahrscheinlichkeit auch ihre Nutzer wären. All das könnte durch das ortsabhängige Protokoll dieser Blockchain möglich werden.



 

Ausblick

Weniger als eine ideale Vision der Arktis, soll Sever vielmehr als spekulativer Entwurf genutzt werden, um den gegenwärtigen Blick auf diese Region zu verändern und neue Fragestellungen zu formulieren, die für die zukünftige Entwicklung der Arktis relevant sind. Und noch mehr: „Sever würde die Grundlage für die Entwicklung eines alternativen Modells der Globalisierung bilden, das zuerst in der Arktis getestet wird“, so steht es in der Projektzusammenfassung. Deshalb soll das Szenario weiter auf seine technische und wirtschaftliche Durchführbarkeit geprüft werden, wofür ein Mitglied der Gruppe, Francesco Sebregondi, mittlerweile das UCL Centre for Blockchain Technologies in London hinzugezogen hat. Für ihr Ziel suchen sie weitere Mitstreiter, wie sie auf der Projektwebseite schreiben, auf der das Szenario anschaulich und audiovisuell beeindruckend dargestellt wird. Eines wird in Zukunft sicherlich zur „neuen Normalität“: Landkarten, in deren Zentrum die Arktis abgebildet ist.



Laut des UCL Centre for Blockchain Technologies „ist Blockchain eine neue revolutionierende Informationstechnologie, die anonymen Teilhabern eine sichere Nutzung gestattet, ohne das Eingreifen von Dritten oder die Notwendigkeit einer zentralen Autorität. Das wiederum ermöglicht die Schaffung einer direkten, dezentralisierten Wirtschaft und ist außerdem Wegbereiter für eine Reihe von Anwendungen – von E-Commerce bis Management.“

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Embodiment in Design

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