Nº 276
Focus:

Nils Holger Moormann
Zu viel Wissen ist auch nicht gescheit

Interview: Stephan Ott

„Spinnst du?“ haben ihn seine Mitarbeiter geschimpft. Ob er denn mit der form nicht über ein anderes Thema sprechen könne. Tatsächlich mag es dem ein oder anderen seltsam vorkommen, dass wir gerade mit jemandem über das Scheitern sprechen wollen, dessen Unternehmen seit der Gründung im Jahr 1984 regelmäßig große Erfolge feiert.

Aber Nils Holger Moormann wäre nicht er selbst, würde er die Momente des Scheiterns unterschlagen. „Das mag keiner gern, weil es richtig weh tut“, sagt er. „Da vergehen Wochen, in denen du einen bleiernen Geschmack im Mund hast, das ist furchtbar. Aber es ist wie im Extremsport: Du musst dich rantasten, das gelingt selten beim ersten Mal und ist leider eine unangenehme Trainingseinheit.“

Ein Gespräch über Grenzen, Glück, Geld und die Kreativität des Scheiterns und darüber, ob es auch im Erfolg ein Scheitern geben kann.



 

Nils, vielleicht fangen wir mit einem Vorschlag zur Güte an Deine Kollegen an: Wie erklärst Du Dir Euren Erfolg der vergangenen 30 Jahre?

 

Eine schwierige Frage. Eine von mehreren Antworten ist: denken hilft. Wir haben zum Beispiel von Anfang an gesagt, dass wir nicht jedes verkaufsfähige Stück realisieren, sondern dass wir uns durch viel Nachdenken Basics erarbeiten wollen. Ein Grundsatz ist, niemals selbst tief in den Produktionsprozess einzusteigen und nicht maschinenhörig zu werden. Es wäre ein Leichtes gewesen, eine mehrachsige CNC-Maschine anzuschaffen; dann bist du zwar der CNC-Violinenspieler, denkst aber nur noch in entsprechenden Projekten.

Ein weiterer Grundsatz ist heute hochmodern, wurde aber jahrelang bekämpft: die regionale Fertigung. So stehst du mit denen, die es machen, direkt in Beziehung. Das hat sich als extrem wichtig erwiesen, weil man eigentlich nur so auch mal Regeln brechen kann. Man fährt in die Werkstatt und probiert es. Dann sieht man schnell, wenn es nicht geht und denkt weiter.

Das Dritte ist, dass wir von Leidenschaft getrieben sind und alles, außer der Fertigung, selbst im Haus haben. Wir haben zum Beispiel eine gigantische Logistik. Das macht heute kein Mensch mehr, denn jeder Unternehmensberater sagt: „Zu teuer, die Logistik ist auf der Autobahn, nicht mehr auf der Wiese.“ Aber uns hat das geholfen.

 

 

Gab es nie Versuche, aus ökonomischen Gründen im Ausland zu produzieren?

 

Doch, und damit sind wir schon mitten im Thema. Bei dem Tischbock Taurus waren die Beine im Herstellungsprozess viel zu teuer, weil wir zehn Mal um die Ecke gedacht haben. Es gab zu viele Bearbeitungsschritte, da noch eine Phase, hier noch eine Senkung und so weiter; heute würden wir das Teil einfach cleverer konstruieren. Damals habe ich dann jemanden gefunden, der Ingenieursaufträge vergibt, der hat gesagt: „Kein Problem, ich kann mich darum kümmern. Was brauchen Sie für eine Stückzahl? Was haben Sie für einen Zielpreis? Ich habe Fertigungskapazitäten im Ausland.“ Der kam nach sechs Wochen mit dem Tischbein wieder. Das war in Ordnung, sah gut aus. Unser Preis betrug damals satte 16 D-Mark für ein Bein. Sein Teil hat sieben D-Mark gekostet, also weniger als die Hälfte. Er hat aber auch gesagt, dass wir mit 20 Prozent Ausschuss rechnen müssen, wenn wir seriös kalkulieren wollen. Da habe ich gedacht, das rechnet sich ja immer noch und endlich hätte auch die Diskussion ein Ende, dass wir immer zu teuer sind.

Ich bin dann abends nach Hause gefahren, hatte dieses bemusterte Tischbein dabei und habe gedacht, dass ich der Allergrößte bin. Am Ende sind mir dann aber Zweifel gekommen, dass 20 Prozent Ausschuss zu viel sind, wenn wir doch jetzt so gigantisch viel verkaufen werden. Das war der Moment, in dem ich auf die Bremse gegangen bin und gesagt habe: „Nein, zurück.“ Heute bin ich mir sicher, dass diese Hyper-Beschränktheit auf eine regionale Herstellung, die ja auch etwas von Scheitern hat, etwas Positives ist. Abgesehen davon, dass wir heute jedes Brett 500 Mal in die Hand nehmen, bis wir alles, aber wirklich alles aus ihm rausgeholt haben.



 

Entscheidet Ihr Euch deshalb oft bewusst gegen Dinge, die Mainstream sind? Lauert da nicht das nächste ökonomische Risiko?

 

Es macht ja keinen Sinn, wenn du zum besten Herrenschneider gehst und etwas anziehst und dich dann nicht wohlfühlst oder nicht der Typ dafür bist. Du siehst irgendwie gut aus, aber du bist es nicht. Authentizität ist absolut entscheidend.

Und zum Beruf des Designers oder des Designherstellers gehört es auch, Design zu verhindern – was richtig Kraft kostet. Bei uns ist es durchaus so, dass wir ab und zu Teile hier haben und sagen: „Geil, das kannst du verkaufen, das will der Markt.“ Aber dann ist es die 14. Ableitung, die vielleicht etwas besser als die 13. ist, aber von einem bekannten Thema, und es ist nichts dabei, was uns wirklich reizt und uns als Firma ausmacht.

 

 

Jetzt gibt es aber, neben Bestsellern wie dem FNP-Regal oder dem Kant-Tisch, auch – Wolfgang Laubersheimer mag es uns verzeihen – seit fast 30 Jahren das Gespannte Regal bei Euch im Programm …

 

Ja, ein großer Verkaufserfolg [lacht]. Wir wollen jetzt gerade einen Verladebahnhof bauen, weil die Stückzahlen so hoch sind.

 

 

Ein Klassiker, aber aus der Zeit gefallen. Trotzdem behaltet Ihr das Regal im Programm.

 

Das klingt immer so blöd, aber es ist ein wichtiges Teil aus dieser Zeit, das diesen Spagat schafft, von den verrückten Schweißerkapriolen zu doch einer gewissen schönen Anmutung, Ästhetik und Spannung. Da bin ich nicht nur als Hersteller gefragt, das Regal ist auch ein leidenschaftlicher Kulturbeitrag, den wir uns gönnen. Kalkulatorisch macht das überhaupt keinen Sinn, aber als Hersteller musst du so etwas tun, finde ich. Es tut einem gut, ich könnte so etwas nicht abmurksen.



 

Du betrachtest also nicht automatisch etwas als gescheitert, wenn es kein ökonomischer Erfolg ist?

 

Nein. Als Hersteller braucht man Lebensenergie und eine bis zur Sturheit gehende Einstellung, dass man nach vorne geht, auch gegen Widerstände. Kurt Weidemann hat einmal nett über mich gesagt: „Der Nils ist einer, der mit dem Kopf durch die Wand geht, aber er weiß, wo die Wand anfängt.“

Wenn die Relevanz für dich, für die Kollektion, für das Unternehmen da ist, dann stört es mich überhaupt nicht. Es ist traurig, aber es ist nicht unbedingt gescheitert. Gescheitert bin ich, wenn wir das Ding gar nicht erst in die Geburtsphase bekommen, weil wir irgendwelche technischen Konzeptionen nicht lösen können, weil es sich uns im Herstellungsprozess entzieht und wir einfach keine Chance haben. Oder, gescheitert bin ich – und das ist viel schlimmer –, wenn ich etwas gemacht habe und damit fertig bin und es mir nach einem, anderthalb Jahren anschaue und frage: „Wie ist es?“ Und von einem Mitarbeiter höre: „Ja, ist nicht schlecht.“ Das war es dann. Das ist wirkliches Scheitern. Das sind die ganz schlimmen Entscheidungen, die dann fallen, denn die Dinge schmeiße ich aus dem Programm.

 

 

Wenn man auf Eure Webseite schaut, dann sind aber alle Möbel, die Ihr je im Programm hattet, noch sichtbar, auch wenn Ihr sie nicht mehr herstellt und vertreibt.

 

Und das sind eine ganze Menge. Natürlich ist da vieles dabei, über das man heute lachen würde. Trotzdem glaube ich, dass diese Hyper-Konsequenz mit ein Grund dafür ist, warum wir einen gewissen Ruf in der Branche und in der Welt haben. Zu dem, was wir machen, stehen wir, ob das nun richtig ist oder nicht, aber das braucht es unbedingt. Und die Konsequenz muss eigentlich von der Entwurfsseite kommen, nicht von der kaufmännischen Seite. Die kaufmännische Seite verstellt da sehr schnell den Blick. Du wirst sehr schnell aalglatt und machst Sachen, die nicht den nötigen Durchschlag haben. Und lieber eine kleine Firma mit gesunden Erträgen als eine Firma mit großen Umsätzen, die jedem Trend hinterherläuft, in einem Mitbewerberfeld, in dem es einfach nur noch um Preiskämpfe geht.

 

 

Gibt es auch ein Scheitern im Erfolg?

 

Wie meinst Du das?

 

 

Dinge, die so gut sind, dass sie einem über den Kopf wachsen.

 

Das Scheitern gibt es. Natürlich sind uns Anerkennung und Verkaufszahlen wichtig, schlimm wird es aber auch, wenn das Ding losmarschiert wie verrückt. Dann ist das erste Problem unter Umständen, dass man den Reifeprozess nicht hinbekommt. Wenn man einen Produktfehler drin hat und schwungvoll losverkauft und sich nach zwei Jahren herausstellt, dass irgendwo eine Verbindung Haarrisse kriegt oder sich bewegt, dann hast du ein großes Problem, gerade als kleiner Hersteller. Das nächste Problem, was ich noch viel schlimmer finde, ist, dass Erfolg einen zuzementiert und einem eine gewisse Selbstzufriedenheit gibt. Wenn du dich mit Riesenschritten bewegst und nicht mehr jeden Schritt genießt, ist das sehr gefährlich.



 

Als wir angefangen haben, uns mit dem Thema Scheitern zu beschäftigen, haben wir nach dem Ursprung des Begriffes gesucht. Der Begriff kommt aus der Schifffahrt und steht für den Moment, in dem ein Schiff auf Klippen läuft und in Scheite zerfällt. Scheitern zu vermeiden, hieße also auch im übertragenen Sinne, die Klippen zu umschiffen.

 

Aber manchmal sitzt du auch in einem Schiff, das für dich viel zu groß ist. Ich bin aber kein Schifffahrer, sondern ein sensationeller Kajakfahrer und kann deshalb aus diesem Grund nicht scheitern.

 

 

Eine weitere Überlegung ist, dass es auf einem Weg viele Abzweigungen gibt, an denen man scheitern kann. Wenn ich also eine Idee habe, diese aber nicht entwickle, bin ich schon gescheitert, bevor es richtig losgeht. Oder ich mache zu einem relativ frühen Zeitpunkt einen Rückzieher. Dann bin ich zwar auch gescheitert, aber mit geringerer Konsequenz, als wenn ich den Weg weitergehe und es zur Katastrophe kommt.

 

Nicht immer. Ich würde sagen, mit einer Katastrophe scheitern sehr wenige. Die Katastrophe ist ja absolut existenzbedrohend. Ich gebe Dir ein Beispiel: 1998 wollte ich unbedingt ein der Firmen-CI entsprechendes Gebäude haben und habe das damals zusammen mit Peter Zumthor geplant und dafür sogar extra ein Grundstück gekauft. Das ist grandios an den Finanzen gescheitert. Ich bin damals mit dem Fahrrad bis nach Irland gefahren, im März wohlgemerkt, weil ich so fertig war mit der Welt. Und jetzt stell Dir vor, wir hätten das gemacht: Entweder wären wir finanziell ruiniert gewesen oder, wenn nicht, wäre es uns sehr schwergefallen, unsere Möbel in den Kontext zu setzen, weil jeder nur diesen Bau angeschaut hätte. Die Möbel wären zu bloßen Statisten geworden. Wir haben uns dann für das genaue Gegenteil entschieden – statt moderner Architektur ein historisches Gebäude – und haben Glück gehabt. Scheitern ist also nicht nur schlecht, sondern führt häufig eben auch dazu, dass du radikal umdenken musst und dann einsiehst, dass die erste Braut vielleicht auch nicht wirklich die richtige war.



 

Du hast einmal gesagt, dass man auch die Dinge sprechen lassen, sich auf sie einlassen muss. Gilt das für Dich auch bei der Entwicklung von Produkten?

 

Ganz eindeutig. Auch wenn es dem widerspricht, was ich zu Anfang gesagt habe. Denken hilft zwar, aber auf der anderen Seite ist einer meiner Lieblingssprüche: „Zu viel Wissen ist auch nicht gescheit.“ Das heißt, lass zu, spring los, geh auch ein gewisses Risiko ein. Und dann musst du halt an dem Thema dranbleiben, Neuigkeiten entdecken, die du vorher nicht entdeckt hättest, wenn du nicht so weit gegangen wärst. Das haben wir häufig auch im Produktdesign, dass wir über eine Materialität, die wir gar nicht auf dem Schirm hatten, stolpern.

 

 

Hast Du ein Beispiel?

 

Ja, unser Seiltänzer-Tisch. Für mich sind ja immer unbehandelte Materialien wichtig. Wir haben das erst in gezundertem Stahl versucht – so à la Laubersheimer – das ging aber wegen der Verarbeitungsspuren schlecht und die Hersteller wollten das nicht, weil das gelasert werden muss, was die ganzen Maschinen verschmutzt. Dann wollten wir es pulverbeschichten, das sah dann aber aus wie Bene-Büromöbel oder Steelcase. Ging also auch nicht. Und dann wollten wir es mit Sandguss machen und waren extrem glücklich, bis ich nach Mailand gefahren bin und bei Magis Konstantin Grcics Brut-Serie gesehen habe.

Wir haben dann zwar noch sanft weiterentwickelt, aber es war klar, dass wir das nicht mehr vorantreiben können – ein Material, das Konstantin wiederbelebt hat, geben wir gleich als Hommage obendrauf. Da war die Stimmung hier richtig im Keller – bis ein Mitarbeiter auf die Idee gekommen ist, den Stahl mit einer Werkzeugtechnik zu behandeln. Und das ist heute das entscheidende Detail, die Oberfläche ist so fein und so ehrlich, dass sie unglaublich gut zum Thema passt. Ich glaube, dass das der halbe Erfolg von dem Tisch ist. Jeder, der ihn mal angefasst oder zumindest gesehen hat, wird das verstehen. Der Tisch ist aus einer ganzen Serie von Momenten des Scheiterns heraus in die richtige Richtung gerutscht – natürlich auch durch viel Glück. Insofern ist Scheitern eigentlich etwas hoch Kreatives, fast eine Kreativtechnik. Solange man nicht dauernd auf die Nase fällt. Es ist halt so, dass man manchmal endgültig scheitert, aber dann hat man es wenigstens probiert. Das ist zehnmal besser, als zu lange nachzudenken und nur die absolut helle und gewärmte Piste zu nehmen.

 

 

Nils, sehr herzlichen Dank für das Gespräch.

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Embodiment in Design

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