Nº 281
Focus:

Experten über Archive

Anthon Astrom und Lukas Zimmer, die 2011 das Designbüro Astrom / Zimmer in Zürich gegründet haben, hinterfragen mit ihrer Arbeit Interaktionskonventionen und treiben den Diskurs über die zeitgenössische Informationslandschaft voran. In verschiedenen Projekten haben sie dabei bereits für unterschiedliche Archive alternative Methoden erarbeitet, um digitalen Inhalt zu kuratieren und neu zu kontextualisieren.



 

Was unterscheidet aus Ihrer Sicht ein Archiv von einer Sammlung?

 

Unserer Meinung nach, unterliegt ein Archiv einer gewissen Systematik und es hat eine erweiterte gesellschaftliche Bedeutung. Durch die zugrundeliegende Systematik, kann ein Besucher die Grenzen eines Archivs erkennen. Was gehört dazu, was nicht? Der Übergang zur Sammlung ist fließend. Eine Sammlung muss nicht stringent sein. Sie lebt durchaus von der Originalität und den verwundenen Entscheidungswegen ihrer Urheber. Eine Sammlung kann stark vom Interesse oder der Haltung einer Person oder Institution geprägt sein.

 

 

Welches grundlegende Prinzip verbirgt sich hinter Ihrer Arbeitsweise?

 

Uns interessiert die Materialität, die Organisation und die Örtlichkeit des Ursprungsarchivs und die darin stattfindenden Kreisläufe der Wissensproduktion. Das sorgfältige Kartografieren dieser Ausgangsdispositionen sind Grundlage und Inspiration für die Entwicklung ihrer digitalen Pendants. Im besten Fall gelingt uns eine hybride Koppelung des physischen Ursprungsbestandes mit den Digitalisaten. Uns ist es wichtig, dass digitale Archive nicht nur gut strukturierte Setzkästen atomarer Einzelteile sind, sondern anschlussfähig für unterschiedliche Perspektiven, Narrative, Arbeitsprozesse und Darstellungsmethoden. Digitale Archive sollen einen Puls haben, der durch die Zusammenarbeit mit seinen Nutzern entsteht.

 

Welche Rolle spielen die Ebenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Ihrer Arbeit?

 

Wir interessieren uns für historische Darstellungsformen von Informationen und sammeln Visionen von Vordenkern unserer heutigen Informationslandschaft, die alternative Konzepte zum World Wide Web, so wie wir es heute kennen und mit dem auch wir uns gezwungenermaßen auseinandersetzen müssen, entwickelt haben. Die möglichen Zukünfte dieser vergangenen Visionen sind eine bedeutende Inspiration für unsere eigene Arbeit und spannende Beispiele, um Wissensprozesse an der Schnittstelle zwischen Technik und Gestaltung zu studieren.



 

Welche Arten von Archivgut stellen eine besondere Herausforderung dar?

 

Im Moment arbeiten wir an einem kompletten Redesign für das Schweizer Material Archiv, das ein perfektes Beispiel für eine der größten Herausforderungen ist: Materialität ins Digitale zu übersetzen. Der Trick besteht darin, nicht dem Klischee zu verfallen, die physische Materialität auf einem digitalen Bildschirm nachzuahmen, sondern Wege zu finden, Sinn und Bedeutung des Ausgangsmaterials in eine neue Form, eine neue Sprache zu übersetzen. Das Physische und das Digitale sind so grundlegend verschieden, dass es eine große Herausforderung ist, die Qualitäten des einen im Anderen darzustellen.

 

 

Welche Herausforderungen birgt die Digitalisierung im Kontext Ihrer Arbeit?

 

Die Idee, dass mit der Digitalisierung eines Objekts eine Informationssicherheit hergestellt werden kann, ist eine Illusion. Ja, physische Objekte verfallen, aber digitale Darstellungen physischer Objekte sind nur Kopien technischer Interpretationen und sie sind immer ein Ergebnis der aktuellen Technologien und der aktuellen technologischen und kulturellen Vorurteile. Der beste Weg, Informationen zu bewahren, wäre, sicherzustellen, dass die physischen Objekte immer wieder neu interpretiert, hinterfragt und kontextualisiert werden, während all die verschiedenen bestehenden Perspektiven erhalten bleiben.



 

Auf welche Zielgruppe ist Ihre Arbeit ausgerichtet?

 

Mit unserer Arbeit sprechen wir vor allem Institutionen im kulturellen Segment an. Archivbestände, die nicht nur als Lieferant von Fakten verstanden werden, sondern auch als Quelle der Inspiration. Die Kunden wiederum, die mit uns arbeiten, erhalten von uns einen modularen Setzkasten, der sich immer wieder neu konfigurieren lässt. Die Zielgruppen können mittels neuer Zugänge und Perspektiven auf die Daten, die wir mit ihnen entwickeln, immer wieder neu definiert werden.

 

 

Würde sich ein Laie oder Außenstehender in Ihrer Systematik zurechtfinden?

 

Eine gelungene Archivumsetzung ist ein komplexes Ineinandergreifen von unterschiedlichen Elementen. Wir sprechen in diesem Zusammenhang auch gerne vom Bau einer Maschine. Von der Anlage der Metadaten und der passgenauen Datenbank dazu bis hin zum Abruf der Daten via API (Application Programming Interface), um das Interface zu füttern. Die Orientierung auf unseren Archiv-Interfaces hängt fest vom reibungslosen Zusammenspiel all dieser Elemente ab. Unsere Interfaces sollen je nach Bedürfnis auf ganz unterschiedlichen Levels funktionieren. Von der einfachen zielgerichteten Suche über die komplexe Kombination von Such- und Filterbegriffen bis hin zum Flanieren durch Themen und Kategorien. Alles soll für jeden möglich sein.



 

Wie integrieren Sie Nutzer oder Besucherfeedback in Ihr Vorgehen?

 

In den Frühphasen der Projekte setzen wir uns stark mit dem Auftraggeber, aber auch mit den Wünschen der zukünftigen Nutzer auseinander. In der Konzeptphase ziehen wir uns dann eher zurück und versuchen, uns auf unser Wissen und unsere Intuition zu verlassen. Um all die unterschiedlichen Wünsche unter einen Hut zu bringen, brauchen wir wieder die nötige Freiheit und Distanz.

 

 

Welche Tools nutzen Sie für Ihre eigenen Recherchen?

 

In den ersten Jahren unserer Tätigkeit haben wir uns mit genau dieser Frage beschäftigt. Wir haben mit neuartigen Organisationsstrukturen experimentiert und versucht, analoge Prozesse ins Digitale zu übersetzen und umgekehrt – immer mit dem Ziel, Wissenswerkzeuge zu entwickeln, welche auch für andere User brauchbar sind. Die optimale Lösung haben wir noch nicht gefunden. Screenshots, Dropbox und Karteikarten sind bei uns immer noch omnipräsent. Tools zu entwickeln, welche die Interaktion zwischen Hirn, Hand und Herz registrieren, ohne den Fluss zu stören, ist eine anspruchsvolle, aber auch sehr spannende Herausforderung.



 

Was ist für Sie der Grund, Dinge zu sammeln und zu archivieren?

 

Wir sammeln, um unserem Denken Halt zu geben. Das Herauslösen von Positionen aus einem nie versiegenden Strom an Informationen ist ein wichtiger, erster Akt im Aufbau von Wissen. Aufbauend auf der bewusst getroffenen Auswahl, lassen sich Querbezüge herstellen und die Positionen beginnen, sich gegenseitig zu bereichern.

 

 

Gibt es für Sie ein Recht auf Vergessen?

 

Ein persönliches Recht auf Vergessen, ja, unbedingt! Damit wir uns wandeln und weiterentwickeln können. Es gehört zu unseren großen Aufgaben als Interaktions- und Systementwickler, dass jeder einzelne seine Spuren auch wieder verschwinden lassen kann. Im großen Rahmen betreffen diese Fragen natürlich vor allem Facebook und Google, aber auch bei der Konzeption unserer Archive und der Partizipation der User kommt diese Fragen auf. Im Zusammenhang mit Institutionen würden wir das Recht auf Vergessen verneinen. Es sollte jedem Bürger möglich sein, die Geschichte öffentlicher Institutionen einzusehen, auch die dunklen Ecken, um sich so eine eigene Meinung bilden zu können. In unserer Arbeit wird es speziell spannend an dem Punkt, wo der User beginnt, sich in Archive einzuschreiben. Gehören diese Annotationen dann mit zum Bestand der Institution? Wenn ja, wie lange können diese noch gelöscht werden?

 

 

Welches Projekt hat Sie nachhaltig geprägt?

 

Lines, eines unserer frühen Projekte, bei dem wir uns mit neuen Schreib- und Lesetechniken im Web auseinandergesetzt haben, hat uns sehr stark geprägt. Wir haben uns damit beschäftigt, wie Informationen nicht nur organisiert, sondern auch nach den Regeln des Lesers erstellt werden können und wie Dinge mit unscharfen, visuellen Werten gefiltert und gekennzeichnet werden können.

 

An welchen Projekten arbeiten Sie momentan?

 

Wie können Arbeitsprozesse von Studierenden dokumentiert werden? Wie kann das implizite Wissen eines renommierten Lithografen archiviert werden? Wie blättert man im digitalen Lexikon der Schweizer Kunst? Wie kann eine digitale Materialsammlung mit der physischen Umwelt verschmolzen werden und wie muss ein Archiv für Künstler organisiert sein, damit es für Picasso und den Hobbymaler von nebenan funktioniert?

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