21. April 2016

Dossiers
Ausstellungsbesprechung:
„Jasper Morrison – Thingness“
in Zürich

Text: Jörg Stürzebecher

Jasper Morrisons Arbeiten stehen für alltagstaugliche gestalterische Reduktion, für das Streben nach Wesentlichem, Archetypischem. Dabei wird oft übersehen, dass Morrisons Gebrauchsbegriff den Genuss beinhaltet, wie an einem seiner ersten Produkte, dem Thinking Man’s Chair (1986) sinnfällig wird: Entspanntes Sitzen ist eben nicht alles, auch Ablagemöglichkeiten für Buch oder Getränk oder Aschenbecher mit Tabakprodukt oder eine Kombination der geistig-körperlichen Stimulantia gehören dazu, nicht als Beistelltischgaben, sondern in stuhlarmlehnenkonstruierter Handreichweite. Das Minimum – es ist Komfort.



 

Das lässt sich jetzt in Zürich ansehen und nachlesen, denn Morrison hat Werkphasen und einzelne Produkte seiner Arbeit mit Texten kommentiert. Besucher können diese und Produktabbildungen auch in einem kostenlosen Begleitheft mitnehmen und am selbstgewählten Ort, also mit individuellem Komfort, nachsehen und -lesen.

 

Soweit so gut, und anzumerken ist noch, dass die auf Lattengestellen eingerichtete Schau übersichtlich gegliedert ist, doch ist da ein Weiteres. Denn mit dieser Ausstellung beginnt das Museum die Reihe „My Collection“ und lässt Gestalter Objekte aus der umfangreichen Sammlung des Museums auswählen, einen persönlichen Blick ins Depot manifestieren. Das folgt den derzeit so beliebten Artist’s oder Director’s Choice-Kuratierungen, bei denen oft Subjektivität, Eitelkeit und Originalitätssucht eine Mesalliance eingehen, bei Morrison ist das Ergebnis aber ein Glücksfall. Denn seine Gewichtung, überwiegend, aber nicht nur Produkte aus der Schweiz aufzunehmen, entspricht zum einen der Sammlung, zum anderen aber auch Morrisons Gestaltungsauffassung, die Solidität im langfristigen Gebrauch zumindest postuliert. Das „gewöhnliche Design“ (Friedl/Ohlhauser) ist mit einer Kehrschaufel ebenso vertreten wie die Hochkultur mit Ausstellungsplakaten, auch fehlt nicht der Blick über die Grenzen mit dem Klappsessel des Slowenen Niko Kralj oder japanischer Plakatkunst. All dies wird von Morrison kommentiert, der in seinen Texten sympathisch Wissenslücken einräumt und Vermutungen äußert („Ich frage mich, warum die Schrauben so nahe am Schalter angebracht wurden; möglicherweise, um ihn an ein älteres System anzuschliessen.“), Zweifel an der tatsächlichen Gebrauchstüchtigkeit hegt, die dann aber durch andere Qualitäten wettgemacht werden müssen („Ich bin jedoch nicht völlig überzeugt, dass das Objekt sehr praktisch ist, da mehr als die Hälfte seiner Grösse nicht genutzt werden kann.“) oder auf Materialbesonderheiten hinweist („Überraschenderweise ist der Körper aus Keramik, was heutzutage viel zu teuer wäre.“). Morrisons Denkweise wird so nachvollziehbar, ähnlich, wie Bibliotheksbilder etwas über die Bibliotheksbesitzer aussagen. Auch hier gibt es ein immerhin 40-seitiges Begleitheft (ohne Bilder, aber dafür gibt es ja das Internet) gratis, das für den recht hohen Eintrittspreis des Museums (zwölf Schweizer Franken) etwas entschuldigt. Aus diesem Heft sei auch abschließend zitiert, was Morrison über Wilhelm Kienzles Kakteen-Gießkanne bemerkt, was aber auch auf den Thinking Man’s Chair zutrifft: „Rationalität und Poesie teilen sich nicht oft das Bett, und wenn sie es tun, kommt so etwas dabei heraus!“

 

 

Jörg Stürzebecher

 

 

Shop

Nº 274
Identity

form Design Magazine


Grid one form 274 cover 1200 Jetzt bestellen

Kontakt

Verlag form GmbH & Co. KG
Wildunger Straße 8
60487 Frankfurt am Main
Germany

T +49 69 153 269 430
F +49 69 153 269 431
form@form.de

Leserservice

Fragen zur Abonnementrechnung, zum Abonnementangebot oder Adressänderung?

T +49 69 153 269 438
F +49 69 153 269 439
leserservice@form.de

Newsletter

Melden Sie sich jetzt an, um an exklusiven Ticketverlosungen teilzunehmen, monatliche Neuigkeiten zum Magazin zu erhalten und über aktuelle Design-Events und -Publikationen informiert zu werden.

Anmelden

Design Magazine
Established 1957

 

 
form.de