11. Dezember 2014

Dossiers
Berlin Alexanderplatz.
Vergangene Zukunft

Text: Marie-Kathrin Zettl

Der Alexanderplatz ist einer der bekanntesten Knotenpunkte in Berlin, der von den Berlinern selbst gerne kurz und knapp Alex genannt wird. Tagtäglich wuseln Touristen über den weitläufigen Platz, auf dem sich eine Sehenswürdigkeit an die nächste reiht: die Urania-Weltzeituhr, der Berliner Fernsehturm, der Brunnen der Völkerfreundschaft, der Neptunbrunnen und die Marienkirche. Im Rahmen neuer Bauprojekte wurden in den letzten 100 Jahren immer wieder Gebäude abgerissen – die Baureste liegen bis heute im Untergrund des Berliner Alexanderplatzes verborgen. Peter Behrbohm, der von 2006–2013 an der Universität der Künste Berlin Architektur studierte, bringt in seiner Diplomarbeit „Bauvorleistung Alexanderplatz“ mit dem Untertitel „Future Reconstruction“ die verlassenen Orte unterhalb des Alexanderplatzes wieder ans Licht. Bereits im Juli diesen Jahres erhielt er hierfür den BDA-SARP-Award 2014 vom Bund deutscher Architekten und dem polnischen Architekturverband für die beste Abschlussarbeit. 



 

Wie entstand die Idee für Deine Diplomarbeit „Bauvorleistung Alexanderplatz“?

 

Der Platz hat mich schon immer interessiert, weil er gleichzeitig ungeheuer dicht und extrem offen ist. Und dann besteht er nur aus Zukunft – Abriss und Neubau werden alle 30 Jahre wie ein Ritual wiederholt. Allein im letzten Jahrhundert hatten drei Architekturwettbewerbe das Ziel, ihn abzutragen und von Grund auf neu zu errichten. Im ersten Wettbewerb (1928) ging es um einen „Weltstadtplatz“, der zweite (1964) forderte das Zentrum einer sozialistischen Hauptstadt und im dritten (1993) gewann ein Entwurf, der alles mit zehn Hochhauskomplexen ersetzen wollte. Seit nunmehr 21 Jahren werfen diese zukünftigen Hochhäuser ihre Schatten voraus auf den Platz, ohne gebaut zu werden. Dann hörte ich von einem neuen Wettbewerb. Es ging um das erste dieser zehn Hochhäuser und wie ich schnell herausfand, schien das Grundstück für das Hochhaus zwar leer, aber nicht wie jedes andere zu sein.

 

 

Wie lange hast Du daran gearbeitet? Wie hast Du Dich mit dem Thema vertraut gemacht?

 

Man hat sechs Monate Zeit für seine Diplomarbeit an der Universität der Künste Berlin. Das bietet viel Zeit für hohen Anspruch. Am Ende ist es aber wie immer viel zu kurz. Ich ahnte natürlich schon vorher, dass unter dem Alexanderplatz etwas schlummert. Jeder in Berlin kennt schließlich den riesigen U-Bahnhof. Ich machte mich also auf die Suche nach Planmaterial, um herauszufinden, was es neben den U-Bahnschächten und U-Bahnhöfen dort noch alles gibt. Dabei fiel auf, dass jedes Objekt über der Erde ein unterirdisches Gegenstück besitzt – als gebauten Raum, der sich begehen lässt und oft mit anderen verbunden ist. Der ganze Platz schien aus dem Untergrund heraus gedacht. Und während die Bebauung oben immer wieder ausgetauscht wurde, wurde mit jedem Tabula Rasa im Untergrund nur hinzugefügt, jedoch fast nie etwas entfernt.



 

Hattest Du selbst die Möglichkeit die verborgenen Tunnel und Räume zu besichtigen?

 

Ich konnte in der Tat fast alles begehen. Die unterirdischen Anlagen werden natürlich von unterschiedlichen Behörden oder Firmen verwaltet. Manche wussten selbst nicht, dass sie überhaupt einen Schlüssel haben, bis ich danach fragte. Auf den Plänen der einen Behörde fehlen dann meist die Anlagen der anderen und wenn einem ein Beamter einen Raum aufschloss, gelangte man mit Sicherheit an eine Tür, zu der er wiederum keinen Schlüssel hatte. Einmal war ich mit einer großen Gruppe von Polizisten unten. Sie suchten nach Möglichkeiten, wie man sich illegal Zugang verschaffen könnte. Am illegalsten schienen dabei allerdings die unterirdischen Räume selbst zu sein – die arbeitslosen Schächte.

 

 

Könnte man sagen, dass es Dir bei Deiner Abschlussarbeit im Kern um die Erschließung der leerstehenden Räume im Untergrund des Alexanderplatzes ging? Wie sah Dein konzeptioneller Ansatz aus?

 

Es ging mir darum, diesen Ort zu verstehen und eine Aussage zu treffen zum Umgang mit der Stadt und zur Zukunft des Ortes. Dazu schlage ich vor, die unterirdischen Anlagen zu verbinden und in die Oberwelt weiterzubauen. Diese kleinen Türme würden völlig ungeordnet im Stadtraum stehen, bewusst weder in die geplante, noch in die derzeitige Stadt passend, dafür vielleicht umso besser in die letzte oder vorletzte Version des Alexanderplatzes.

Für mich macht das keinen Unterschied, denn anders als über der Erde existieren diese Versionen im Untergrund ja immer noch parallel. Die „Bauvorleistung Alexanderplatz“ ist eine Institution, die das einlagert, was noch nicht zur Realisierung kam oder nie kommen wird. Ob totalitäre Visionen oder rosige Zukünfte – unter dem Alexanderplatz sollte an der Stadt in der Möglichkeitsform geforscht werden. Hier würden zum einen einst futuristische Pläne, Schriften und Modelle gelagert, zum anderen wäre es jedoch der Ort, an dem die Stadt auf Grundlage des bereits gedachten weitergedacht und diskutiert werden könnte. Ein solcher Ort fehlt in der Stadt.

Der Alexanderplatz scheint seit jeher Projektionsfläche für Zukunft und die Idee der Großstadt schlechthin zu sein. Angesichts der vielen Wettbewerbe kann man sagen: Es gibt den Alexanderplatz von Mies van der Rohe, es gibt den Alexanderplatz der Luckhardt-Brüder, es gibt den Alexanderplatz von Kohlhoff, von Libeskind, von Behrens und Henselmann… – alle haben sich einen anderen ausgedacht. Auch der Roman von Alfred Döblin „Berlin Alexanderplatz“ gehört dazu. Der Platz – wenn es nach mir geht – ist vor allem eine Überlagerung all dieser gleichnamigen Fiktionen und Gedankenmodelle. 



 

Wie viele Modelle gibt es? Aus welchem Material sind die Modelle gefertigt?

 

Es gibt verschiedene Modelle. Eins besteht aus Acrylglas und Bitumen. Ich nenne es Röntgenmodell. Es zeigt die ganze Stadt rund um den Platz. Über der Erde und darunter. Das darüber kennt man, aber um die Stadt darunter zu bauen, musste ich von allen Bauwerken die Pläne einsehen, um herauszufinden, ob sie einen Keller haben, ob sie unter der Erde mit anderen verbunden sind, wie die Fundamente beschaffen sind, wo die Kanalisation liegt oder wie zum Beispiel die U-Bahn den Tunnel unterfährt, der das Kaufhaus mit Waren beliefert. Es gibt sehr viele ungenutzte Katakomben in der Gegend und sehr viele Anlagen, die still ihren Dienst verrichten. Über die Jahre hat man alles vergraben, was sich hier einst überlagert hat. Das große Wurmmodell zeigt einen Ausschnitt dieser Welt. Ein Raumgeflecht ungenutzter unterirdischer Räume aus allen Zeiten. Das Modell zeigt allerdings nicht nur die alten Schächte sondern umfasst auch meine Eingriffe und Weiterbauten. Angefangen vielleicht mit dem Regenwasserhauptkanal der kaiserlichen Kanalisation, die sich s-förmig unter dem Platz schlängelt. Rund um den U-Bahnhof gibt es Räume, die einst neue U-Bahnlinien und -Bahnhöfe werden sollten und Unterführungen, die mittlerweile zugemauert im Sand liegen. In dem großen Betonblock in der Mitte läuft alles zusammen. Direkt unter dem goldenen Hochhaus, das demnächst gebaut werden soll, liegt der Fundamentblock eines anderen Hochhauses. Von Peter Behrens in den 20er-Jahren geplant, sollte es dem Alexander- und Berolinahaus einst majestätisch gegenüberstehen, das Fundament war bereits fertiggestellt, darin eingegossen drei U-Bahntunnel, da beendete die Weltwirtschaftskrise jäh den Bau des ersten Hochhauses der Stadt. Die Nazis bauten später einen großen Bunker darauf und die Sozialisten fügten ein Netz aus Tunneln für Autos und Passanten hinzu. In all diesen Räumen liegt die „Bauvorleistung Alexanderplatz“. Mit ihren Studierzimmern, Zukunftsrekonstruktionswerkstätten, dem Luftbildstroboskop und dem Raum für vorläufige Entscheidungen. Der Rauchmelder qualmt nur, wenn eine Vision realisiert wurde und aus dem Archiv getilgt werden muss. Das dritte Modell schließlich gibt einen Einblick in diese Räume. In sterilen Gängen stehen dicht gereiht Regale, gefüllt mit weißen Fässern. An einigen Stellen strömt Tageslicht durch Oberlichter, an anderen verschwinden die Gondeln des großen Paternosters durch die Decke in den oberirdischen Lagerturm. Das Modell zeigt Sichtungsbereiche und das Zukunftsendlager.

 

 

Woran arbeitest Du aktuell? 

 

Ich bin kurz vor der Fertigstellung eines Films über das Zentrum Kreuzberg und seinen Architekten. Das Haus reagierte damals auf eine ambitionierte Autobahnplanung des Senats. Die Autobahn wurde nie gebaut, und auch die utopische Stadt, von der das Haus nur ein Fragment darstellt, blieb in ihren Zeichnungen. Der Film begleitet den Visionär mit seinem Cadillac auf einer unsichtbaren Straße durch eine ungebaute Stadt.

 

 

ALEXANDERPLATZ STROBE from form – Design Magazine on Vimeo.

Shop

Nº 274
Identity

form Design Magazine


Grid one form 274 cover 1200 Jetzt bestellen

Kontakt

Verlag form GmbH & Co. KG
Wildunger Straße 8
60487 Frankfurt am Main
Germany

T +49 69 153 269 430
F +49 69 153 269 431
form@form.de

Leserservice

Fragen zur Abonnementrechnung, zum Abonnementangebot oder Adressänderung?

T +49 69 153 269 438
F +49 69 153 269 439
leserservice@form.de

Newsletter

Melden Sie sich jetzt an, um an exklusiven Ticketverlosungen teilzunehmen, monatliche Neuigkeiten zum Magazin zu erhalten und über aktuelle Design-Events und -Publikationen informiert zu werden.

Anmelden

Design Magazine
Established 1957

 

 
form.de