25. Juni 2015

Dossiers
Bonaveri Mannequins

Text: Franziska Porsch

Schaufenster in Einkaufsstraßen sind das Tor zu unserer (verbliebenen) analogen Konsumwelt. Besonders Mode will darin inszeniert werden, wenn es darum geht, den Charakter von Kleidungsstücken, einen bestimmten Lifestyle oder das Image des Modehauses zu kommunizieren und zum Kauf zu motivieren. Einen essentiellen Anteil daran haben, auch wenn sie der bewussten Wahrnehmung meist entzogen sind, die Schaufensterpuppen, die in vielfältigen Posen, Materialien, Proportionen und Abstrahierungen des menschlichen Körpers angeboten werden.



 

Das italienische Traditionsunternehmen Bonaveri fertigt seit über sechzig Jahren stilisierte Mannequins mit dem Anspruch zeitloser Eleganz, von denen rund 20.000 pro Jahr die Fabrik in Renazzo di Cento verlassen. Fragen zur aktuellen Kollektion „Aloof“, den Entwicklungsprozessen und Bonaveris Designphilosophie hat uns Andrea Bonaveri, Geschäftsführer und Sohn des Unternehmensgründers, beantwortet.

 

 

Wer ist für das Design einer Kollektion verantwortlich?

 

Für die „Aloof“-Kollektion haben wir zum ersten Mal mit einer externen Designerin – Emma Davidge – zusammengearbeitet. Sonst bin ich es in der Rolle des Art-Direktors, der in Zusammenarbeit mit meinen Mitarbeitern und den Bildhauern – die meisten kommen von der Kunstakademie Brera in Mailand – neue Kollektionen kreiert.

 

 

Welche Berufe sind außerdem in der Fabrik in Renazzo di Cento versammelt?

 

In der Fabrik befindet sich außer dem Bildhauer-Atelier noch die komplette Produktionsstraße. Vier Bildhauer arbeiten Vollzeit an der Entwicklung neuer Figuren, sowohl für Kundenanfragen als auch für unsere eigenen Kollektionen. Im Moment arbeiten außerdem knapp 60 Mitarbeiter an der Produktionsstraße. Jeder von ihnen ist dafür ausgebildet, seiner Aufgabe eigenständig nachzugehen. Manche der Aufgaben bedürfen künstlerischer Fertigkeiten, sonst geht es hauptsächlich um die technischen Aspekte der Produktion. Obwohl die Mannequins industriell hergestellt werden, braucht es dennoch Mitarbeiter, die sich darum kümmern, sie zu testen und zu verfeinern.

 

 

 

 

Welche Schritte müssen vollzogen werden bis die fertigen Mannequins

die Fabrik verlassen?

 

Nachdem das Konzept für eine Kollektion gefunden wurde, werden echte Models in den Posen fotografiert, die die Mannequins später haben sollen. Danach fertigt der Bildhauer Miniaturmodelle aus Ton, anhand derer das Design überprüft wird. Daraufhin wird das Mannequin in Lebensgröße modelliert und in einem langen Prozess der Modifikation finalisiert. Wenn wir mit den Proportionen und dem Ausdruck der Modelle zufrieden sind, gehen die Mannequins in die Massenproduktion. Sie verlassen die Fabrik erst, wenn sie im montierten Zustand auf Qualität geprüft wurden.

 

 

Welche Gründe veranlassen Sie, eine neue Kollektion zu entwerfen?

 

Es könnte eine Marktanalyse sein, die eine Lücke im Markt aufdeckt. Häufiger ist der Grund allerdings das künstlerische Verlangen, etwas neues und frisches zu kreieren. Eine Inspiration veranlasst uns dann schönere Linien und ausdruckstärkere Merkmale zu gestalten. Manchmal führen aber auch Kundenanfragen zu ganzen Kollektionen.

 

 

Wer zählt zu Ihren Kunden?

 

Bonaveri widmet seine Produkte den hochrangigen Modeunternehmen der Branche. Allerdings arbeiten wir auch mit Modeinstituten und Museen zusammen, wie dem Victoria and Albert Museum in London, dem Musée des Arts décoratifs in Paris und dem Metropolitan Museum in New York.



 

Wie lang dauert die Entwicklung einer Kollektion?

 

Es braucht fast ein ganzes Jahr um eine neue Kollektion zu entwickeln.

 

 

Gibt es einen Bonaveri-Stil?

 

Bonaveri produziert zwei Linien: zum einen Schläppi, das sind stilisierte, hyper-ikonische Figuren mit langen eleganten Gliedern und Posen. Zum anderen gibt es die Artistic Mannequins-Linie mit anatomisch korrekten Figuren und Büsten. Wir fertigen aber keine realistischen Mannequins mit Perücken und Augen.

 

 

Aus welchem Material sind die Mannequins? Forschen Sie nach neuen Materialien und Veredelungen?

 

Die Mannequins bestehen aus PVC oder Fiberglas. Wir bieten einige Teile aber auch in anderen Materialien wie Holz an. In unserem Forschungslabor wird sich um die Verbesserung verschiedener Aspekte der Produktion gekümmert und werden Innovationen im Bereich Verfahrenstechnik und Materialien gefördert –letztlich ist aber eher die Qualität des Handwerks entscheidend.

 

 

 

 

Gibt es für die Mannequins ein Schönheitsideal? Folgen Sie Trends?

 

Mannequins sollten die Möglichkeit haben, ihre eigene Persönlichkeit zu entfalten, wir nennen es ihre „Seele“. Um an diesen Punkt von Schönheit zu gelangen braucht es viel Erfahrung und Feingefühl. Wenn Sie sich alle Bonaveri-Produkte anschauen, zieht sich immer ein Teil zeitloser Eleganz durch, was die Figuren langlebig macht. Sie sind nicht nur eine Saison lang angesagt. Wir versuchen eher unsere Visionen Trends werden zu lassen.

 

 

Denken Sie, dass Mannequins einen eigenständigen ästhetischen Wert haben oder dienen sie lediglich als Träger der Kleidung?

 

Mannequins sind dafür gemacht, Kleidung von ihrer besten Seite zu präsentieren und die Werte der Modemarke zu kommunizieren. Um das tun zu können, muss das Mannequin eine perfekte Passform haben und darüber hinaus der Schaufensterkomposition das gewisse Etwas hinzufügen. Dieses Etwas soll den Menschen nicht direkt auffallen, aber es ist dieses Etwas, was ein Mannequin zu einem guten Mannequin macht.

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