27. Juni 2014

News
Digitales Editorial.
Interview mit Christian Hanke

Im Rahmen der Typo Berlin 2014 haben wir mit Christian Hanke, Creative Director bei Edenspiekermann über Homepagebesuche, digitales Design in Deutschland, den Internal Report der New York Times und das Zeit Magazin Online gesprochen.



 

Du hast gestern in deinem Vortrag gefragt, wer aus dem Publikum das Multimedia-Projekt Snow Fall der New York Times kennt. Es haben sich nur sehr wenige gemeldet. Kannst du dir erklären, woran es liegt, dass es immer noch so wenig Wissen über diese neue Art des Geschichtenerzählens gibt?

 

Ich kann mir vorstellen, dass das Publikum hier auf der TYPO immer noch sehr auf Print fokussiert ist, sich zu wenige der Besucher für digitale Medien interessieren. Zumal es sich in diesem Fall auch noch um ein digitales Medium außerhalb Deutschlands handelt. Das ist, glaube ich, die doppelte Hürde. Wir [Edenspiekermann, Anm.] merken das auch im Recruitment: Die Bewerbungen für digitale Medien, die aus Deutschland kommen, haben oft ein anderes Niveau als international gedacht wird. Das ist manchmal echt bitter. Da gibt es noch nicht genug Gutes in Deutschland.

 

In welchen Ländern läuft das besser?

 

Viele Länder haben nachgezogen, wobei es dort vermutlich jeweils einzelne Hochschulen sind. In England ist man deutlich weiter, in den USA sowieso. Aber auch alle, die sich dorthin orientieren, sind viel weiter. Von dort kommen auch die meisten meiner Vorbilder und Inspirationen. In unserem Team für Digitales sind weniger als die Hälfte der Kollegen aus Deutschland. Die deutsche Ausbildung ist weit hinterher – oft gibt es keine Professur für digitale Inhalte/Medien oder Ähnliches. Oder es wird nur als Kunstform gesehen. Ich glaube das Innovations-Tempo hat sich so verschärft, da stößt möglicherweise unser Ausbildungs- und Lehrsystem an seine Grenzen. Dazu kommt, dass der Online-Journalismus auch noch nicht so lange aufregend erzählen kann. Für mich fühlt es sich an, als sei Snow Fall schon vor 4 oder 5 Jahren entstanden, dabei sind es gerade mal 18 Monate. Seitdem ist einfach unglaublich viel passiert.

 

Was ist passiert? Was hat sich seitdem getan?

 

Ich hatte ja diesen Leser-Kommentar auf Snow Fall in meinem Vortrag: „The presentation of news and reports will never be the same.“ Es hat viele Relaunches gegeben, die immer ein Stück weiter gegangen sind. Allerdings kümmern sich sehr wenige um die Artikel an sich. – Das ist schade, wenn man sich beispielsweise den Relaunch von Code & Theoryfür die LA Times anschaut. Das war eines der größten Projekte der vergangenen Wochen. Die Artikel-Seite sieht aber immer noch relativ  einheitlich aus. Klar, das sind immer noch News, aber nachrichtlicher Online-Journalismus besteht nicht mehr nur aus ein und demselben Artikel à la „one template fits all“. Ich finde es interessant, dass im Magazin-Bereich immer noch so wenig passiert. Gestern ist der New York Times Internal Report, der Buzzfeed zugespielt wurde, veröffentlicht worden: Darin sind sie ja selbst sehr bestürzt; man sieht, die Homepage-Zahlen gehen runter. Die aktuellen Zugriffszahlen sind ein Bruchteil von dem, was sie vor eineinhalb Jahren waren, da ein Großteil der Leser direkt über den Artikel einsteigen. Das merkt man in Deutschland auch. Snow Fall hat damals über das Ziel hinaus geschossen: Die am Projekt Beteiligten haben sechs Monate daran gearbeitet. Jetzt verstehen die Leute langsam, dass nur ab und zu veröffentlichte, aufwendig produzierte Features die Zahlen nicht wieder einholen. Es muss sich standardmäßig was ändern. In dem Report wird Kevin Delaney von Quartz zitiert: „I’d rather have a Snowfall-Builder than a Snowfall.“ Die Werkzeugpalette für Erzähler beziehungsweise Journalisten muss größer werden – das ist unsere Aufgabe als Designer. Ein weiterer Trugschluss ist die Fixierung auf die Homepage: „Wenn eine Geschichte nicht auf der Homepage läuft, dann wird sie nicht gelesen …“ Lieber viele kleine Homepages um Themen, Personen, Formate bauen und den Artikel als Einstieg ernst nehmen. Und natürlich muss man auch zum Leser hin. Denn der möchte nicht noch eine Inbox, die er checken muss, sondern seine Nachrichten in die Inbox, die er sowieso schon immer checkt: Timeline und E-Mail zum Beispiel. Das ist mit ein Grund dafür, dass gut gemachte, tägliche, persönliche Newsletter jetzt wieder so erfolgreich sind. Ich lese Zeit (Magazin) Online oft über Facebook. In meiner Timeline erscheinen die Dinge, die mir wichtig sind – hoffentlich. Und von dort schaue ich mir die Artikel an. Am Besten gleich morgens ergänzt um die Zusammenfassung was heute wichtig ist, weil das in meinem Tagesablauf für mich Wert schafft. Auf diesem Weg der Distribution darf man die Leser nicht verlieren. Kluge, reichhaltige Einstiege und wirksame Distribution. Das sind einige der Dinge, die wichtig sind, die sich geändert haben.

 

Wenn Kunden auf euch zu kommen, müssen sie dann erst einmal auf diesen Stand gebracht werden?

 

Manche, ja, natürlich. Wir sind immer auch Research-Partner, stellen unsere Arbeit in den aktuellsten Kontext. Der direkte Ansprechpartner weiß meistens schon ganz viel, aber der muss natürlich intern seine Leute überzeugen, seine Chefs oder andere, die Einfluss auf das Projekt haben. In einem ersten Workshop sagen wir, was die Aufgaben aus unserer Sicht sind. Wir recherchieren im Vorfeld bestimmte Themen, z.B.: „Was ist gerade innovativ in Sachen Leseverhalten und Anzeigenvermarktung?“ Diesen Überblick zu bieten, ist fester Bestandteil unserer Arbeitsweise. Es ist sehr interessant: Einige Auftraggeber kaufen uns genau deswegen ein – manchmal auch um die Kultur zu verändern und eine agile Arbeitsweise mit dem Projekt einzuführen.

 

Wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit mit dem Zeit Magazin, das ihr betreut und dessen Seite vor kurzem online ging?

 

Der Kontakt entspann sich zwischen Chefredakteur Jochen Wegner und Erik [Spiekermann, Anm.] auf ein temporäres Redesign, daraus wurde dann mehr: Eine größere Delegation kam dann für einen halben Tag Workshop in unser Büro und man spürte, dass es gut passte. Wir hatten viele Sachen/Themen schon mal in anderen Projekten angetastet und deswegen war das ein guter Match. Dass die Redaktion nur 20 Minuten von uns entfernt sitzt, kommt noch dazu.

 

Was beinhaltet euer Redesign? Was habt ihr wie umgesetzt und warum?

 

Die Redaktion sieht das Zeit Magazin Online als eine spielerische Ergänzung zum nachrichtengetriebenen Zeit Online. Deshalb war unser Startpunkt den täglichen Magazinjournalismus visuell opulent und facettenreich online erlebbar zu machen. Wir haben mit dem Herzstück angefangen: verschiedene Erzählformate. So entstand ein Vokabular an Ausdrucksformen für die Redakteure: von Kurzformaten, Kolumnenformaten, vielfach kombinierbare bild- und textgetriebenen Einstiegen, Produktformaten bis hin zu Galerien und großen Reportagen. Und das Wichtigste: Alles direkt aus dem CMS ermöglicht ohne Handklöppeleien. Natürlich kamen dazu Home und Ressorts und noch eine Reihe von Features, die noch folgen. All das wurde von Beginn an voll responsiv gedacht und entwickelt, vom Kern des Artikels über das Kommentieren bis zum Anzeigen von Werbung.

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