Drei Fragen an:
Césare Peeren

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Das Team von Superuse Studios möchte seinen Beitrag zu einer besseren Welt liefern, indem sie schöne, aber vor allem architektonisch funktionale und soziale Designkonzepte kreieren, die auf bereits existierende Materialien und Systeme zurückgreifen. Konkret bedeutet das, dass sie eine nachhaltige Gesellschaft anstreben, indem sie lokale Ressourcen und Abfall für ihre Projekte und Produkte verwenden.




Superuse Studios wurde 1997 von Césare Peeren und Jan Jongert gegründet, die mittlerweile zu den Pionieren im Bereich des nachhaltigen Designs zählen. Es geht ihnen nicht nur darum, auf internationalem Niveau erfolgreich Projekte zu realisieren, sondern ihre Methoden und Ideen der gesamten Community als Open Source zur Verfügung zu stellen. So soll das Verwenden von häufig weggeworfenen Ressourcen nicht nur in ihren, sondern in den Designprozessen vieler Designer Normalität und Inspiration werden. Im Studio arbeiten derzeit fünf Ingenieure und Spezialisten aus den Bereichen Innovation, Design, Architektur, Urbanismus und Forschung, die für die jeweiligen Projekte ganz unterschiedlich kombinierten werden, sodass ein flexibler und einfach anzuwendender Designansatz entsteht, der wiederum eine ganze Bandbreite an Projekten ermöglicht.

Auf der Social Design-Konferenz What Design Can Do hat sich Césare Peeren die Zeit genommen, uns mehr über seine Arbeit und seine Vision für die Zukunft zu erzählen.

 

 

1. Wieso hast Du Dich entschieden mit Abfall zu arbeiten?

 

Das war keinesfalls Zufall, es hat damit zu tun, wie sich mein ganzes Leben entwickelt hat: Schon als Kind habe ich meinem Vater beim Bauen von Häusern geholfen. Er hat Ruinen gekauft und dann haben wir sie wieder in Stand gesetzt. Ich habe Nägel aus dem Holz gezogen und so weiter, und dann haben wir sie wieder zum Bauen verwendet. Wir haben immer Materialien verwendet, die schon im Gebäude vorhanden waren, um ein Haus wieder in Stand zu setzen.

So ist es Teil meiner zweiten Natur geworden. Wenn ich nun zurückschaue, scheint es mir nur logisch, dass sich alles so entwickelt hat. Denn in der Natur geht das immer so, da gibt es keinen Abfall. Abfall ist etwas, das wir erfunden haben, aber eigentlich ist Abfall etwas, das zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort ist. Unsere Gesellschaft versteht sich eher als lineares System, in der Natur ist alles ein Zyklus und das sorgt dafür, dass die Natur bestehen bleiben kann und sich immer weiter verändert. Wir Menschen versuchen immer alles festzuhalten und das gelingt uns nicht wirklich, denn sobald wir zum Beispiel mit der Instandhaltung aufhören, beginnt ein Gebäude direkt auch wieder zu verfallen.

Wir verändern zwar viel, scheuen aber eigentlich wirkliche Veränderungen. Wir neigen dazu, lineare Prozesse immer größer zu machen, wodurch auch die Müllhalden immer größer werden. Es ist also wichtig, diese Prozesse gut zu analysieren und dann zu schauen, wie man sie wieder kleiner machen und besser miteinander verbinden kann.




2. Wenn Du ein Projekt startest, beginnst Du dann mit einem bestimmten Material beziehungsweise Abfallprodukt oder traditionell mit der Problemstellung eines Auftraggebers?

 

Beides ist möglich. Es kann sein, dass ich ein Material habe, dessen positive Eigenschaften ich gerne populärer machen möchte, um zu zeigen, dass es ein gutes Material ist, um damit zum Beispiel urbane Möbel zu bauen. Im Allgemeinen bekommen wir aber einen Auftrag und schauen dann, welche Materialien sich in der Umgebung und auf dem Grundstück selbst befinden. Steht dort schon ein Gebäude? Stehen dort Bäume? Was befindet sich in der direkten Umgebung? Gibt es dort Betriebe? Was für Betriebe sind das und was produzieren sie? Jeder Betrieb, der etwas produziert, produziert auch Abfall: Es geht nicht um einen Abfallsack, sondern um große Mengen. Waschmaschinen zum Beispiel: Für ein Projekt haben wir einmal 20 alte Waschmaschinen übernommen. Alleine in Rotterdam werden jeden Monat 50.000 Waschmaschinen aus dem ganzen Land recycelt – und dabei geht es nur um ein so kleines Land wie die Niederlande mit gerade 16 Millionen Einwohnern.

Es wird zwar schon viel recycelt, aber eigentlich ist Recycling an sich eher ein bizarres Konzept: Man holt Rohstoffe aus der Erde, das kostet unglaublich viel Energie. Im nächsten Schritt produziert man etwas damit, zum Beispiel den Flügel eines Windrads – und wenn man diesen dann einige Jahre später nicht mehr benötigt, wird er geschreddert. Aus dem Abfallmaterial kann man unter Umständen noch Isolationsmaterial herstellen, das meiste wird aber verbrannt, das sind fast 4.500 Kilo. Es geht mir aber nicht nur um das Material an sich, sondern auch um die Arbeit und die Mühe, die all die Menschen bei der Produktion investiert haben – in diesem Fall wird auch noch der größte Teil mit der Hand produziert. Dieses prächtige Objekt, das während des Recyclingprozesses vollkommen zerstört wird, ist für mich kein Abfall, sondern einfach ein Objekt, dass sich am falschen Ort befindet.

 

 

3. Du bist also nicht nur auf der Suche nach Abfall aus interessanten Materialien, sondern auch mit einem emotionalen Wert?

 

Funktioneller Wert. Für mich ist der funktionelle Wert das Wichtigste. Ich verwende Dinge nie als Dekoration, deshalb könnte man auch sagen, ich bin auf der Suche nach Möglichkeiten für funktionelles Recycling. Das Beispiel mit den Windmühlen zeigt, dass es nicht nur darum geht, diese schönen Gegenstände auf einen Spielplatz zu legen, sondern sie haben auch einen funktionellen Wert: Kinder können in die Flügel hineinklettern und dort spielen, ganz ähnlich einem normalen Spielplatz. Diese Funktion befindet sich schon im Material selbst.

Es sollte aber keinesfalls so sein, dass dies die einzige Anwendungsmöglichkeit für dieses Material bleibt oder ich nur noch dieses Material verwenden möchte. Es gibt Materialien, die wir schon so oft verwendet haben, dass auch andere Menschen sich dafür interessieren. Und das ist gut. Langsam aber sicher werden diese Prozesse und Materialien akzeptiert. Ich möchte das keinesfalls geheim halten, deshalb haben wir auch die Onlineplattform – oogstkaart.nl – gegründet: Dort kann sich jeder anmelden und auf einer Weltkarte sehen, welche Materialien wofür verwendet werden können, aber auch wo man diese Materialien beziehen kann. Oftmals geht dies mit der Hilfe eines sogenannten Scouts, einem Mittelmann, der den Betrieb vertritt und bei der Organisation hilft, manchmal ist der Kontakt aber auch direkt mit dem Betrieb möglich. Auch die 12.000 Projekte auf superuseorg sind mit oogstkaart.nl beziehungsweise harvestmap.nl verknüpft, um weltweit Designer zum Recyceln zu inspirieren und als Beispiel zu dienen. Ich hoffe sehr, dass mehr Designer und Architekten sich dieses Wissen in der Zukunft zu eigen machen werden.


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Nº 273
Designing Protest

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Dossier
Material, Recycling
Jahr
2015
Disziplin
Architektur, Industriedesign, Produktdesign, Städtebau
Ausgabe

Links
superuse-studios.com

Text: Jessica Sicking