Drei Fragen an:
Kai Brach, Offscreen

offscreenmag.com


Vor zwei Jahren erschien die erste Ausgabe des Magazins Offscreen. Die neueste (Nummer 7) zeigt, dass das „One-Man Magazine“ von Kai Brach weiter auf einem guten Weg ist. Wir haben ihm drei Fragen gestellt.




Kai ist eigentlich Web Designer, er wechselte jedoch in den Print-Bereich, um ein Heft über „Pixel People“ herauszugeben. Er recherchiert, führt Interviews, schreibt, gestaltet, organisiert Vertrieb und Verkauf. Alles in der heutigen Welt, in der die Werkzeuge dafür jedem digital zur Verfügung stehen, keine Seltenheit. Was uns jedoch beeindruckt, sind Kais internationales Netzwerk, die Menschen, die er entdeckt und ihre Geschichten, die er erzählt. Einen Besuch wert ist auch sein Blog, der interessante Blicke hinter die Kulissen bietet und in dem Kai beispielsweise seine Finanzen offen legt.

 

Die guten Storys sind wohl auch der Grund, warum das Magazin so erfolgreich ist. In seinem Kern ist Offscreen ein Magazin für digitale Gestalter, es wird jedoch mittlerweile von sehr unterschiedlichen Menschen aus der ganzen Welt gelesen: Es hat sowohl die Aufmerksamkeit von Architekten, als auch die von Baristas, Lehrern und vielen anderen geweckt. So hat sich Kai auch dazu entschieden, nicht mehr nur über die Pixel People zu schreiben, sondern ebenfalls über die Menschen zu berichten, die digitale Produkte kreativ nutzen – also Autoren, Fotografen, Hilfsarbeiter oder Taxifahrer. Mit der 7. Ausgabe des Magazins hat er neue Erzählformate eingeführt (die sechs großen Interviews bleiben jedoch erhalten) und das Design leicht abgewandelt bzw. angepasst.

 

Zu den in der aktuellen Ausgabe vorgestellten Personen gehört Scott Thomas aus Chicago, auch bekannt als SimpleScott. Der Designer verbindet sein Wissen aus den Bereichen Architektur und Designgeschichte und wendet es auf das Web an. Seine erfolgreichste Arbeit half dabei, Präsident Obama in sein Amt zu bringen. Momentan arbeitet er am The Noun Project, einem Archiv der weltweiten visuellen Sprache. Neben weiteren Interviews ist auch eines mit Oliver Reichenstein, der u.a. als Sprecher beim Translations 4 Symposium im vergangenen November in Mainz war, zu lesen. Reichenstein ist ein Schweizer Designer mit einem Background in Branding und in Philosophie; Arbeits- und Lebenserfahrung hat er in Japan gesammelt. Seine Agentur heißt iA; er ist außerdem der Entwickler von Writer, einer sehr erfolgreichen „minimal text editor app“.

 

Kai, du arbeitest von Australien aus, lässt allerdings in Berlin drucken. Wie kommt es dazu?

Ich bin vor circa 10 Jahren nach Australien ausgewandert und wohne jetzt in Melbourne. Australien ist extrem teuer im Vergleich zu den meisten anderen Ländern. Dies trifft natürlich auch auf die Druckbranche zu. Würde ich das Heft hier in Melbourne drucken lassen – was einige Vorteile hätte und den Entstehungsprozess vereinfachen würde – müsste ich wohl mit dem zwei- bis dreifachen Preis rechnen. Das würde das Heft so teuer machen, dass es wohl wesentlich weniger Abnehmer finden würde. Da ich regelmäßig nach Berlin komme und natürlich deutsche Drucker für gute Qualität bekannt sind, bietet sich diese Möglichkeit an. Die Deutschen wissen oft nicht, wie günstig das Leben in ihrem Land ist. Aber nicht nur der Druckpreis war entscheidend, sondern auch der Versand. Ich verkaufe zu 75 Prozent direkt an meine Leser, die das Heft über offscreenmag.com kaufen und es dann mit der Post zugesendet bekommen. Ein Exemplar von Berlin nach Melbourne zu schicken kostet mich ungefähr vier Euro. Von Melbourne nach Berlin wäre es doppelt so teuer. Ich frage mich oft, wie das alles möglich ist – besonders auch, weil der australische Dollar eigentlich fast um die Hälfte schwächer ist als der Euro.

 

Im Heft sind Beiträge von und über Leute aus der ganzen Welt: Australien, USA, Großbritannien, Dänemark, Neuseeland, … Woher kennst du sie? Wie hast du dieses Netzwerk aufgebaut?

Teilweise durch meine Kontakte, die ich über Twitter, Facebook und Blogs kenne, und durch deren Kontakte und Freunde. Wer sich täglich viele Stunden im Netz aufhält und in der Webentwicklungsszene aktiv mitmacht, der kennt schnell einige bekannte Gesichter. Und wie das in allen Branchen so ist, wenn man mal einige Leute kennt, wird das Netzwerk oft dichter und man wird anderen Menschen vorgestellt. Ich treffe auch oft Leute auf Konferenzen, die auf der ganzen Welt stattfinden. Ich glaube, die Webszene ist da auch ein wenig besonders – sie basiert darauf Informationen zu teilen, Probleme zu lösen und Leuten zu helfen. Wir alle arbeiten mit den gleichen Tools und quasi jeder ist Autodidakt. Das bringt alle auf einen Nenner und abgehobene, hierarchische Gebilde findet man nur selten. In so einem Umfeld, angetrieben von der globalen Vernetzung, trifft man andauernd interessante Leute. Ich verbringe allerdings auch immer einige Wochen vor jeder Ausgabe damit, das Web abzugrasen. Man sollte sich nicht immer nur auf seinen eigenes „Echo-Chamber“ verlassen.

 

Wie machst du deine Interviews? Besuchst du die Leute und suchst dir vor Ort einen Fotografen?

Ich wünschte mir, das wäre finanziell und zeitlich machbar! Nein, das läuft alles schriftlich und online ab. Fast alle Interviews und Beiträge finden innerhalb von Google Docs statt. (Das sind Word-Dokumente, die online gespeichert sind. Es ist also möglich gleichzeitig live an einem Dokument arbeiten.) Dies hat Vorteile und Nachteile. Größter Vorteil des schriftlichen Interviews ist, dass die Leute Zeit haben, gute Antworten zu schreiben und es ist alles schon in schriftlicher Form vorhanden. Das macht das Bearbeiten später natürlich einfacher. Ein großer Nachteil ist allerdings, dass viele Leute, die ich gerne interviewen möchte, keine Zeit haben alles schriftlich zu tun. So etwas kann locker mal fünf bis zehn Stunden in Anspruch nehmen, meist über ein bis zwei Wochen verteilt. Es klappt also nicht immer mit genau den Leuten, die ich gerne in der nächsten Ausgabe hätte. Die Fotos zu den Interviews machen entweder Freunde oder Kollegen der Interviewkandidaten oder auch mal Fotografen, die ich extra anheuere. Das mag vielleicht unkompliziert klingen, aber wenn man parallel mit 40 Mitwirkenden zusammenarbeitet und immer wieder Leute in der letzten Minute ausfallen, kommt es dann doch öfter mal zu der ein oder anderen schlaflosen Nacht. Welcome to publishing!


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