Drei Fragen an:
Michael Volkmer, See-Camp

Wiesbaden

12. April 2014

see-conference.org


Die erfolgreiche (und von uns sehr geschätzte) See-Conference wird es in diesem Jahr nicht geben. Das ist aber gar nicht weiter schlimm. Warum – und welche Rolle dabei das Wiesbadener Leitungswasser und das Radfahren spielen – klären wir in einem Gespräch mit Michael Volkmer, dem Initiator der ehemaligen und der neuen Plattform.

 




Bereits vor einigen Tagen kündigten wir die Designtage Wiesbaden und das in diesem Rahmen stattfindende und von der Werbeagentur Scholz & Volkmer organisierte See-Camp an. Mit dem neuen Format stellen Michael Volkmer und sein Team nach acht Jahren ein Konzept vor, das die Realisierung neuer und ökologischer Projekte fördern soll. Einen Tag lang (12. April) werden sich Studierende und Experten zur Nachhaltigkeit in den Bereichen Mobilität, Ressourcen und Energie in Form von Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Workshops austauschen. Wir haben dem Initiator zur Experimentierplattform drei Fragen gestellt. 

 

Was bedeuten Design und Nachhaltigkeit für Sie?

 

Designer sind Teil einer Industrie, die neben vielen schönen Dingen auch viele Probleme verursacht hat, die die Menschheit heute beschäftigen. Sie haben aber auch die Fähigkeiten, sie zu lösen. Je nach Disziplin gibt es verschiedene Aspekte: schonender Umgang mit Ressourcen, Energiebilanz der Produktion, Cradle-to-Cradle etc. Mit „Shared Value“ gehen wir noch einen Schritt weiter. Hier geht es um Konzepte und Geschäftsmodelle, die für alle drei Beteiligten einen Wert schaffen: dem Mensch soll es nutzen, dem Unternehmen soll es Ertrag bringen und gesellschaftliche Herausforderungen sollen gemeistert werden. Wir glauben, dass Initiativen im Bereich Nachhaltigkeit nur dann langfristig wirksam sind, wenn sie sich auch wirtschaftlich tragen. Nachhaltigkeit steht unternehmerischen Zielen nicht entgegen, sie wird zur Basis von Innovation.

 

Vor etwa acht Jahren wurde die See-Conference ins Leben gerufen. Wie kam es dazu? Was für ein Konzept steckt hinter dem diesjährigen See-Camp? Weisen die Projekte Gemeinsamkeiten auf? Worin unterscheiden Sie sich?

 

Visualisierung von Information und Daten hatte mich schon immer interessiert. Wir hatten damals bei Scholz & Volkmer bereits einige Projekte in dieser Richtung gemacht. Allerdings gab es in Deutschland kaum Leute, die sich damit beschäftigten. Und da wir hungrig waren und uns weiterentwickeln wollten, haben wir uns vorgenommen, weltweit die besten Designer auf diesem Gebiet zu uns nach Wiesbaden einzuladen. Dass daraus eine Konferenzserie werden würde, war erst einmal nicht geplant.

Der Ablauf in diesem Jahr ist zweigeteilt. Am Vormittag haben wir insgesamt vier Sprecher – unter anderem Marco Maas von OpenDatacity – und eine Podiumsdiskussion. Wichtig ist es uns hier zu inspirieren und sensibilisieren: sprich die Bedeutung der Themen bewusst zu machen. Das ist dann das Briefing für den Nachmittag. Hier laden wir Leute aus verschiedenen Bereichen ein, die wirklich etwas „bewegen“ wollen: Designer, Unternehmer, Wissenschaftler, Vertreter von Städten und Institutionen und andere. Zu insgesamt drei verschiedenen, aber sehr konkreten Themen wird in kleinen Gruppen gearbeitet werden. Die Ergebnisse werden abends vorgestellt und jeder, der will, kann sich ein Projekt schnappen. Sharing-Economy meinen wir in diesem Fall sehr wörtlich. Einzige Bedingung: Es muss einem übergeordnetem Zweck dienen – also ein gesellschaftliches Problem fokussieren.

Im Wesentlichen ist es keine Lean-back-, sondern eine Lean-foreward-Veranstaltung. Get inspired ist klasse – get started ist besser. Das bedeutet, wir wollen Dinge echt tun. So gesehen wird aus der See eine Do. Ziel ist es, am Abend echte Projekte am Start zu haben, die die Chance haben, realisiert zu werden. Wenn man so will, ein Start-Up-Camp. Deshalb auch der Titel See-Camp.

 

Woher hatten Sie den Impuls und die Inspiration für die Themen Mobilität/Radfahren, Ressourcen/Wasser und Energie/Strom? Und was genau hat es mit der Fahrrad-App auf sich, die speziell für einen Fahrradkorso im Rahmen der Designtage (9. März) entwickelt wurde?

 

Mobilität, Ressourcen und Energie – das sind Themen, mit denen wir uns sowieso beschäftigen und die wir für gesellschaftlich relevant halten. Vor zwei Jahren zum Beispiel haben wir bei uns in der Agentur Flaschenwasser abgeschafft und die Mitarbeiter aufgefordert stattdessen das gute Wiesbadener Leitungswasser zu trinken. Stichwort lange Transportwege, die dementsprechend schlechte CO2-Bilanz haben. Aber am Widerstand der Leute mussten wir einsehen, dass es nicht reicht, einfach nur Gläser neben den Wasserhahn zu stellen. Das war damals der Startpunkt eines ungewollt umfangreichen Projektes. Wir mussten lernen, dass Verhaltensänderung wahnsinnig schwierig ist. Ein Jahr später hatten wir eigene Wasserflaschen produziert – für jeden Mitarbeiter eine eigene. Aktuell bauen wir im Foyer einen Brunnen in zwei Wasserqualitäten „naturell“ und „con gas“. Nun wollen wir diese Erfahrungen an andere weitergeben.

Scholz & Volkmer gibt es an zwei Standorten. In Berlin kommen ca. 80 Prozent mit dem Fahrrad oder den Öffentlichen in die Agentur. In Wiesbaden sind es nicht einmal 10 Radfahrer bei ca. 120 Mitarbeitern. Also starteten wir ein Projekt, um das Fahrradfahren allgemein voranzubringen. Nach verschiedenen Versuchen kam die App Radwende heraus, die die gefahrenen Kilometer eines Radfahrers aufzeichnet und in eine gemeinsam genutzte Heatmap überträgt. Diese wird nun von der Stadt Wiesbaden als Planungsgrundlage für die Verkehrsplanung genutzt, könnte aber auch als eine Art Petitionstool dienen.

 

 

form wird das See-Camp begleiten und sowohl über das Event als auch über daraus entstehende Projekte berichten. Das vollständige Programm und nähere Informationen zu den Anmeldemodalitäten gibt es hier


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