Fin and Lou.
Kinder entdecken die Welt

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Die Zahl der App-Käufe in App Stores steigt von Jahr zu Jahr. Besonders beliebt bei den Nutzern sind Spiele. Dabei rücken Kinder, die heutigen Digital Natives, seit geraumer Zeit in den Fokus der Entwickler. In form 255 hat Mickael Brock, Mitherausgeber des Astronaut iPad-Magazins, bereits verschiedene Kinder-Apps vorgestellt. In Zusammenarbeit mit Melanie Groh von Fin and Lou Media ist nun eine App für Kinder entstanden, mit der sie gemeinsam mit den Figuren Fin und Lou die Welt entdecken können. Wir haben Mickael und Melanie Fragen zu den Herausforderungen und Schritten bei der Entwicklung der App gestellt.




Was war die Motivation, eine App für Kinder zu entwickeln?

 

Melanie: Mir ging es immer darum, die Welt und das Reisen Kindern näher zu bringen. Ich habe selber eine kleine Tochter und mich von der ersten Minute an darauf gefreut, mit ihr die Welt zu entdecken. Das war im Prinzip der Anfang. Zuerst wollte ich eigentlich eine Kinderbuchreihe entwickeln. Durch Zufall habe ich Anne und Mickael kennengelernt und wir haben uns zusammen überlegt, wie man aus dieser Idee eine App für Kinder entwickeln kann. Der Reiz, sich mit einem modernen Medium zu beschäftigen und daraus etwas für Kinder zu entwickeln, war einfach sehr groß. Es gibt ja immer noch genug Menschen, die das iPad eher skeptisch betrachten, wenn es um den Umgang mit Kindern geht. Darum war es auch eine Herausforderung, etwas zu kreieren, was Eltern und Kindern zusammen Spaß macht.

 

 

Ist es die erste Kinder-App, die ihr zusammen entwickelt habt?

 

Mickael: „Fin and Lou – Little World“ ist in der Tat die erste Kinder-App für alle Beteiligten. Melanie hat bereits Erfahrung mit Kinderbüchern, während wir aus dem Bereich Digital Publishing kommen. Dadurch, dass wir alle Kinder haben, hat uns das Thema Spiele beziehungsweise interaktive Bücher für Kinder bereits privat beschäftigt. Und wie so oft, wenn man selbst in dem Bereich arbeitet, kommt während des Konsums anderer Apps die Frage auf, ob man vielleicht auch eine App für Kinder machen sollte. Das Thema ist ja zur Zeit in aller Munde und eines der größten Wachstumsmärkte auf mobilen Geräten.

 

 

Worauf habt ihr bei der Entwicklung der App besonders geachtet? Inwiefern habt ihr Kinder miteinbezogen?

 

Mickael: Zu Beginn der Entwicklung war Melanies Tochter drei Jahre alt, meine circa anderthalb. Damit war es natürlich fast unmöglich, die Begeisterung beziehungsweise das Desinteresse der eigenen Kinder an den jeweiligen Testversionen zu vernachlässigen. Somit konnte man schon früh sehen, was die Kinder eigentlich interessiert und welche Elemente auch zu einem Tap (Antippen) führen. Und die ausgefeilten und komplizierten Animationen sind oftmals gar nicht die, für die die Kinder sich auch langfristig begeistern können. Eine wichtige Erfahrung durch das Testen mit unseren Kindern war, dass Sound eine erhebliche Rolle spielt. Kinder reagieren auf die richtige Kombination von Animation und Sound sehr positiv. Wer eigene Kinder hat, weiß auch, dass Kinder sich ständig die gleichen Inhalte anschauen können. Es macht Kindern überhaupt nichts aus, über Wochen die gleiche Folge ihrer Lieblings-Serie zu schauen. Daher ist es wichtig, von Anfang an Kinder miteinzubeziehen, da ihr Interesse ganz anders als das eines Erwachsenen geweckt wird. Das ist bei der Entwicklung von Apps für kleine Menschen, die ihre Umgebung auf ganz andere Weise wahrnehmen, der schwierigste Part. Man fragt sich ständig, was könnte den kleinen Knirpsen gefallen? Mit der Zeit können die Kinder sich immer länger mit den Testversionen beschäftigen, vor allem, wenn die ersten Studio-Sounds hinterlegt werden. Da Kinder einer eigenen Logik folgen, war es für uns hilfreich zu beobachten, wie die Navigation und Anordnung der verschiedenen Bereiche aufgenommen wird. Als Entwicklungs-Team lassen sich so schnell Konzeptschwächen erkennen. Die Kinder legen das iPad einfach zur Seite, wenn der Inhalt ihnen nicht gefällt. Ganz einfach.

 

Melanie: Es ist schon ein großer Unterschied zwischen dem, was Eltern denken, was ihren Kindern gefällt, und dem, was den Kindern dann wirklich gefällt. Natürlich hatten wir viel Spaß an der Entwicklung der App, aber es war gut und wichtig die Kinder miteinzubeziehen. Es war immer wieder hilfreich zu sehen, was die Kinder am meisten fasziniert hat. Alle Bühnen in der App, die einzelnen Destinationen auf der Landkarte, haben ihre eigene Farbwelt, sind Teil verschiedener Jahreszeiten und spielen sich entweder in der Natur oder in einer Stadt ab. Meine Tochter hat mir immer sofort zu verstehen gegeben, was sie spannend findet und was nicht.




Würdet ihr die App als interaktives Kinderbuch oder als Spiel bezeichnen und wie denkt ihr über das Thema Interaktion?

 

Mickael: Die App lässt sich am einfachsten als interaktives Wimmelbuch beschreiben, mit welchem sich die Kinder beschäftigen können und einige Städte beziehungsweise bestimmte Destination auf unserem Planeten spielerisch entdecken können. Das Konzept des Verreisens wird auf der Weltkarte mit dem Flugzeug auf eine auch für Kinder verständliche Form reduziert.

 

Melanie: Das trifft es sehr gut. Bei Fin and Lou steht das spielerische Lernen im Vordergrund und das Tagebuch in Textform ist als mögliche Interaktion für die Eltern gedacht. So kann man gemeinsam die Welt „entdecken“.

 

 

Welche Gewerke waren beteiligt und wie waren sie zeitlich abgestimmt? – Zuerst der Text, dann die Illustrationen, dann die Musik und wann die Animation?

 

Mickael: Zu Beginn gab es ein Konzept mit ersten Ideen zu den Destination und den jeweiligen Animationen. Danach wurden die Bühnen illustriert und bewertet, bevor die Animationen erstellt und als Assets bereit gestellt wurden. Assets sind in der App-Entwicklung alle benötigten Bilder und Grafiken für Buttons, Hintergründe und auch Animationen. Diese werden in verschiedenen Auflösungen bereitgestellt, um die unterschiedlichen Devices (Geräte) zu bedienen.

Parallel wurde an den Texten gearbeitet, die sich mit dem Fortschreiten der Entwicklung auch immer wieder änderten, da durch die Zusammenarbeit mehrerer Menschen einige Details doch etwas anders geraten als im Konzeptpapier beschrieben. Aber das gehört zur App-Entwicklung dazu. Apps werden agil entwickelt, sodass Konzeptänderung und auch neue Ansätze und Ideen hinsichtlich der technischen Herangehensweise zwar nicht vorausgesehen werden können, diese aber als sehr wahrscheinliches Ereignis betrachtet werden. Daher ist das Team im Laufe des Prozesses nicht überrascht, wenn bestimmte Elemente in der Umsetzung doch nicht so lustig oder charmant sind, wie im Konzept beschrieben. Natürlich spielen auch technische Umsetzungshürden eine Rolle. Nicht alles lässt sich so umsetzen, wie es konzipiert wurde. Es ist unmöglich alle Probleme und Konzeptschwächen im Vorfeld zu identifizieren. Somit ist das Konzept eine von Hand gezeichnete Karte, die das Team in die richtige Zielregion bringt, aber das finale Ziel kann nicht von Anfang an eingetragen werden, da sich das Endergebnis ständig verändert.

Der Sound und die Musik wurden erst relativ spät im Studio erstellt, vor allem die finale Version, um hier die Korrekturschleifen seitens der Grafik und des Soundstudios zu minimieren.




Für welche Altersgruppe ist die App? Können beziehungsweise sollen sich die Kinder damit selbst beschäftigen oder werden die Eltern bewusst miteinbezogen?

 

Mickael: Die Tagebucheinträge sind für die Eltern gedacht, da die Zielgruppe sehr wahrscheinlich nicht lesen kann. Somit eignet sich die App auch als Vorlese-Buch. Die Eltern können die Tagebucheinträge der beiden kleinen Protagonisten Fin und Lou vorlesen und mit eigenen Kommentaren versehen.

Melanie: Die App ist schon eher für kleinere Kinder gedacht, die Freude an Sound und bunten Bildern haben. Allerdings glaube ich auch, dass sich das Benutzerverhalten abhängig vom Alter verändert. Einige Dinge in der App sprechen eher ein dreijähriges Kind an, andere wiederum begeistern dann ein fünfjähriges Kind. Zum Beispiel den Begriff einer Weltreise oder auf verschiedene Kontinente zu reisen, erfasst ein Kind doch eher etwas später. Für uns war es deshalb wichtig, dass die Eltern mit ins Spiel einbezogen werden können.

 

 

Die App kostet 2,99 Pfund im App Store. Wie habt ihr den Preis kalkuliert, also wie oft muss sich die App verkaufen, damit ihr die Entwicklungskosten deckt?

 

Mickael: Der Verkaufspreis der App wird nicht aus den Produktionskosten abgeleitet, da der App-Markt eine eigene Preispolitik hat und eigenen Gesetzen folgt. So werden zu günstige Apps oftmals von nicht wirklich interessierten Nutzern geladen und vielleicht auch schlecht bewertet, da die Erwartungen nicht erfüllt wurden. Aber manchmal hat der Käufer auch einfach nicht die Inhaltsangabe richtig gelesen. Daher kann ein höherer Preis auch als gewollte Eintrittshürde betrachtet werden, die Reviews von Nutzern produziert, die sich die App ganz bewusst kaufen. Der Preis entspricht optimaler Weise dem Inhalt und den Preisen der Konkurrenzprodukte, um die Kunden nicht zu verärgern. Der Spielraum ist nicht groß, da Apps im Vergleich zu anderen Formaten an sich schon günstig sind. Aber zum Glück lässt sich der Preis immer anpassen und der Verkäufer kann dadurch verschiedene Strategien ausprobieren.


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Dossier
Apps, Design für Kinder, Smart Technology
Jahr
2014
Disziplin
Kommunikationsdesign, Webdesign
Ausgabe
form Nº 255 (hidden)
Links
astronautmagazine.com
finandlou.com

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Text: Franziska Porsch