12. November 2015

Dossiers
Interview mit Francesco Faccin:
Die Symbolik des Feuermachens

Text: Franziska Porsch

Feuer spendet Wärme und Licht. Damit diente es bereits den Frühmenschen zum Erhitzen von Speisen und zum sicheren Verweilen an einer Lagerstätte. Die Fähigkeit, Feuer zu machen, ist zwar in einigen Teilen der Welt durch effizientere Wärme- und Lichtquellen überflüssig geworden, doch übt Feuer immer noch eine große Faszination aus – und wird beim Kampieren in der Natur, an Sommerabenden im Garten oder beim Kaminfeuer entfacht. Im Verlauf der Menschheitsgeschichte sind verschiedene Techniken und Produkte entstanden, die ein kontrolliertes Entzünden von Feuer ermöglichen.

Anlässlich der Stockholm Design Week 2014 wurde der italienische Designer Francesco Faccin von der Ausstellungskuratorin Patrizia Coggiola eingeladen, ein Objekt zu gestalten, das historisch betrachtet absolut notwendig und nützlich sein sollte. Das Resultat war das Re-Fire Kit, mit dem durch das Reiben auf Holz Feuer entzündet werden kann. Es wurde seitdem nicht nur in der „Tempo Italiano“-Austellung gezeigt, sondern auch in anderen Museen und Galerien – aktuell ist es Teil der Ausstellung „Domestic Futures“ im Nationalmuseum in Stockholm. Mit uns hat Faccin über die Idee und den Designprozess des Re-fire Kits gesprochen.

 



 

Francesco, was war der Auslöser für das Projekt Re-Fire Kit?

 

Anlässlich der Stockholm Design Week 2014 wurde ich eingeladen, ein symbolisches Objekt zu entwerfen, das als historisches Momentum interpretiert werden kann und gleichzeitig absolut nützlich und notwendig sein sollte. Da es mir unmöglich schien, Notwendigkeit im Allgemeinen zu definieren, habe ich angefangen darüber nachzudenken, ob das in der Menschheitsgeschichte schon immer so war. Mir wurde klar, dass ich – wenn wir von grundlegenden Notwendigkeiten sprechen –, bis zur Entdeckung des Feuers zurückgehen muss, um ein Objekt zu kreieren, das der Notwendigkeit eine tiefere Bedeutung zuspricht. Das war eine große Herausforderung, aber ich finde, dass auch heute noch jedes einzelne Projekt von einer tiefen und authentischen Motivation getrieben sein sollte.

 

 

Warum hast Du diese Art und Weise gewählt Feuer zu machen?

 

Ich habe mich für diese Technik entschieden, weil ich den Bogen als eines der ersten Objekte betrachte, das der Mensch gestaltet hat. Den Bogen zu nutzen, um Reibungswärme zu erzeugen, ist eine Weiterentwicklung des Stocks, der mit der bloßen Hand gedreht wird, was mir dann doch zu primitiv gewesen wäre. Es gibt auch noch einen anderen Grund: Ich habe Jahre lang Violine gespielt und als Lautenbauer gearbeitet.

 

 

Vor welche Herausforderungen hat Dich der Designprozesses gestellt?

 

Die Schwierigkeit bestand darin, das Objekt funktionstüchtig zu machen. Ich habe fast vier Monate darauf verwendet auszuprobieren und zu verstehen, worauf es wirklich ankommt: die beste Größe für die Platte und den Stab, den geeigneten Zunder für das Feuer, die richtige Spannung des Seils, die richtige Länge des Bogens… Kurz gesagt, es war eine Gestaltungsübung für ein „nutzloses“ Objekt, das voller Bedeutung und Symbolik steckt. Als ich zum ersten Mal damit Feuer entzündet habe, war ich von einem Gefühl der Erfüllung ergriffen, das ich bei anderen Projekten nicht empfunden habe.

 

 

Re-Fire kit by Francesco Faccin from form – Design Magazine on Vimeo.

 

 

Warum hast Du Dich dafür entschieden, hochentwickelte Herstellungsverfahren wie CNC-Fräsen zu nutzen, obwohl die Technik des Feuermachens primitiv ist?

 

Meine Absicht war es keineswegs, Nostalgie und Missmut zu verbreiten – ich glaube absolut an wissenschaftlichen und technischen Fortschritt. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass die Menschheit schwerwiegende Fehler begeht, die irreparable Konsequenzen haben. Wir müssen einen Weg finden, wie wir innovativ und zukunftsorientiert sein können, und uns dabei gleichzeitig auf unsere Wurzeln besinnen. Dazu gehört eben auch, dass wir Teil des Naturkreislaufs sind. Für mich war die CNC-Technik die perfekte Art und Weise diese beiden entfernten Bereiche unserer Geschichte zusammenzubringen.

 

 

Geht es Dir in Deinem Projekt um die Symbolik oder soll das Objekt im täglichen Leben benutzt werden?

 

Natürlich ist das Projekt eine Provokation mit einer starken symbolischen Konnotation, aber es ist absolut funktional und funktioniert auch. Das macht für mich das Projekt ebenfalls aus. Ich wollte, dass es bis ins letzte Detail so gestaltet ist, dass es im Fall der Fälle auch benutzt werden kann. Ich denke nicht, dass viele der Leute, die ein Re-Fire Kit erworben haben – die limitierte Edition umfasst 50 Stück–, es nutzen werden. Vielmehr wird es in den Händen von Sammlern gelandet sein, die es wegen seiner Symbolik besitzen wollen.

 

 

Was hast Du aus dem Projekt gelernt?

 

Seit diesem Projekt ist mir bewusster, dass jedes Projekt – sogar die nutzlosen aus Marketingsicht – ein Anlass für tiefe und bedeutungsvolle Reflektion sein kann und sollte. Es ist nicht mehr möglich, dem Job des Designers mit Oberflächlichkeit und Gleichgültigkeit zu begegnen ohne die Ganzheit des Problems zu betrachten – der Designer kann außerdem mit seiner Arbeit sowohl industrielle als auch soziale Prozesse beeinflussen. Und das Wichtigste: Ich habe gelernt mit meinen eigenen Händen Feuer zu machen.

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