3. November 2016

Dossiers
Interview mit Johannes Herseni,
Cécile Zahorka und
Patrick Oswald: Tracktile

Text: Marie-Kathrin Zettl

Die Vereinten Nationen verabschiedeten 2006 die Behindertenrechtskonvention, deren Grundsatz eine vollständige Inklusion aller Menschen in die Gesellschaft umfasst. Die Realität sieht jedoch so aus, dass das Bewerkstelligen von Aufgaben im Alltag – ohne die Hilfe von Anderen – etwa für Blinde und Sehbeeinträchtigte in einem Umfeld, das auf die Bedürfnisse von Sehenden ausgerichtet ist, weiterhin eine Herausforderung darstellt. Um diesen täglichen Barrieren entgegenzuwirken, entwickeln Designer Produkte und Dienstleistungen, die das Leben der entsprechenden Zielgruppe erleichtern und zu mehr Unabhängigkeit verhelfen sollen.

 

 

Die Interfacedesign-Studierenden Johannes Herseni, Cécile Zahorka und Patrick Oswald haben in Zusammenarbeit mit Microsoft Research an der Fachhochschule Potsdam die Idee zu Tracktile, einer elektronischen, faltbaren Stadtkarte für Blinde und Sehbeeinträchtigte, entwickelt. Wir haben mit ihnen über den Entstehungsprozess und das Konzept dahinter gesprochen.



 

Ihr habt Tracktile bisher auf der FHP Werkschau in Potsdam und der Microsoft Research Design Expo 2015 in Redmond (US) vorgestellt. Wie war das Feedback?

 

Das Feedback war durchweg positiv: Sowohl das Fachpublikum als auch unsere Freunde und Bekannten waren von der Idee beeindruckt. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass die Idee hinter Tracktile sehr zugänglich und leicht verständlich ist. Potenzielle Benutzer konnten sich sofort vorstellen, wie sie Tracktile benutzen würden. Besonders gefreut hat uns, dass sich sowohl Sehbehinderte als auch Sehende für das Konzept begeistern konnten. Wenn von inklusivem Design die Rede ist, geht es allzu oft nur darum, Hilfsmittel für Behinderte zu schaffen, also Dinge, die nur für eine kleine Gruppe nützlich sind. Wir haben stattdessen versucht, etwas zu schaffen, das für alle einen Nutzen hat – sei es auch „nur“ ein ästhetischer – und dadurch verschiedene Menschen und Gruppen zusammenbringt.

 

 

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, Euch mit einem Produkt für Blinde und Sehbeeinträchtigte zu beschäftigen?

 

Das Projekt entstand im Rahmen eines Kurses im Fach Interfacedesign an der Fachhochschule Potsdam, der in Kooperation mit Microsoft Research durchgeführt wurde. Microsoft veranstaltet jährlich die Design Expo, in deren Rahmen internationale Designhochschulen eine bestimmte Aufgabe bearbeiten. Bei uns war dieses Thema inklusives Design. Es ging also um die Entwicklung von Produkten oder Dienstleistungen, die das Leben von Menschen mit Behinderungen erleichtern können, die aber auch für andere Menschen einen gewissen Mehrwert haben. Unser Team hat sich dann für das Thema Sehbehinderungen entschieden. Bald kamen Fragen auf, zum Beispiel wie Blinde eigentlich reisen, Urlaub machen, sich auf Reisen vorbereiten, sich an unbekannten Orten orientieren und welche Souvenirs sie benutzen, um ihre Urlaubserinnerungen zu speichern und zu teilen. Diese verschiedenen Fragestellungen und Zielsetzungen wollten wir mit Tracktile unter einen Hut bringen.

 

 

Wie reagieren Blinde und Sehbeeinträchtigte darauf?

 

Die meisten von ihnen waren sehr neugierig und haben die Karte sofort abgetastet und sind mit den Fingern die Straßen entlang gefahren, haben diese kommentiert und mit ihrer mentalen Karte verglichen. Wir waren überrascht, wie schnell sich unsere Testpersonen zurechtgefunden und Plätze und Straßen wiedererkannt haben. Manche haben sich einen höheren Detailgrad gewünscht und sogar festgestellt, dass wir kleinere Fußgängerwege nicht abgebildet haben.



 

Wie seid Ihr bei der Recherche vorgegangen?

 

Von Beginn an standen wir in engem Kontakt mit unserer Zielgruppe und haben in der Konzeptionsphase Umfragen in Facebook-Gruppen und per E-Mail durchgeführt, um früh an persönliche Meinungen und Bedürfnisse zur Urlaubsvorbereitung, Fortbewegung im städtischen Raum und auch über das Sammeln und Speichern von Erinnerungen und Souvenirs zu gelangen. So haben wir auch unsere erste Testperson gefunden, mit der wir uns mehrmals

persönlich getroffen haben, sowie die Mobilitätsgruppe des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin (ABSV). Mit ihrem sehr wertvollen Feedback haben wir in kurzen Iterationszyklen die Prototypen gebaut, weiterentwickelt und auch die Funktionalität und den Inhalt prüfen lassen.

 

 

Wie genau hat die Herstellung ausgesehen? Mit welchen Materialien beziehungsweise mit welcher Elektronik habt Ihr gearbeitet?

 

Der erste von insgesamt drei Prototypen besteht aus Papier und einigen Kupferleitungen. Hier haben wir zunächst mit unterschiedlichen Oberflächenstrukturen für Gebäude, Grünflächen und Wasser und später auch mit Höhen und Tiefen für Straßen und Wege experimentiert. Um die Funktionalität zu testen, kann man bereits bei einigen Orten mit den Fingerspitzen ein elektronisches Signal auslösen, welches über den angeschlossenen Computer den Straßennamen wiedergibt. Mit dem Feedback des ersten Prototyps haben wir den zweiten entwickelt. Dieser ist aus einer lackierten MDF-Platte gefräst und bildet im Grunde das formalästhetische Designobjekt. Mit dem dritten Prototyp sind wir dem Wunsch nach Mobilität nachgekommen und haben einen faltbaren Stadtplan entwickelt, der ebenfalls durch die in das Schwellpapier eingearbeitete Elektronik funktional ist.

 

 

Mit welchen Problemen musstet Ihr Euch auseinandersetzen?

 

Ein heikles Thema war der Detailgrad der Karte: Während die einen sich mehr Informationen gewünscht haben, war für andere die reine Übersicht einer Stadt völlig ausreichend. Da eine adäquate Lösung zu finden, die beiden Seiten gerecht wird, war nicht einfach. Zudem gibt es auch noch keine international standardisierten taktilen Symbole für Karten. Ein immer noch bestehendes Problem sind die integrierten Leitungen. Diese sind gerade für die faltbare Version bei permanentem Falten noch nicht widerstandsfähig und damit nicht langlebig genug.

 

 

Tracktile from Tracktile on Vimeo.

 

 

Wie lange hat die Entwicklung bisher gedauert? Wie lange plant Ihr noch daran zu arbeiten?

 

Die Entwicklungsphase betrug rund vier Monate, von der ersten Idee bis zur Präsentation in Redmond. Leider mussten wir aufgrund anderweitiger Verpflichtungen mit der Arbeit an Tracktile zunächst aussetzen. Geplant ist die Weiterentwicklung zu einem marktreifen Produkt, wann ist jedoch ungewiss.

 

 

Was genau hat es mit dem Namen Tracktile auf sich?

 

Track steht für Spur oder Fährte, aber auch für die Audiospuren, die mit der Karte abgerufen werden können. Tile ist die Bezeichnung für einen Ausschnitt aus einer Karte. Außerdem verweist der Name auf „tactile“ – taktil, den Tastsinn betreffend. Entstanden ist der Name spontan bei einem Feierabendspaziergang.

 

 

 

Tact, ↗ The Leaven Range

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