25. Februar 2016

Dossiers

Interview mit Johannes Kuhn und Lukas Yves Jakel: Verunsicherung als Methode

Text: Franziska Porsch

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, heißt es. Diese Redewendung bezieht sich auf routinierte Verhaltensweisen, die schwer abzulegen sind, weil sie sich über längere Zeit etabliert haben. Gewohnheiten bestimmen dabei nicht nur alltägliche Handlungen, sondern betreffen oftmals auch die eigene Weltanschauung, die durch das kulturelle und persönliche Umfeld geprägt wird. Diese in Frage zu stellen, fällt nicht leicht, doch stellen Umkehrung und Subversion ebenfalls im Design geeignete Mittel dar, um auf gesellschaftliche Missstände hinzuweisen, alternative Sichtweisen aufzuzeigen oder ganz praktisch Verbesserungen zu entwickeln.

 

 

Was wäre, wenn Europa den aktuell als Krise bezeichneten Flüchtlingszustrom als Chance begreifen würde? Diese Frage beantworten die Mediendesign-Studierenden der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, Johannes Kuhn und Lukas Yves Jakel, in ihrer Abschlussarbeit mit einer zwar fiktiven, aber sehr wirkungsvoll gestalteten Hilfsaktion namens „RescEU“, in der Flüchtlinge als Helfende porträtiert werden und den Europäern Werte wie Empathie, Güte und Großzügigkeit vermitteln sollen. Wir haben den beiden Fragen zu ihrem Projekt, dem Mittel der Subversion und der heutigen Rolle von Medien gestellt.



 

Woher kam der Impuls, Euch dem Flüchtlingsthema in eurer Abschlussarbeit zu widmen?

 

Zu viel Angst. Zu viel Stammtisch-Populismus. Zu viel „Wir sind das Volk“. Zu viele Ressentiments. Zu viele Katzenvideos. Zu viel Seehofer. Zu viele Zäune. Zu viel Rassismus. Zu viele Tote. Zu wenig Humor. – Die Diskussion in Politik, Gesellschaft und Medien war von Anfang an durch populistische Stimmungen getrieben. Es wird abwechselnd der massenhafte Asylmissbrauch propagiert und das Bild eines armen, hilfsbedürftigen Flüchtlings gezeichnet. Schon das Wort „Flüchtling“ degradiert diese Menschen zu kleinen, mittellosen und unterentwickelten Wesen, welche in Gummibooten über das Meer kommen. Damit sind wir nicht einverstanden. Also holen wir uns den Raum der Medien zurück, um dem zu widersprechen; um eine positive Vision zu zeichnen.

 

 

Warum habt Ihr Euch dafür entschieden, das Thema auf eine subversive Art und Weise zu bearbeiten?

 

„Smombie“ [Smartphone-Zombie] und „Flüchtlinge“ sind die Worte des Jahres 2015. Dies sagt einiges über die aktuelle gesellschaftliche Debatte aus. Es wird viel darüber geredet, die Argumente sind jedoch stark von Emotionen und Ängsten getrieben. Als Ergebnis sehen wir zwei verhärtete Fronten zwischen „Wutbürgertum“ und „Willkommenskultur“.

Wir sind der Meinung, die Flüchtlingsthematik ist ein zu wichtiges Thema, um bitteren Ernst aufkommen zu lassen. Die Leichtigkeit einer satirischen Herangehensweise hat die Macht, eine Veränderung in der Gesellschaft herbeizuführen. Die Menschen müssen sich auf den Kopf stellen und eine neue Perspektive einnehmen.

„RescEU“ zeigt, dass die Flüchtlingsthematik eine große Chance für Europa ist. Die Organisation ist fiktiv. Die Hilfe ist jedoch real. So bezeichnen wir die Migration selbst als subversiv. Es gibt viele Menschen, welche aus unterschiedlichen Gründen zu uns kommen. Diese Menschen werden unsere Gesellschaft verändern, ob wir das wollen oder nicht. Die Geflüchteten werden zu Rettern der Europäischen Gemeinschaft. Die Rolle des Helfenden hat sich geändert.

 

 

Wie sind die Kontakte nach Afrika für die Umsetzung der Kampagne entstanden?

 

Die Fokn Bois sind zwei Künstler aus der Republik Ghana. Sie selbst bezeichnen ihre Musik als „Gospel Porn“. Für sie ist alles Extreme Porno – Sex, Krieg, Kirche und Politik. Ihre Musik ist höchst politisch jedoch nie Ernst. Und was kann subversiver sein als Gospel Porn?

Der Kontakt zu den Beiden entstand über das Netzwerk Norient, ein globales Netzwerk für Sound und Medienkultur. Thomas Burkhalter arbeitete 2013 mit M3nsa und Wanlov the Kubolor, den Fokn Bois, an dem Filmprojekt „Ghana is the Future“.

Migration wird in ihren Texten immer wieder thematisiert. Dies war für uns besonders spannend, da sie aus einer anderen Perspektive erzählen konnten. Die Fokn Bois zeigten uns ein zunehmend selbstbewusstes Afrika. Das verallgemeinerte Bild des „Flüchtlings“ in Europa wirkt paradox, wenn man dieser Kultur gegenübertritt.

Für die Finalisierung des Projektes flogen wir für 10 Tage nach Accra in die Hauptstadt Ghanas. Dort erlebten wir großes Verständnis für das Notleiden in Europa. Gemeinsam mit den Fokn Bois sowie einer lokalen Theatergruppe konnten wir die Dreharbeiten umsetzen.

 

 

 

 

Welche Rolle und Macht schreibt ihr den Medien zu, wenn es darum geht, Themen wie die Flüchtlingskrise an die breite Öffentlichkeit zu kommunizieren und sowohl negativ als auch positiv darstellen zu können?

 

Die Flüchtlingsdebatte war von Anfang an von Stimmungen beherrscht. Als die Bilder des toten Jungen am Strand durch die Welt gingen, haben wir die Arme aufgemacht und jetzt seit der Tragödie in Paris und der Silvesternacht in Köln sehen wir alle muslimischen Männer als potentielle Kriminelle.

Es ist nicht zu verkennen, welche Macht die Medien innehaben. Anhand der sexuellen Übergriffe in Köln ist gut zu sehen, wie die Taten Einzelner medial ausgeschlachtet werden. Es formiert sich eine Welle aus Medienberichten, welche sich gegenseitig mit neuen Zahlen und vermeintlichen Fakten übertreffen. Jeder wollte sofort daran glauben, dass in Köln „1000 Nordafrikaner“ ihr Unwesen getrieben haben. Tausend, das ist eine Märchenzahl. So wie die drei goldenen Haare des Teufels. Oder die sieben Zwerge. Oder die dreizehnte Fee. Diese Verunsicherung in der Gesellschaft spielt Rechtspopulisten in die Hände und zwingt Politiker zu blindem Aktionismus.

Diese Verunsicherung wurde zur Methode von „RescEU“. Ein paar Logos, ein paar offizielle Sterne und schon ist eine legitimierte Hilfsorganisation geschaffen. Aus 10.000 Geflüchteten am Hauptbahnhof München werden 10.000 neue Helfer im Krisengebiet. Das gezielte herausgeben falscher Informationen, sowie der Blick aus der entgegengesetzten Perspektive erregt Aufmerksamkeit und Diskussion. Es zeigt jedoch auch, welche Verantwortung die Medien tragen, welchen gewaltigen Einfluss sie auf die Gesellschaft und Politik ausüben können.

 

 

Medien sind für euch als Mediengestalter Werkzeuge und Gestaltungsflächen. Wie und zu welchem Zweck gedenkt ihr sie zukünftig einzusetzen?

 

Im Rahmen der Hilfsaktion „RescEU“ werden sich noch viele Menschen auf den Weg nach Europa machen. Die Organisation kann ihre Arbeit erst dann einstellen, wenn die globale Gemeinschaft zusammengewachsen ist.

Wir sehen den Gestalter als vermittelnde Kraft zwischen Menschen und Kulturen. Für uns bilden die verschiedenen Medien Werkzeuge der Kommunikation. Die Inspiration speist sich aus dem alltäglichen Leben. Somit entsteht eine enge Verbindung zwischen Gesellschaft und Design. Es ist uns wichtig, mit dieser Rolle verantwortungsvoll umzugehen.

Aktuell arbeiten wir an einem Konzept zu alternativen Arbeitsweisen. Wir suchen nach der maximalen Inspiration. Und wo kann diese größer sein als auf einer Reise? Mit dem Einfluss verschiedener (Design-)Kulturen sowie der räumlichen Freiheit wollen wir gestalterische Projekte angehen. Das Ziel ist es, im Sommer 2016 mit unserem mobilen Studio das Experiment zu starten.

 

 

Die Simulation von Menschlichkeit

Shop

Nº 274
Identity

form Design Magazine


Grid one form 274 cover 1200 Jetzt bestellen

Kontakt

Verlag form GmbH & Co. KG
Wildunger Straße 8
60487 Frankfurt am Main
Germany

T +49 69 153 269 430
F +49 69 153 269 431
form@form.de

Leserservice

Fragen zur Abonnementrechnung, zum Abonnementangebot oder Adressänderung?

T +49 69 153 269 438
F +49 69 153 269 439
leserservice@form.de

Newsletter

Melden Sie sich jetzt an, um an exklusiven Ticketverlosungen teilzunehmen, monatliche Neuigkeiten zum Magazin zu erhalten und über aktuelle Design-Events und -Publikationen informiert zu werden.

Anmelden

Design Magazine
Established 1957

 

 
form.de