25. Mai 2017

Dossiers

Interview mit Malwin Béla Hürkey

Text: Carolin Blöink

Malwin Béla Hürkey ist Grafikdesigner, ansässig in Berlin, wo er neben der Tätigkeit als Artdirektor für Heine Lenz Zizka auch parallel eigene Projekte realisiert. Seit seinem Studium faszinieren ihn ungewöhnliche Vermittlungsformen, die nicht nur auf der visuellen Ebene stattfinden. Welcher Thematik er sich im Zusammenhang mit seiner Bachelorarbeit annahm und welche Disziplinen ihn fern des Grafikdesigns interessieren, hat er uns in einem Interview verraten.



 

Wie ist der Auftrag für das Corporate Design des European Southern Observatory (ESO) zustande gekommen?

 

Erteilt habe ich mir den Auftrag selbst. Anlässlich meiner Bachelorthesis war ich auf der Suche nach einer geeigneten Institution, auf der ich mein Praxisprojekt basieren konnte. Ich war der Annahme, dass es möglich sein sollte, ein ästhetisches und erlebbares Corporate Design für eine Organisation zu schaffen, die nicht über die üblichen „Lifestyle“-Attribute einer Marke verfügt. Im Fall von ESO waren das die technische Expertise und die bestechende Qualität, durch die die moderne Astronomie und Astrophysik erst möglich sind. In erster Linie stellt ESO modernste Teleskope und Instrumente zur Verfügung, die es den Forschern ermöglichen, unter optimalen Bedingungen Wissenschaft zu betreiben. Diesen sehr speziellen und gleichermaßen besonderen Markenkern wollte ich in einer visuellen Identität sichtbar werden lassen. Der Fokus sollte dabei eindeutig auf der Technik liegen und weniger auf den üblichen Abbildungen von Galaxien und Sternennebeln, wie wir sie aus populärwissenschaftlichen Medien kennen.

 

 

Aus welchen Gründen hast Du Dich dafür entschieden, so viele unterschiedliche gestalterische Ebenen zu bespielen?

 

Ein üblich gestaltetes Corporate Design ist an erster Stelle visuell. Nehmen wir noch entsprechendes Papier und passendes Material, beispielsweise für Packaging, hinzu, können wir auch ein subtiles, tastbares Moment erzeugen. Gehen wir noch einen Schritt weiter und fügen Klang hinzu, dann wird aus dem Erfahren einer Welt, das Erleben einer Welt. Und in diesem Fall das Erleben der Marke ESO. Gerade hier war die medienübergreifende Verwendung von Grafik, Licht, Material und Ton besonders zielführend, denn für einen derart ungewöhnlichen Markenkern ist es hilfreich, jeden zu Verfügung stehenden Kanal zu füllen, um diesen Kern begreifbarer und einprägsamer werden zu lassen. So kam auf der visuellen Ebene phosphoreszierendes Nachleuchtpigment zum Einsatz und der auditive Kanal wurde mit tatsächlichen Radiowellenaufzeichnungen des Saturns bespielt. Das eröffnete eine ganz neue Perspektive auf die Arbeit von ESO. Das Corporate Design besteht dadurch aus vielen Aha-Erlebnissen, die den Betrachter Stück für Stück in die Welt von ESO begleiten, um letztendlich einen bleibenden und individuellen Eindruck der Marke zu hinterlassen.

 

 

 

 

 

Welchen Werdegang hast Du bislang zurückgelegt?

 

Meine Ausbildung begann erstmal mit Scheitern. Nach meinem Abitur klamüserte ich die erste Mappe zusammen und bewarb mich damit für den Studiengang Kommunikationsdesign. Die Mappe war allerdings hundsmiserabel und wurde mit gutem Recht abgelehnt. Natürlich war die jugendliche Euphorie geknickt und ich versuchte mich zunächst an der Bauhaus-Universität Weimar und studierte Medieninformatik. Nach zwei Semestern zog ich die Reißleine und bewarb mich erneut für Kommunikationsdesign – dieses Mal strukturiert und mit Erfolg. Studiert habe ich an der Hochschule Rhein Main in Wiesbaden, wobei ich zwei Semester zweigleisig fuhr und parallel an der HfG Offenbach Visuelle Kommunikation studierte. Von diesen zwei unterschiedlichen Blickwinkeln auf Kommunikationsdesign profitiere ich seither. Im Sommer 2016 habe ich meinen Bachelor abgeschlossen und arbeite seitdem als Artdirektor für Markenentwicklung bei Heine Lenz Zizka in Berlin. Zusätzlich sitze ich als freier Gestalter unter eigenem Namen an Corporate-, Editorial- und Grafik-Projekten.

 

 

Mit welchen gestalterischen Tools arbeitest Du bevorzugt?

 

Das ist vom Projekt beziehungsweise Konzept abhängig. Auch wenn professionelle Tools sehr gerne als Voraussetzung für professionelle Arbeit aufgefasst werden und sie ohne Zweifel den Prozess in vielerlei Hinsicht erleichtern können, sind sie dennoch nur Mittel zum Zweck. In unserer Branche wird gerne ein Arbeitsmittel perfektioniert und dann das dazu passende Projekt gesucht, was zu Missverständnissen in der Kommunikation führen kann. Deswegen achte ich weniger auf das Tool, als viel mehr darauf, das passende Mittel für das entsprechende Projekt zu finden. Allerdings haben meine Projekte immer zwei Werkzeuge als gemeinsamen Nenner: Stift und Papier.

 

 

Gibt es Techniken, die Du Dir unbedingt noch aneignen möchtest?

 

Jede, die ich greifen kann. Es ist großartig, neue Techniken das erste Mal auszutesten und ihr Potential peu à peu zu entdecken. Leider scheitert es dann häufig an der Zeit, noch tiefer einzusteigen. Glücklicherweise gibt es für fast jede Technik den passenden Kollegen, der mit an Bord geholt werden kann.



 

Würdest Du das Plakat als Dein favorisiertes Medium bezeichnen?

 

Ein entschiedenes Jein. Plakate sind ein wunderbares Format, wenn eine Botschaft auf ein prägnantes Visual reduziert werden muss. Ich bin ein großer Freund von Reduktion. Dennoch ist die Entwicklung einer visuellen Identität, etwa für ein Unternehmen, eine mindestens ebenso interessante Aufgabe. Das eine Mal wird reduziert und das andere Mal ausdifferenziert – beides ist für mich reizvoll.

 

 

Schätzt Du einen Deiner Plakatentwürfe besonders?

 

„Small Cause“ ist gegenwärtig mein Favorit. Es ist eindeutig und lässt gleichzeitig Raum für Interpretation. Jeder Betrachter wird eine für sich passende Bedeutung entdecken.

 

 

Welche Disziplinen außerhalb der Gestaltung faszinieren Dich und welche Erkenntnisse kannst Du aus ihnen für Deine eigene Profession ziehen?

 

Im Prinzip jede Disziplin, die mit visuellen Codierungen arbeitet. Das sind einige, wobei Industriedesign und Architektur sehr weit vorne liegen. Ich bin sehr angetan von Objekten, deren Funktion sich allein durch Form, Farbe und Material erschließt. Genauso, wie ein Gebäude den Besucher navigieren kann oder ganz bestimmte Raumwahrnehmungen erzeugt. Im Idealfall sollte auch Kommunikationsdesign so funktionieren – Form-, Farb- und Schriftcodierung kommunizieren die Funktion. Allerdings habe ich großes Interesse daran, nicht nur Funktionen aufzuzeigen, sondern auch Eindrücke oder subtilere Wahrnehmungsformen zu vermitteln. Die finde ich in der bildenden Kunst. Sie erzeugt Impressionen, die mit Design nicht zu erreichen sind. Kunst wirkt, Design funktioniert – ich bemühe mich beides zu vereinen.



 

Welche Idee steckt hinter dem Eins und Null-Magazin?

 

Wikipedia besitzt alleine in der deutschen Fassung knapp zwei Millionen Artikel. Unmengen an Definitionen, Schaubildern und Erklärungen, die über die ganze Seite verstreut sind. Der Ansatz war, die Artikel in einen neuen narrativen Kontext zu stellen und sie grafisch aufzubereiten. Dabei sollte ein populärwissenschaftliches, künstlerisches Magazin entstehen, das ausschließlich aus Wikipedia-Artikeln generiert wird. Jede Ausgabe bedient sich dabei zweier Opponenten, die mittels ausgewählter Artikel definiert, visualisiert und anhand realer Verwendungen erklärt werden. Die erste Ausgabe stellt physikalische Reflexion und Absorption gegenüber. Jedes Phänomen wird durch eine entsprechende Veredelung des Papiers ergänzt. So ist beim optischen Phänomen des Irisierens auch eine irisierende Heißfolienprägung zu finden. Durch das tatsächliche Wahrnehmen eines Effekts wird die Kommunikation um eine zusätzliche Ebene erweitert. 

 

 

In welchem Kontext wurde es ins Leben gerufen und welche Rolle hast Du dabei gespielt?

 

Das Magazin ist ein selbstinitiiertes Projekt, das vom Konzept bis zur Umsetzung autark entstanden ist. Es wurde aus ähnlichen Beweggründen entwickelt, wie sie beim ESO-Projekt vorliegen: die visuelle Kommunikation um weitere Kanäle auszutesten, um mit deren Hilfe sehr abstrakte Sachverhalte und Botschaften auf individuelle Weise vermitteln zu können.

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