10. Dezember 2015

Dossiers
Interview mit
Mia Grau und Andree Weissert:
Denkmäler des Irrtums

Text: Carolin Blöink

Mia Grau und Andree Weissert haben im Herbst 2015 eine Reihe von Schmucktellern auf den Markt gebracht. Diese Tellerserie in typischem Delfter Blau mit Blick auf verschiedene Landschaften in Deutschland, ist allerdings nicht nur zu dekorativen Zwecken entstanden, sondern gibt – meist erst im zweiten Moment – die Erkenntnis frei, auf ein Atomkraftwerk zu schauen. Biblis, Brokdorf, Brunsbüttel, Elmsland/Lingen, Grafenrheinfeld, Greifswald, Grohnde, Gundremmingen, Hamm-Uentrop, Isar, Krümmel, Mülheim-Kärlich, Neckarwestheim, Obrigheim, Philippsburg, Rheinsberg, Stade, Unterweser, Würgassen – all diesen denkwürdigen Orten haben die beiden Gestalter einen Teller gewidmet. Wie es dazu kam, haben uns die beiden in einem Gespräch verraten.



 

Wie kommt man im Bezug auf Atomkraftwerke auf die Idee, eine Tellerserie zu

entwickeln?

 

Weder mit Atomkraftwerken noch mit Schmucktellern hatten wir bisher besonders viel zu tun. Und selbstverständlich liegt die Verbindung zwischen diesen beiden Objekten nicht auf der Hand – auch nicht für uns. Die Idee funktioniert eigentlich eher anders herum. Wir haben eine Diskrepanz beobachtet zwischen der Wahrnehmung von zeitgenössischen Technologien und der nostalgischen Verklärung von allem, was alt ist. Ausgangspunkt unserer Überlegungen war ein Gespräch über die unterschiedliche Wahrnehmung von modernen Windkraftanlagen als „Landschaftsbildzerstörer“ und historischen Windmühlen als pittoreske Landschaftsobjekte. Und schon sind wir bei den Tellern – Windmühlen in Delfter Blau. Verstreichende Zeit scheint das Vermögen zu haben, Dinge zu verklären. Bilder beschreiben selten eine wirkliche Situation, sondern lösen im Geiste des Betrachters eine ganz eigenständige Assoziation aus. Unsere Atomteller sollen diesen Mechanismus bedienen. Wir nennen sie futurnostalgische Objekte. Sie kommen aus einer Zukunft, in der die AKWs Geschichte sind, die Energiewende vollzogen ist und man mit dem zeitlichen Abstand die Bauwerke als Symbole einer vergangenen Zeit lesen kann. Wahlweise als Erinnerungen an all die schönen Demos auf denen man seine Jugend verbracht und die eigene Identität geschärft hat, als Denkmäler des Irrtums, oder sogar als Zeichen einer besseren Zeit – das ist jedem Betrachter freigestellt. Wir wollen das, obwohl wir natürlich unsere eigene Haltung dazu haben, gar nicht so stark bewerten.

 

 

Sollen die Teller als Gedankenanstoß für ihre Nutzer dienen beziehungsweise diese provozieren?

 

Es geht uns nicht um Provokation. Aber natürlich sollen die Teller ein Gedankenanstoß sein und als Kommunikationsobjekte dienen. Wir haben bisher die Erfahrung gemacht, dass sich anhand der Teller schnell ein stundenlanges Gespräch entfacht. Viele Assoziationen tun sich auf. Hybris ist in diesem Zusammenhang ein schönes Stichwort. Über Landschafts- und Heimatbilder spricht man gerne, über eigene Erinnerungen und Erlebnisse mit Atomkraftwerken, über den Wahnsinn und das Selbstverständnis, mit dem diese Bauwerke in die Landschaften gepflanzt wurden. Über die Arroganz der Energiewirtschaft, über die rein wissenschaftlichen Schönrechenmodelle von Ingenieuren, über das Restrisiko.



 

Welchen beruflichen Hintergrund haben Sie?

 

Mia Grau: Ich habe an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam Filmregie studiert. Seit meinem Studienabschluss habe ich einige Langfilmdrehbücher geschrieben, Kurzfilme gedreht und Kindertheater gemacht. Nächstes Jahr erscheint mein erstes Buch „Das Alphabet der traurigen Frauen“ im Berlin Verlag. Ich arbeite gelegentlich auch als Illustratorin. Mich fasziniert das Erzählen in Worten, wie in Bildern gleichermaßen. Wenn ich es kombinieren kann – umso besser. Ich lege mich nicht fest.

 

Andree Weissert: Ich bin gelernter Zimmerer und habe Architektur studiert. Nach einigen Berufsjahren als Handwerker und Projektarchitekt habe ich 2009 das Studio Andree Weissert gegründet. Ich arbeite als Gestalter im Bereich Architektur und Möbeldesign und bewege mich damit an der Schnittstelle zwischen Entwurf, Projektleitung und Handwerk. In den letzten Jahren habe ich zahlreiche Häuser umgebaut. 2012 habe ich zudem das Label Butshi Moeller gegründet und arbeite seitdem an freien Projekten, Möbeln und Objekten.

 

 

Haben Sie nur das Konzept entwickelt oder auch die Illustrationen angefertigt?

 

Wir haben das Konzept sowie die Motive entwickelt. Die Illustrationen hat die Porzellanmalerin Heike Topisch für uns umgesetzt. Wir sind eher zufällig auf sie aufmerksam geworden und sind ihr sehr dankbar für die großartige Zusammenarbeit und ihre handwerklichen Fähigkeiten.



 

Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu dem Objekt Wandteller?

 

Andree Weissert: Gar keinen. Zumindest bisher nicht. Das hat sich natürlich in den letzten Monaten geändert. Als Gestalter habe ich eine eher kritische Haltung zu Kitsch und folkloristischem Dekor – es ist immer der Bruch, welcher solche Objekte für mich interessant macht. Allerdings sind die Teller ja nicht nur Wandschmuck, man kann selbstverständlich auch von ihnen essen. Wir stellen also auch den Gebrauchswert in den Vordergrund. Allerdings ist es sehr interessant, wie viel Identität an den Wänden deutscher Stuben hängt. Das kann man bestaunen, interpretieren und lesen, als auch kritisieren. Die einen versammeln Designikonen und Kunst um ihrer Selbst gewiss zu werden, andere Heimatbilder und persönliche Erinnerungen. Same same but different.

 

Mia Grau: Eine große Rolle haben Wandteller in meinem Leben bisher nicht gespielt. Ich habe sie je nach Dekor wahlweise als belustigend oder ästhetisch empfunden. Es gibt schließlich solche und solche Wandteller. In meinem Elternhaus existieren alte Dinge, moderne Kunst, Kitsch und Design gleichwertig nebeneinander – das Auswahlkriterium ist nie das Image, sondern immer nur der Charakter. Das gefällt mir. Ich kann also nicht von mir behaupten, Schnörkel per se zu verachten.

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