17. März 2016

Dossiers

Interview mit Thierry Blancpain: GT Eesti

Text: Carolin Blöink

Es ist verständlich, dass man sich durch die Holzbauklötze Lelu in seine Kindheit zurückversetzt fühlt. Das Schweizer Fontlabel Grilli Type hat zusammen mit dem Schweizer Designstudio refurnished+ eine Hommage an ein historisches Spielzeugset aus der Sowjet-Ära geschaffen. Die Sammlung aus 76 farbenfrohen Buchenholzsteinen mit abgerundeten Kanten befindet sich in einer schlichten, aber sehr bewusst gestalteten Kartonage, der ein kleines Jutesäckchen für den leichteren Transport sowie ein Risografie-Plakat beiliegen. Das doppelseitige Poster vereint alle Bausteine des Sets in Originalgröße. Bei Lelu handelt es sich um eine limitierte Auflage von 250 Exemplaren, die ausschließlich mit der neuen Schrift GT Eesti (die im Januar 2016 auf den Markt kam) gestaltet wurde. 

Thierry Blancpain, Mitbegründer von Grilli Type, hat uns berichtet, wie das Projekt rund um die Schriftfamilie GT Eesti entstanden ist.



 

Wie kam es dazu, die Schrift GT Eesti zu entwickeln? Welche Personen waren an den Vorgängen beteiligt?

 

Reto Moser, der Designer der Schrift, war 2009 ein Student von Urs Lehni an der Hochschule der Künste Bern. Lehni ist ein Schweizer Grafiker, welcher damals auch in Estland unterrichtete. Durch seinen Freund Indrek Sirkel erhielt Lehni Zugang zu estnischen Kinderbüchern aus der Zeit der Sowjet-Besatzung Estlands. Diese Bücher waren alle mit der Schrift Zhurnalnaya Roublennaya gesetzt, der sowjetischen Inspiration für die GT Eesti. Moser und seinem Studienkollegen Tobias Rechsteiner gefiel diese Schrift ungemein gut, weshalb sie zwei Schnitte im Regular-Gewicht, Eesti Text und Eesti Display, gestalteten. Diese Wurzeln finden sich auch heute noch in den beiden Subfamilien, GT Eesti Text und GT Eesti Display. Ab 2011 arbeitete Moser alleine an der Schrift und veränderte sie mehr nach seinen eigenen Vorstellungen. Revivals können schnell langweilig werden und im Falle der GT Eesti ging es uns darum, aus einem Sowjet-Entwurf der 1940er ein nützliches Werkzeug für Designer im Jahr 2016 zu machen. Um das zu erreichen, darf der Gestalter nicht nur kopieren, nicht versuchen ein möglichst originalgetreues digitales Abbild zu erstellen. Stattdessen versucht man die Intentionen des Designs zu verstehen, und diese auf passende und uniforme Weise auf die ganze Schrift anzuwenden. Und natürlich prägt der Gestalter die Fonts auch durch seine persönliche Haltung. So entstand eine eigenständige Schriftfamilie, deren Form zwar voller Charakter steckt, die aber ebenso funktional und nützlich ist für Gestalter aus der ganzen Welt.

 

 

Grilli Type, GT Eesti from form – Design Magazine on Vimeo.

 

Welche sind die Hauptcharakteristika der GT Eesti?

 

Die zwei Unterfamilien Text und Display teilen sich viele gemeinsame Zeichen, einige sind nur leicht abgewandelt. Andere Zeichen unterscheiden sich komplett: die Spitzen von A, M, N, W und V sind in der Eesti Text spitz, während sie in der Eesti Display abgeflachter sind. Durch diese Abflachung entsteht bei größerem Einsatz ein ruhigeres Schriftbild. Insgesamt ist die Text-Subfamilie dynamischer, mit mehr horizontaler Bewegung im Schriftbild, während sich der Display-Font durch ein statischeres, vertikaler ausgerichtetes Schriftbild auszeichnet. Die Text-Schnitte enthalten außerdem sogenannte Ink- oder Pixel-Traps, welche ermöglichen, dass die Schrift auch in kleinen Größen gut lesbar bleibt, egal ob im Druck oder auf Bildschirmen.

Die GT Eesti ist eine geometrische Serifenlose. Die historischen Vorbilder der Zhurnalnaya Roublennaya sind geometrische Schriften, welche um 1930 herum gezeichnet wurden, gerade auch in Deutschland: Futura, Erbar, Berthold Grotesk, und so weiter. Zhurnalnaya Roublennaya besitzt jedoch weit mehr Charme in ihren Kurven als alle diese Vorbilder. Auch die Super Grotesk, die Standardgrotesk der DDR, ist ihr in vielen Belangen ähnlich.



 

Wie entstand die Idee neben dem ABC-Buch auch das Holzspielzeug Lelu neu zu entwickeln?

 

Wir lassen uns bei solchen Projekten immer von unseren eigenen Interessen leiten. Reto Moser mochte eines der estnischen ABC-Bücher, welche zur Entwicklung der Schrift führten, ganz besonders. Inspiriert davon, wie Kinder eine Sprache lesen und erlernen, gestaltete er ein wundervolles ABC Buch namens „Apfel, Ball, und Cha-Cha-Cha“. Dieses Buch produzierten wir als acht-farbigen Risografie-Druck. Unser Lelu Holzspielzeug hat eine ähnliche Geschichte: Wir fanden zufällig Bilder eines Originalspielzeugs aus der damaligen Tschechoslowakei, und der Gedanke daran, dieses Spielzeug selber in den Händen zu halten, ließ uns nicht mehr los. Und so bauten wir, ohne das Original je erlebt zu haben, unser eigenes Spielzeugset basierend auf den geometrischen Grundelementen, welchen auch allen geometrischen Schriften zugrunde liegen: Quadrat, Kreis und Dreieck.



 

Könnt Ihr Euch vorstellen, weitere Produkte ausgehend von der GT Eesti zu entwickeln?

 

Für den Moment sind wir glücklich darüber, uns wieder neuen Schriften zuwenden zu können. Die GT Eesti war ja bereits seit 2009 in Arbeit und ein solches langjähriges Projekt zu veröffentlichen, bedeutet auch immer Abschied zu nehmen. Besonders freuen wir uns momentan auf unsere nächste Veröffentlichung der GT America, für die wir uns sicher auch wieder etwas einfallen lassen. 

 

 

Grilli Type, GT Eesti from form – Design Magazine on Vimeo.

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