11. Oktober 2017

Dossiers

Interview mit Wolfgang Scheppe

Text: Malene Saalmann

Die in dem Artikel „Objects of Desire – Die Suche nach den Dingen“ in form 274 abgebildeten Fotografien sind dem Katalog „Supermarket of the Dead“ entnommen, der 2015 im Rahmen der gleichnamigen Ausstellung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden entstanden ist.

 

Seit jeher spielt die Ahnenverehrung in China eine maßgebliche Rolle; die jenseitige Welt wird als eine Spiegelung der diesseitigen gehandelt. Im siebten Jahrhundert entstand die Tradition der Papiergeldverbrennung als Schuldenausgleich für die Ahnen. Die Objekte stehen für die Verschmelzung von materialistischen Weltvorstellungen mit Traditionen und Bräuchen.

Zu diesem Phänomen, seiner Arbeitsweise und dem Status von Konsumgütern haben wir Wolfgang Scheppe, den Kurator der Ausstellung, befragt.

 

Woher rührt die chinesische Tradition des Verbrennens von Papiermodellen?

 

Die älteste Form des chinesischen Volksglaubens, obgleich sie weder jemals schriftlich kodifiziert wurde, noch einer institutionell sanktionierten Glaubensrichtung angehörte, ist ein immer noch lebendiger Brauch des Alltags. Er wird nach wie vor überall in der Kultur Chinas und seiner Diaspora praktiziert. Seine Elemente – Animismus und Ahnenverehrung – bilden zugleich den viele tausend Jahre zurückliegenden Ursprung aller Religiosität. Dieser Ritus liegt im Feueropfer papierener Nachbildungen von Geld und Gütern, die mit dem Verbrennen den verstorbenen Vorfahren übergeben werden, um ihre Nöte zu lindern und ihre Bedürfnisse zu befriedigen, oder um Götter und Geister günstig zu stimmen. Jüngst haben sich die Papiermodelle dieser Zeremonie von der Nachahmung traditioneller lokaler Erzeugnisse zu Abbildungen des westlichen Warenhauses gewandelt. So entstand eine Gegenwelt aus Papier, in der heute fast alle globalisierten Fetische des Markenkonsums dem Feuer übergeben werden – von den namhaften Zigaretten- und Fastfood-Marken, Computern, Mobiltelefonen über die Imitate der jüngsten Luxus-Kollektionen von Schuh- und Taschenherstellern bis hin zu den sogenannten Premium-Automarken fehlt es in diesem Jenseits an nichts Bekanntem aus dem Kosmos repräsentabler Konsumgüter.



 

Lässt sich am Thema auch eine bestimmte Art des chinesischen Humors ablesen?

 

Ja. Der Grund, warum alle Formen der Herrschaft in der chinesischen Geschichte dem Brauch des Feueropfers feindlich gegenüberstanden, also die kaiserliche, die maoistische und die staatskapitalistische, ist eben darin zu suchen: im anarchischen Element der Verhöhnung unermesslichen Reichtums, der als Verkörperung der Göttlichkeit des Kaisers betrachtet wurde. Dieses Element wird so praktiziert, dass man möglichst unermessliche Berge von Gold, Geld und Werten in Flammen aufgehen lässt, um sie ins Jenseits zu überweisen. Der amerikanische Sinologe Charles Fredric Blake hat auf den Doppelsinn von „mocking“ hingewiesen: Die Papiermodelle sind zugleich als Nachahmung und Verhöhnung zu verstehen, als Simulakrum und Spott. Dem Gespött preisgegeben wurde damit eben auch die echte Zur-Schau-Stellungen und Vernichtung von Werten in den feudalen und staatlichen Prachtbegräbnissen, die einzig der Repräsentation von Macht dienten. Das schiere Übermaß des simulierten Reichtums, der als Papierimitation von normalen Menschen den Flammen übergeben wird, hat neben seinem spirituellen Ernst der Transsubstantiation, also der Übertragung symbolischer Gaben in ein durch und durch materialistische vorgestelltes Jenseits, ebenso spielerische und subversive Momente. Und deshalb bekommen heute auch die westlichen Statussymbole der Markenkultur eine ironische Quittung ab. Oder sind die vielen Luxuswaren in Papier doch nur ein Ausweis der unreflektierten Gier nach Konsumgütern, die die materiellen Existenzhoffnungen des Mittelstandes der westlichen Welt völlig globalisiert hat?

 

 

Was bedeutet der Glaube an die Beseeltheit von Objekten und welche Auswirkungen hat er?

 

Ursprünglich, also in vor- und frühgeschichtlicher Zeit, ersetzten animistische Vorstellungen die wissenschaftliche Erklärung von Naturphänomenen, denen der Mensch als beständige Gefahr schutz- und begriffslos ausgesetzt war. Er versuchte sie symbolisch zu bannen, indem er in Objekten der ihn umgebenden dinglichen Wirklichkeit Geister am Werk sah und sie rituell zu besänftigen suchte. Die zeitgenössische Verehrung von fetischisierten Markennamen und ihren Produkten reproduziert diesen Animismus in gewisser Weise. Es kommt in ihm nicht auf physische Qualitäten und Gebrauchswerte an, die zum Beispiel in Schuhen oder Handtaschen liegen, sondern um die Anteilhabe an einem stets implizit, unerklärt bleibenden Sinnkosmos. Ich nannte das ideellen Konsum: Nicht mehr handfeste Objekte, sondern übersinnliche Einbildungen, von denen sich die eigene Subjektivität veredelt dünkt, werden konsumiert. Die Produkte der namhaften Marken sind heilige Waren geworden. Feueropfer und Markengeltung eint also die Logik der Repräsentationsmagie, in der man der Befriedigung seines Verlangens nur mehr stellvertretend im Bild genügt – in effigie.



 

Wie stellt sich die Entstehungsgeschichte der Ausstellung dar?

 

Es geschah in einer zeitlichen Koinzidenz, dass wir in Hongkongs Märkten überrascht auf handwerkliche Papiernachbildungen von Gucci-Schuhen, Chanel-Taschen und iPhones stießen und kurz darauf in den Depots der Ethnologischen Institute der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden außergewöhnliche historische Papiermodelle des Brauchs der Ahnenverehrung im Feueropfer entdecken konnten. In China haben antike Objekte aus diesem Feld die Zeit nie überdauern können, weil es der spirituellen Überzeugung widerläuft, sie aufzubewahren. Sie müssen in Rauch aufgehen und zu Asche zerfallen, um ihren Zweck zu realisieren, die Überweisung in die Welt der Toten, wo sie diesen zunutze sind. Deshalb gibt es in ganz China kaum Museumsstücke in diesem bedeutenden Feld des informellen und über Jahrhunderte lebendig gebliebenen Volksglaubens.

 

 

Würden sie sich selbst eher als Künstler oder Kurator beschreiben?

 

Weder noch. Ich bin ein Philosoph, der sich als Werkform auch der Museumsausstellung bedient, welche die Reflexion über die Natur musealen Zeigens und seine Möglichkeiten mit enthält. Man könnte diese Arbeiten Theorie-Installationen nennen, in denen der Versuch unternommen ist, den Begriff einer Sache unmittelbar zur Anschauung zu bringen. „Intellektuelle Anschauung“ oder „sinnliches Scheinen der Idee“ hieß dieses Konzept in der Philosophie des Deutschen Idealismus bei Fichte, Schelling und Hegel. Im Bemühen um eine solche kognitive Qualität des Zeigens liegt die intrinsische Logik einer jeden Ausstellung. Sie kann ja nicht Text sein, sondern ist stets darauf angewiesen, nur durch die Ordnung der Dinge im Raum gedankliche Zusammenhänge von Objekten sinnenklar werden zu lassen. 



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