Interview mit Roel Deden, Mats Lönngren und Dan Salisbury:
Design für eine bessere Welt

zurück zur Übersicht


Die 3D-gedruckte Prothese Printesis von Roel Deden, die vernetzte Rettungsweste Ahti X1 von Mats Lönngren und der intelligente Sicherungskasten Fuse Box von Dan Salisbury und Team wurden beim Braun Prize 2015 mit Gold und Silver Awards ausgezeichnet.

 

Wir haben mit den dreien über ihre Arbeitsweise, den Designer der Zukunft und ihre Teilnahme am Braun Prize gesprochen.




All Eure Projekte sind auf eine bestimmte Art und Weise spezialisiert oder komplex. Wie habt Ihr Euch dem Problem genähert und es recherchiert?

 

Roel Deden (RD): Ich bin in viele Krankenhäuser und zu Ärzten gegangen und habe sie gefragt, wie Prothesen heutzutage gemacht werden und welche Probleme dabei häufig auftreten. Sie haben mir erzählt, dass Prothesen sehr arbeitsaufwendig zu fertigen sind, damit alle Einzelteile an den Körper passen. Außerdem traf ich Lianne Scheepers, eine Frau, die ihren Arm verloren hat. Es war sehr hilfreich mit ihr direkt zu arbeiten und die Printhesis zusammen zu entwickeln. Meine Universität hatte zu diesem Zeitpunkt gerade einen 3D-Drucker angeschafft, sodass ich einfach anhand von 3D-gedruckten Modellen testen konnte, ob sie gut genug sind, zu schwer oder zu lang und so weiter.

 

 

Also war es hauptsächlich ein Trial-and-Error-Prozess?

 

RD: Ich denke, dass es für dieses Projekt die beste Art und Weise war zu arbeiten. Es war sehr hilfreich jemanden zu haben – einen Nutzer – der das Design kommentiert.

 

Mats, Du hast eine neue Technologie in einen sehr spezifischen Kontext eingeführt. Wie hast Du Rettungswesten und den maritimen Kontext recherchiert?

 

Mats Lönngren (ML): Ich besitze ein Boot, also bin ich regelmäßig auf See. Ich habe viel Erfahrung aus erster Hand sammeln können und kenne viele Leute, die ebenfalls segeln. Mit denen habe ich das Thema allgemein diskutiert und gefragt, ob sie denken, dass es Potential hat. Ich habe auch mit Vertretern von Marineprodukten gesprochen und natürlich habe ich auch recherchiert, welche Lösungen bereits existieren. Dennoch müssen noch viele Schritte getan werden, wie mit den Nutzern zu arbeiten und das Design zu verbessern, es noch praktikabler zu machen, um nur einige zu nennen.

 

 

Dan, in Deinem Fall hattet Ihr es mit einigen Vorschriften zu tun. Wer oder was waren Eure Informationsquellen?

 

Dan Salisbury (DS): Der größte Treiber für die Entwicklung der Fuse Box waren persönliche Einblicke, da fast jeder bereits Erfahrungen mit Sicherungskästen gemacht hat. Von da aus war es ein sehr schnelles Konzept, das wiederum auf der Auseinandersetzung mit den Vorschriften basierte: was wir tun dürfen oder eben nicht. Vielleicht könnte man die Stromkreise aus der Ferne kontrollieren und über das Smartphone an- und ausschalten, aber die Vorschriften erlauben es nicht. Darüberhinaus haben wir auch mit unseren Elektronikern gearbeitet. Wir mussten verstehen, was tatsächlich umsetzbar war. Wir würden nichts präsentieren, das super teuer herzustellen wäre, sodass alle Komponenten bezahlbar und zugänglich sind und auch in ähnlichen Systemen benutzt werden.

 

 

Warum habt Ihr am Braun Prize teilgenommen?

 

RD: Genau genommen kam die Idee, mich beim Braun Prize zu bewerben, von einem Freund. Er reichte sein Projekt ein und ermutigte mich, das auch zu tun. Ich hatte mein Projekt bereits beendet, bevor der Braun Prize ausgeschrieben wurde, aber es stimmte wunderbar mit dem Thema der Vereinfachung von Dingen überein.

 

ML: Ich habe den Braun Prize immer verfolgt, weil er für hochwertiges Design steht. Ich hatte beschlossen, dass ich teilnehme, wenn ich eine gute Idee habe; falls nicht, lohnt es sich nicht, daran zu arbeiten. Gerade jetzt, da sich der Wettbewerb auch der professionellen Sphäre zuwendet und digitale Erfahrungen Thema sind, geht er in eine Richtung, die mich interessiert – sprich Produkte, die vernetzt sind und eine digitale Identität besitzen.

 

DS: Das Motto des Braun Prizes schien zum einen einfach so gut zu passen, zum anderen ist der Braun Prize eben auch dieses kleine bisschen besonderer als andere Wettbewerbe. Er findet nur alle drei Jahre statt, es gibt nur drei Finalisten pro Kategorie, und so weiter. Außerdem ist Dieter Rams eine große Inspiration und ich versuche seine Werte immer in meine Arbeit mit einfließen zu lassen. Andere haben gesagt, dass wir das Braun-Logo auf die Fuse Box machen könnten, weil sie wie ein Braun-Produkt aussieht. Das war nicht beabsichtigt, da wir sie bereits gestaltet hatten, bevor wir die Ausschreibung für den Braun Prize gesehen hatten. Aber ich bin stolz, solche Kommentare zu hören, denn ich denke Einfachheit und einfache Benutzbarkeit sollten unsere Ziele als Designer sein, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wir sollten nicht nur um der Sache selbst willen Produkte herausbringen.

 

 

Was denkt Ihr könnt Ihr dazu beitragen, dass diese bessere Welt Realität wird?

 

RD: Ich liebe es mit Computern und Digitalisierung zu arbeiten; aber es ist wichtig, dass es an einem gewissen Punkt physisch wird. An der Design Academy in Eindhoven habe ich viele Freunde, die großartige Projekte gemacht haben und mich inspirieren, dasselbe zu tun. Ich kenne beispielsweise den Designer von Phone Blocks, und andere Freunde reisen regelmäßig nach Malawi und andere Länder, um dort zu helfen, und das ist die Art und Weise, wie man Design angehen sollte. Meine Freunde sagen: Wir leben in Europa und produzieren all diese Sachen, aber sind die Läden nicht schon voll, und sollten wir nicht für die Menschen gestalten, die es am meisten brauchen? Manchmal sind es nicht die sexy aussehenden Ideen, die die besten sind. Sie brauchen vielleicht nicht großartig aussehen, aber gut funktionieren müssen sie, und das interessiert mich.

 

 

Mats, wie siehst Du die zukünftige Rolle des Designers?

 

ML: Ich möchte gerne darauf zurückkommen, was du gerade über das Arbeiten an anderen Orten gesagt hast, Roel. Ich denke, dass Designer auch die Rolle eines Vermittlers spielen können. Wenn man in einem anderen Land oder einer anderen Kultur arbeitet, geht es viel mehr darum, die Leute in den Prozess der kreativen Lösungsfindung einzubeziehen und die Autorenschaft an dem, was geschaffen wird, zu teilen. Ich denke in dieser Rolle ist die Aufgabe des Designers nicht nur etwas zu kreieren, sondern auch die Dinge durchzuziehen. Außerdem ist die Frage nach der Technologie relevant: wird sie überall sein und ist das überhaupt erstrebenswert? Ich denke es hat in vielen Fällen Sinn, Technik als Teil der Lösung zu sehen, wo sie entweder etwas vereinfacht, etwas nützlicher oder die Nutzung selbst angenehmer macht. Aber ich betrachte Technik nicht in jedem Zusammenhang als Mehrwert – in vielen Fällen gibt es eine absolut ausreichend gute, analoge Lösung. Nichtsdestotrotz ist Technik auch in Zukunft nicht wegzudenken.




Denkt Ihr als Designer wirkliche Veränderungen herbeiführen zu können?

 

DS: Ich denke, dass wir als Designer die Verantwortung dafür tragen, dass die Menschen die Dinge tatsächlich brauchen, die wir gestalten und in die Welt setzten –, dass die Welt sie wirklich braucht. Und dass sie auf eine Art und Weise auf den Markt kommen, die so wenig wie möglich negative Auswirkungen hat und wir nicht unnötiger Weise konsumieren. Es ist natürlich schwer, sich konsequent daran zu halten, weil oft – besonders in Agenturen – die Kunden definieren, was ihre Ziele und Absichten sind. Wir müssen uns selbst fragen: Brauchen wir das wirklich? Und wenn ja, macht es einen Unterschied?

 

ML: Ich denke, dass Design wirkliche Veränderungen herbeiführen kann, wenn es um Problemlösungen geht und um die Vision einer besseren, nutzerorientierteren und nachhaltigeren Zukunft. Dafür muss man richtig gut zusammenarbeiten können. Man muss sich mit anderen Menschen zusammentun, verstehen, wie sie arbeiten und was sie sehen. Ich bin der Meinung, dass der menschliche Aspekt im gesamten Prozess immer relevanter wird und dass die Ära des Helden-Designers langsam aber sicher zu Ende geht. Individuen können tolle Einfälle haben und diese sollten ihnen auch gehören, aber im Großen und Ganzen geht es darum, etwas im Team zu vollbringen, das ist ein wichtiger Faktor, um weiterzukommen.

 

 

Heißt das, die Welt ist zu komplex um als einzelner Designer zu arbeiten? Welche Arbeitsweise macht heutzutage Sinn?

 

RD: Am Anfang steht oft ein einzelner Designer, der eine gute Idee hat. Aber wenn sie in die Welt entlassen wird und beliebt wird, braucht man mehr Leute, um Dinge zu tun, die man alleine nie stemmen könnte. Man braucht immer Mitstreiter.

 

DS: Man kann nicht alles wissen. Vielleicht hast du eine Idee, aber dir ist nicht unbedingt klar, wie du sie umsetzen oder artikulieren kannst. Ich denke, dass die Rolle des Designers immer breiter wird, von uns werden immer mehr Fähigkeiten erwartet. Es reicht nicht aus, ein Industriedesigner zu sein; du musst auch Verpackungen gestalten, User Interfaces, User Experiences und so weiter. Die Art und Weise, wie wir als Unternehmen arbeiten, ist es, Designer, Ingenieure, Elektroniker, Softwareentwickler und Modellbauer an einem Ort zu haben, sodass wir auf deren Erfahrung zurückgreifen können, wenn wir sie brauchen. Wenn man eine Designabsicht hat und möchte, dass sie funktioniert, muss man fast immer mit anderen zusammenarbeiten, um sicher zu gehen, dass man weiß, wie sie am besten umzusetzen ist.

 

 

Habt Ihr das Gefühl, darauf richtig vorbereitet zu sein, beispielsweise durch Eure Ausbildung?

 

RD: Meine Universität fokussiert sich tatsächlich darauf, was du tun willst, was deine Stärken sind, und dann besitzt man das Selbstbewusstsein, rauszugehen und die Projekte aufzutun, die einem gefallen. Vor meinem Abschlussprojekt wusste ich nichts über Prothesen, also habe ich angefangen mit Menschen zu sprechen und mir Wissen anzueignen, um etwas Neues gestalten zu können. Deswegen glaube ich, dass man nicht notwendigerweise etwas über ein Projekt wissen muss – man sollte interessiert sein und anfangen, der Rest folgt von ganz allein.

 

ML: Ich denke die Ausbildung, zumindest für mich, war eine Art Plattform, von der aus ich beginnen konnte, in dem Feld zu arbeiten. Mittlerweile arbeite ich seit sechs Jahren in meinem Beruf und habe vieles gelernt, von dem ich vorher nichts wusste. Jedes Projekt ist ein neuer Lernprozess. Wie man lernt hängt davon ab, was der Fokus und das Ziel sind. Wie man ein Projekt angeht, stellt auch eine Lernaufgabe dar: Wie handhabt man Zeit? Wie leitet man ein Projekt? Welche Methoden und Werkzeuge kommen zum Einsatz? Und wie arbeitet man effizient? All diese Dinge lernt man erst im Berufsleben.

 

 

Was erwartet Ihr Euch davon, Braun Prize-Gewinner zu sein?

 

RD: Nun, dass Leute von einem wissen und auch wissen, was man tut, sodass sie vielleicht Potential darin sehen, dass man für sie arbeitet. Aber vor allem motiviert mich der Preis, das weiterzuverfolgen, was ich tue und auch darein zu investieren, denn jetzt kann ich das Projekt wirklich auf das nächste Level bringen.

 

DS: Der eigene Bekanntheitsgrad ist die eine Sache, das ist schön, aber ich denke, es geht auch um die Anerkennung dieser einfachen Idee, die wirklich einen Unterschied in der Welt macht. Am meisten schätze ich die Anerkennung meiner Kollegen und anderer Designer für meine Arbeit, das ist ein ziemlich gutes Gefühl.

 

ML: Zusätzlich zu dem, was ihr beiden gerade gesagt habt, ist es eine großartige Möglichkeit, die eigenen Ideen auf den Prüfstand zu stellen. Konzepte können sehr anfällig und leicht zu kritisieren sein. Es kann einfach behauptet werden, dass sie nicht funktionieren, aber dieser Preis ist wie ein Abzeichen, das zeigt, dass der Entwurf ein gewisses Level an Qualität erreicht hat; ein Level, das andere aufmerken lässt und dazu bewegt, sich mit dir im Detail darüber zu unterhalten.


Shop

Nº 273
Designing Protest

form Design Magazine


Grid one form273 cover 1200 Jetzt bestellen