Israelisches Design.
Naama Agassi

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In form 259 beschäftigen wir uns mit dem Design in einem Land, das in den Medien hauptsächlich wegen seiner politischen Konflikte präsent ist: Israel. Gleichwohl hat es eine lebendige und vielfältige Designszene zu bieten, deren Akteure wir uns genauer angeschaut haben. Mehr Portraits israelischer Designer und Studios zeigen wir sowohl in form 259 als auch in form Dossiers.


 

Naama Agassi ist eine Produktdesignerin aus Tel Aviv. Sie studierte am Holon Institute of Technology (HIT) und arbeitete nicht nur in drei verschiedenen Designteams, sondern auch als Selbständige, bevor sie im September 2014 an die Design Academy Eindhoven kam, wo sie zurzeit ihren Master im Studiengang Contextual Design macht.




Studio: Naama Agassi

Webseite: naamaagassi.com

Gründungsjahr: 2013

Mitarbeiter: 1

Arbeitsbereiche: Produktdesign, Industriedesign

Kunden: Israel Tourism Ministry, Monkey Business

 

 

Was ist Deiner Meinung nach besonders an Design in Israel?

 

Zunächst einmal beeinflussen die Merkmale, die Israel als kleines und warmes Land ausmachen, auch seine Designszene. In Israel sind sehr viele verschiedene Designer (Maker, Formgeber, konzeptionelle und industrielle Pioniere), die alle mit Leidenschaft an ihren Projekten arbeiten, auf sehr kleinem Raum versammelt. Manche von ihnen sind spezialisiert auf Innovationen, andere arbeiten mit Materialien, und wieder andere konzentrieren sich auf die Entwicklung konzeptioneller Ideen. Da das Land aber so klein ist, kennen sich alle. Sie stellen sich gegenseitig ihren Kollegen vor, reden und diskutieren viel, und kritisieren einander. Am Ende beeinflussen sie sich alle in ihrer Arbeit.

 

 

Wie würdest Du Deine Arbeit beziehungsweise Deinen Stil beschreiben? Bewegst Du Dich eher im traditionellen Designbereich? Oder bist zum Beispiel mehr an neuen Technologien interessiert?

 

Ich denke, ich kombiniere beide Richtungen. Alle meine Familienmitglieder haben einen kreativen Beruf. Während die Männer in ihrer Kreativität sehr analytisch und eher an Computern interessiert sind, arbeiten die Frauen aus meiner Familie eher intuitiv. Ich bin eine Kombination aus beidem. In meinem Designprozess versuche ich Dinge zu tun, die ich als bedeutungsvoll empfinde. Ich arbeite mit technischen Prozessen, aber auch mit Materialien – und manchmal eher mit analogen oder traditionellen Mechanismen. Für mich ist es sehr wichtig, dass am Ende ein funktionales Objekt steht – oder eines, das Potential hat, in das Leben anderer integriert zu werden. Das unterscheidet Design von anderen kreativen Feldern.

 

 

Kannst Du ein Beispiel geben, das zeigt, wie Du arbeitest?

 

Im Rahmen meines Master-Studiums habe ich gerade erst Religion und die Rolle, die sie in unserem Leben spielt, durch einen Designprozess untersucht. Religion ist ein soziales System mit vielen Traditionen und Ritualen. Es ist eine Art und Weise eine große Gruppe an Leuten zu managen. Für mein Projekt habe ich das Sabbatjahr ausgewählt, eine Tradition, die mich interessiert, weil sie sowohl das Arbeitsleben als auch den restlichen Alltag betrifft. Indem man den Regeln dieser Tradition folgt, kommt man aus seiner Komfortzone und sieht das tägliche Leben von einer anderen Seite. Das aktuelle jüdische Jahr ist das letzte Jahr des siebenjährigen landwirtschaftlichen Zyklus, der von der Torah für das Land Israel vorgegeben ist. Die Tradition, die aus der Landwirtschaft stammt, ist im Grunde ein Sabbatjahr. In dieser Zeit liegt das Land brach und alle landwirtschaftlichen Aktivitäten sind verboten.




Was ist das grundlegende Konzept dieser Tradition?

 

Die traditionelle „Schmittah“ vermittelt zwei Grundwerte: Indem man sie praktiziert, lernt man die Macht der Natur zu bewundern, die stärker ist als die der Menschen. Und außerdem sind alle Früchte, die von selbst auf dem brach liegenden Land wachsen „hefker“ (besitzerlos) und können von jedem geerntet werden. Das stellt eine Möglichkeit für soziale Rehabilitation dar. Schmittah ist eine der kompliziertesten jüdischen Traditionen und das ist ein Grund dafür, warum sie heute fast gar nicht mehr praktiziert wird. Sie wurde für eine Ökonomie entwickelt, die auf Landwirtschaft basiert. Heute liegt die Bürde dieser Tradition auf den Schultern von einigen wenigen, die sie noch praktizieren. Ich wollte testen, was passiert, wenn ich diese Tradition (in meiner eigenen Version) auf das gegenwärtige Leben übertrage. Ich komme aus einer säkularen Familie und habe mich immer gewundert, wie moderne, religiöse Menschen alte Regeln auf ihr eigenes Leben anwenden. Was bleibt relevant, was nicht? Und warum? Und folgt man den Regeln, weil man ihre Bedeutung versteht und an die Werte glaubt, die sie beinhalten? Oder folgt man ihnen aus reinem Respekt für das System? So habe ich angefangen Schmittah zu hinterfragen. Es ist eine schöne Tradition mit schönen Werten, aber sie ist für eine Ökonomie gedacht, die auf Landwirtschaft basiert.

 

 

Was genau hast Du in Deinem Projekt gemacht?

 

Ich wollte sehen, welchen Einfluss diese Art von Prozess auf Gestaltung haben kann. Also habe ich die Idee der Schmittah auf einen Designprozess angewandt, mit Fokus auf den beiden grundlegenden Werten. Zuerst, die Macht der Natur in meiner eigenen Arbeit bewundern: Anstatt einem Material meine eigene Idee aufzuzwingen, wollte ich es erkunden und die Charakteristika der angewandten Technik das Ergebnis beeinflussen lassen. Ich bin jeden Tag in die Keramikwerkstatt gegangen und habe das Potential eines Materials erkundet, mit dem ich vorher noch nie gearbeitet hatte. Dabei bin ich keinem vorrangigen Konzept gefolgt. Wenn im Rahmen der Schmittah Ressourcen anderen zugänglich gemacht werden, wird ein soziales Gleichgewicht (wieder) hergestellt (so wie die Landwirte dazu ermutigt werden ihre Früchte zu teilen). Ich habe keine Pflanzen oder physischen Ressourcen, die ich mit anderen teilen kann. Meine Ressourcen sind mein Wissen, meine Hände, meine Erfahrung und meine Art zu Denken. Um diese anderen zur Verfügung zu stellen, habe ich jeden Donnerstag meine Arbeitskleidung getragen und bin in die Werkstatt gegangen. Anstatt an meinen eigenen Projekten zu arbeiten habe ich meinen Mitstudenten geholfen.

 

 

In Deinen Projekten bringst Du also Dinge aus ihrem Kontext und wendest sie auf einen Designprozess an, um etwas Neues zu entwickeln.

 

Ja. Das ist etwas, das ich in den meisten meiner Projekte tue. Im Rahmen eines Designprozesses kann ich mich mit Literatur und Musik beschäftigen, bevor ich mit dem Skizzieren beginne und in die Werkstatt gehe. Allerdings enden fast alle Prozesse mit Materialien. Sie spielen eine sehr wichtige Rolle in meiner Designsprache. Außerdem denke und arbeite ich mit meinen Händen.

 

 

Entwickelst Du zuerst ein Konzept und realisiert es dann in einem zweiten Schritt? Oder arbeitest Du parallel an dem Konzept und dem Produkt?

 

Ich arbeite immer an beidem parallel – es ist aber auch wichtig für mich zu alten Projekten zurück zu gehen. Ich tue das immer wieder. Ich glaube, dass der Designprozess nie endet, gerade weil Lebenserfahrungen und Interessen alle Projekte beeinflussen. Mein Interesse an etwas wird niemals verschwinden; es wird sich ändern und weiter entwickeln, aber es wird bleiben und sich auf meine Arbeit auswirken. Branch Holder zum Beispiel ist ein Produkt, für das ich Inspiration in einer Kindheitserinnerung gefunden habe.




Du hast Deinen Bachelor in Industriedesign am Holon Institute of Technology gemacht. Wie hast Du die Designausbildung dort wahrgenommen?

 

Das HIT ist sehr praxis-orientiert. Man lernt dort alles, was man benötigt, um sich selbst kreativ auszudrücken. Gleich am Anfang wird man in die Werkstatt geschmissen, wo man mit schweren Maschinen und unvertrauten Computerprogrammen zurecht kommen und am Ende einen Weg finden muss, sich damit auszudrücken. Das war eine intensive und anspruchsvolle Erfahrung, aber ich denke, dass sie sehr zu dem beigetragen hat, was ich heute als Designerin bin. Gerade weil ich immer durch das Machen gestalte.

 

 

Nachdem Du Dein Bachelor-Studium abgeschlossen hattest, hast Du in verschiedenen Studios in Israel gearbeitet und Dich anschließend selbstständig gemacht. Warum hast Du Dich dazu entschieden, das Land zu verlassen und Deinen Master an der Design Academy Eindhoven zu machen?

 

Das ist eine gute Frage. Nach meinem Abschluss am HIT habe ich in drei verschiedenen „Designsystemen“ gearbeitet. Zuerst in einem kleinen Unternehmen, Studio Ubico. Insgesamt arbeiten dort drei Leute, von denen einer, Ori Ben-Zvi, das Studio leitet. Von Ori Ben-Zvi bei Ubico habe ich gelernt, dass kreativ zu sein auch bedeutet, für das, an das man glaubt, zu kämpfen. Das zweite Designsystem war das Interaction Lab am HIT, dort waren wir zu fünft beziehungsweise sechst. In einem Lab zu arbeiten ist viel experimenteller. Von Michal Rinott, die das Lab initiiert und aufgebaut hat, habe ich gelernt, dass es im Design nicht nur darum geht, die richtigen Antworten zu geben, sondern auch darum, die richtigen Fragen zu stellen. Ich habe auch im integrierten Designstudio der Arica Fabrik gearbeitet, einem sehr großen System. Jeden Morgen habe ich mit denselben Leuten Kaffee getrunken, die produzierten, was ich geplant hatte. In einer solchen Umgebung beginnt man wirklich zu verstehen, welche Verantwortung man als Gestalter trägt, wie die Dinge, die man tut, andere Leute betreffen. Wenn ich etwas falsch oder schlecht geplant hatte, konnte ich sehen, wie frustriert die anderen am Ende des Tages waren (denn sie mussten damit klar kommen) – aber auch umgekehrt. Die Projekte, auf die ich besonders stolz bin, sind die, in denen ich nur ein paar Details geändert habe, sodass etwas einfacher produziert werden kann. Alles in allem habe ich die Erfahrungen dieser drei verschiedenen Systeme wie in einem Werkzeugkasten gesammelt, den ich nun anwenden kann, um mein eigenes Ding zu machen. Und deswegen bin ich an die Design Academy Eindhoven gekommen. Ich denke, dass sie ein guter Ort ist, um wirklich damit zu beginnen, sich selbst zu hinterfragen: Welche Art von Designerin will ich werden? Was will ich tun? Was möchte ich sagen?

 

 

War es auch wichtig für Dich, Dein Heimatland zu verlassen?

 

Ja. Ich kann sagen, dass hier zu sein, außerhalb meiner gewohnten Umgebung, den Blick geschärft hat, mit dem ich mich selbst wahrnehme. An der Design Academy sind viele Leute aus sehr verschiedenen Ländern. Indem ich mit ihnen zusammen bin, sehe ich deutlicher, was mich selbst charakterisiert. Und ich kann außerdem vieles über andere Kulturen und Arbeitsprozesse lernen.


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Text: Anja Neidhardt