2. Oktober 2014

Dossiers
Grenzen ziehen

Text: Anja Neidhardt

Karten werden heute nicht nur von Militärs zum Führen von Kriegen genutzt, sondern auch von einer neuen Journalisten-, Programmierer- und Designergeneration, um die Öffentlichkeit über diese Konflikte zu informieren. 



 

Neue Möglichkeiten

 

Der Datenjournalist Marco Maas (opendatacity.de) hat in verschiedenen Vorträgen dargelegt, warum er denkt, dass Programmierer „die Zauberer der Zukunft“1 seien. In Zusammenarbeit mit Journalisten und Designern sammeln sie Daten von verschiedenen Plattformen, kombinieren sie miteinander und werten sie aus. So entstehen Infografiken und Karten, „als eine Art Übersetzung von Daten in Visuelles“ – wie es wiederum der niederländische Buchgestalter und Kartenspezialist Joost Grootens nennt, den wir im Rahmen der diesjährigen Typo Berlin zu einem Gespräch trafen.2

„Es ist eine spannende Zeit, in der wir gerade leben“, sagt er. „Wir erfinden Design und Datenjournalismus neu. Das ist für mich die Zukunft: Eine neue Art von Beruf, halb Designer, halb Journalist.“ Denn Informationsgestaltung wird gebraucht. „Gerade in der heutigen Welt, in der wir alle von so vielen (ungefilterten) Daten und Informationen umgeben sind“, erklärt Grootens. Er verweist auf Petr van Blokland, der in seinem Typo-Vortrag am Tag zuvor sagte, dass das Treffen von Entscheidungen vielleicht das Einzige sei, was Gestaltern heute bleibe.3 „And maps are all about making choices“, ergänzt Grootens.

 

Entscheidungen

 

Ein Kartograf entscheidet, was wie auf einer Karte zu sehen ist. Was dem Thema und der Aussage der Karte dient – und was nicht. Eine Neutralität kann nicht erreicht werden, aber der Gestalter hat die Möglichkeit, seine Auswahlkriterien offen zu legen und so Transparenz zu schaffen. Genau das tut Grootens; er nutzt dafür u.a. die Vorwörter der von ihm gestalteten Atlanten. Gerade weil ihm die Macht der Bilder (siehe Teil 1 dieses Texts in form 255) bewusst ist.



 

Projekt: Geheimer Krieg

 

Während Joost Grootens u.a. den Konflikt zwischen Israel und Palästina in einem Atlas visualisierte,4 hat Marco Maas mit OpenDataCity beispielsweise an der Konzeption und Umsetzung des Projekts, Geheimer Krieg mitgearbeitet. Investigativ-Teams von Süddeutscher Zeitung und NDR „rückten BND, NSA, CIA und GCHQ auf die Pelle“. Als verbindendes Element für Artikel in der Zeitung und Panorama-Sondersendung mit anschließender Diskussion im Fernsehen dient eine Website, auf der die Recherchen der beteiligten Redaktionen als Karte mit Videos, Bildern und Texten präsentiert werden.



 

Bottom Up: Orientieren und helfen

 

Im schon erwähnten Text „Das Territorium ist die Karte. Raum im Zeitalter digitaler Navigation“ vom Anfang (vgl. Teil 1) heißt es: „Auch wenn Karten schon allgegenwärtig waren, als sie noch auf Papier gedruckt wurden, ist nunmehr all ihren Nutzern klar, dass Karten durch digitale Technologien eine deutliche Veränderung erfahren haben. Dabei hat nicht nur ihre Verfügbarkeit exponentiell zugenommen – GPS befindet sich heute in jedem Auto, in jedem tragbaren Computer und in vielen Mobiltelefonen –, Karten werden heute auch viel häufiger in einem digitalen Format statt in Papierform realisiert. [Unser] heutiger Umgang mit Kartierungen [ist] dadurch gekennzeichnet, dass wir uns in eine Datenbank einloggen, die in Echtzeit über eine Schnittstelle (meist einen Computer) Informationen sammelt.“5 Was noch dazu kommt, ist der Vorteil, „dass die Plattform dem Nutzer erlaubt, aktuelle, persönliche Informationen in die Datenbank einzupflegen. Auf diese Weise wird der Benutzer einer Karte zu einem ihrer Amateur-Beiträger.“6

So zum Beispiel bei Hilfsaktionen, die seit einigen Jahren immer häufiger nach folgendem Muster organisiert werden: Nach Naturkatastrophen schließen sich Leute zusammen und arbeiten gemeinsam an einer Landkarte. Jeder bringt sein Wissen ein und teilt seinen Standort mit, sodass der betroffenen Region best- und schnellstmöglich geholfen werden kann. Auch dies ein Beispiel dafür, wie Karten „von unten nach oben“ (bottom up) gestaltet werden.

 

Projekt: Future Landscapes

 

Alles andere als von unten nach oben wurde der Bau der neuen Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Turin und Lyon, „TAV: Treno a Alta Velocità“ gestaltet. Am flachen Reißbrett wurde ein Strich zwischen den beiden Städten gezogen. Die Realität sieht allerdings anders aus. Zwischen Turin und Lyon liegen die Alpen mit ihren teilweise dicht besiedelten Regionen. Gegen die Planung formierte sich wachsender Widerstand, zwischen Gegnern und Befürworten des Großprojekts schwelt seit nunmehr zwanzig Jahren ein Konflikt. Während der Bau der Trasse weitgehend still steht, thematisieren die Medien meist nur die sichtbaren Auswirkungen des Konflikts (etwa die Auseinandersetzungen von Polizei und Demonstranten), anstatt das eigentliche Problem und dessen Ursachen.

Kim Costantino, ein Student von Joost Grootens, interessierte sich für die Hintergründe und stellte sich die Frage, welche Rolle Karten und ihre Gestaltung in der Berichterstattung spielen könnten. Er entschied sich, im Rahmen seiner Masterarbeit an der Design Academy Eindhoven selbst auf den Weg zu machen und die Lage vor Ort zu untersuchen. Die dreihundert Kilometer von Turin nach Lyon ging er Anfang 2014 zu Fuß, fotografierte das Territorium, notierte die Anzahl der „No TAV“-Schilder und -Schriftzüge und sprach mit Anwohnern (bottom up).

Sein Projekt Future Landscapes (FL) ist eine Recherche über den Bau der Hochgeschwindigkeitstrasse und die soziale Bewegung No TAV. Costantino betrachtet mit seinem Projekt jedoch nicht nur den sozial-politischen Konflikt, der durch das Zugprojekt verursacht worden ist. Er hinterfragt auch gleichzeitig die Rolle der Gestaltung: „Kann Gestaltung dabei helfen, ein komplexes Thema sichtbar und verständlich zu machen?“ Seine Schlussfolgerung: Die Disziplinen Informations- und Kommunikationsdesigns können eine Alternative zum traditionellem Text- und Bild-Journalismus darstellen. FL wertet den Ich-Erzähler und seine Vor-Ort-Untersuchung als ergänzende Informationsquelle enorm auf. Costantino behauptet nicht, dass seine Untersuchung neutral ist, vielmehr sei das Projekt in seiner Position und in seinen Methoden transparent.

„Für meinen Walk“, erklärt er, „hatte ich offizielle Landkarten im Maßstab 1:50.000 und 1:200.000. Ich habe sie genutzt, um meinen Weg zu finden, aber auch, um die Präsenz der No TAV-Bewegung in Form von Schriftzügen und Schildern auf dem Territorium festzuhalten. Zu Hause habe ich diese Karten dann als Grundlage für die Entwicklung meiner eigenen Karten genutzt, die die Strecke meines Walks und andere relevante Informationen über den Konflikt zeigen.“

Dieser Konflikt umfasst alle Arten von politischen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Aspekten. Costantino betont, dass die „lokalen Dimensionen den Konflikt nicht zu einem lokalen Problem machen“, sondern dass es ganz „im Gegenteil sehr stark mit globalen Themen verbunden ist, die uns alle betreffen“. Es geht um die Kontrolle des Territoriums und die Veränderung von Landschaften, um die Konzeptionen von Demokratie, Fortschritt und Allgemeinwohl und ihre Umsetzung. Und außerdem um Top-down- bzw. Bottom-up-Konstruktionen.

 

 

 

Future Landscapes from form – Design Magazine on Vimeo.

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