28. April 2016

Dossiers
Köln diskutiert das Büro 4.0:
Braucht die Arbeitswelt von morgen eine neue Architektur?

Text: Kathrin Spohr

Alle Welt spricht von Industrie 4.0, von IoT (Internet der Dinge), von Co-working Spaces und Work-Life-Balance – die digitale Transformation beschwört massive Umwälzungen für unser Leben und unsere Arbeitswelt herauf. Technische Entwicklungen wie interaktive Tische und Wände, neue mobile Geräte, Apps oder auch die überhaupt nicht mehr sichtbare Technik, Stichwort „Zero UI“, könnten das Büro von morgen ganz anders aussehen lassen. Die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeitszeit schwinden immer weiter. Mitarbeiter haben andere Erwartungen an den Arbeitsplatz als früher, emotionale Aspekte spielen eine wichtigere Rolle. So wächst bei Unternehmen das Bedürfnis, sich anders aufzustellen, um künftig attraktiv und innovationsfähig zu bleiben. Und auch die Städte, Stadtplaner und Investoren sind gefragt, zeitgemäße Konzepte anzubieten. 



 

Ungewöhnliche Kooperationen

 

Wie sehen die Raumstrukturen in alten und neuen Gebäuden aus, damit sie zur Arbeitswelt 4.0 passen? Und wie schafft man eine Atmosphäre, einen „Work Spirit“, in dem Mitarbeiter sich wohl fühlen und inspiriert bleiben? Das Seminar „Bauen 4.0: Welche Architektur braucht die Arbeitswelt von morgen?“, das im Februar 2016 in Köln stattfand, brachte die Thematik aufs Podium und suchte einen bisher seltenen aber sehr sinnvollen Dialog zwischen vielen Beteiligten: Designern, Architekten, Stadtplanern und Vertretern aus Immobilienwirtschaft und Bauindustrie. Dazu der Initiator der Veranstaltung Andreas Grosz vom Kölner KAP-Forum: „Wir müssen lernen, über den Tellerrand zu schauen. Dazu brauchen wir eine Architektur, die offen und flexibel ist und kreative, kommunikative Räume schafft.“

Im Fachjargon klingt das dann so: „Wir müssen nutzungsneutrale Gebäude schaffen, indem wir die Quadratmeter-Denkweise verlassen und Angebote pro Kopf machen“, sagt Elmar Schütz, Leiter der Projektentwicklung bei Aurelis Real Estate. Die künftige Unternehmensimmobilie, so bestätigte er, brauche mehr „Agilität durch Flexibilität“. Wie beweglich die Denkweise tatsächlich sein kann, zeigte ein aktuelles Konzept. Unter anderem fokussiert Aurelis gerade die junge, boomende „Financial Tech“-Szene, die sich vor allem im börsennahen Raum um Frankfurt ansiedeln will. Es fehlen jedoch geeignete Immobilien. Was tun, wenn man mit den eigenen Ideen für die Dotcom-Generation an Grenzen stößt? Für die speziellen Bedürfnisse dieser Start-ups sollen nun Nachwuchsdesigner derselben Altersgruppe Büro- und Raumlösungen entwickeln, in Abstimmung mit Aurelis und den Architekten Meyer Schmitz Morkramer.

  

Behutsamer Umgang mit Restrukturierung

 

Arbeiten 4.0 bedeutet eben, die Kultur des ständigen Wandels zu integrieren, denn neue Geschäftsmodelle kommen und gehen, Unternehmen wachsen und schrumpfen mitunter rasend schnell. Darauf smart zu reagieren, ist eine der großen Herausforderungen für die Immobilienwirtschaft. Das Projekt „neue balan“, das Maximilian Freiherr von der Leyen, Vorstand beim Immobilieninvestor Allgemeine Südboden, präsentierte, klingt vielversprechend. Das Unternehmen restrukturiert ein 84.000 Quadratmeter großes Gelände in München, das vor einigen Jahren noch Produktionsstandort von Infineon war und dessen Gebäudeensemble seinen Ursprung in der Mitte des 20. Jahrhunderts hat. Allgemeine Südboden setzt dort auf sogenannte bestandsorientierte Nutzung, einfach gesagt: das Neue versucht, das „ursprüngliche Industrieflair mit 1950er-Jahre-Atmosphäre“ zu erhalten. Sehr viel Zeit habe man investiert, um dies zu ermöglichen.

Jetzt entsteht dort ein heterogener Raum, auch „Campus der Ideen“ genannt, bestehend aus Büros für Firmen unterschiedlichster Größen und Branchen, multifunktionalen Werkstätten sowie modernen Serviceangeboten, Produktion, Erholungs- und Sozialflächen. Partizipation der Mieter und Zufall sollen entscheidend zur Ausgestaltung beitragen und die Räumlichkeiten mit Leben erfüllen. Flexible Gestaltbarkeit der Flächen sei auch hier ein wichtiges Anliegen des Investors. Aufgrund der Vielfalt an Nutzungsmöglichkeiten habe sich die „neue balan“ schon jetzt zu einer Art „Stadt in der Stadt“ entwickelt. Hierfür stünden auch kleinteilige Strukturen und Orte, die Vernetzung und Austausch fördern. 



 

Modulare Spielräume

 

Wie aber sehen die Visionen für das Interieur des Büro 4.0 konkret aus? Bürokratie und Abteilungslogik haben ausgedient. „Unser Gehirn ist das beste Netzwerk. Optimale Gehirnaktivität, also Neues zu entwickeln, ist möglich, wenn wir in entspanntem Zustand sind. Daher sollten wir Umgebungen schaffen, die Kreativität ermöglichen“, erklärt Anja Osswald. Sie ist Head of Business Development bei Triad Berlin, einer Kreativagentur, die neue „Denk- und Erlebnisräume“ schafft. Osswald stützt ihre Aussage auf den amerikanischen Autor Steven Johnson, der Städte als kreative Milieus versteht, die eben auf „Networks“ basieren. Das Ökosystem „Work“ muss ihrer Meinung nach offen sein und modulare Spielräume schaffen, „Hubs mit Lounge-Charakter“ , sagt sie. Als positives Beispiel nannte Osswald die Innovationsfabrik der Wittenstein AG und die Factory in Berlin, ein Start-up-Campus für „Digital Natives“, wo die Mieter von positiven Synergieeffekten profitieren. Die digitale Welt kreiere auch ganz neue Arbeitsorte. Viel Spielraum für innovative Ideen liefere das Auto als künftiger, neuer Arbeitsplatz. Denn die Technik des autonomen Fahrens rückt immer näher.

   

Lernen vom Silicon Valley

 

Ein Beispiel dafür, wie das Arbeiten on the road schon jetzt aussehen kann, präsentierte der Kölner Architekt Caspar Schmitz-Morkramer. Er hatte gerade eine Reise zur Wiege der globalen Innovationsführer, dem kalifornischen Silicon Valley, hinter sich. Dort besuchte er die Headquarter von Airbnb, Google, Facebook und Co., um Trends und erfolgreiche Arbeitskultur 4.0 live zu erleben. Bei Google etwa sind firmeneigene, mit jeglicher Technik ausgestattete Busse vorzufinden, die Mitarbeiter zur Arbeit ins Valley und nach Hause bringen. So kann die Fahrt bequem als Arbeitszeit genutzt werden. Außerdem gäbe es bei der Mutter der Suchmaschinen Besprechungsfahrräder, die bis zu sechs Leuten Platz bieten. Ob die Ergebnisse von Meetings wohl ganz anders ausfallen, wenn man beim Verhandeln gemeinsam in die Pedalen tritt? „Das Serviceangebot für Mitarbeiter wird im Silicon Valley sehr groß geschrieben“, sagt Schmitz-Morkramer. „Es gibt einen Mix aus hoch verdichteten Arbeitsplätzen, „Break“-Zonen, also Rückzugsorten und Micro-Küchen, wo Lebensmittel umsonst zur Verfügung stehen. Man will, dass die Mitarbeiter sich im Büro bewegen.“ Kinos, Restaurants und Fitnesscenter runden das Angebot auf den Campussen von Google oder Facebook ab. Interessant war auch diese Beobachtung: Die Raumgestaltung selbst sei oft kein Interieur der Superlative. Und auf das Konzept flexibler Arbeitsplätze, das bei uns so hoch im Kurs steht, verzichten die Trendsetter im Silicon Valley gänzlich.

  

Action Office und Dotcom-Büro

 

Disziplinen übergreifend über das zukünftige Bauen von Büros zu diskutieren, ist natürlich sehr fruchtbar. „Dass die Immobilienwirtschaft Entwicklungen aufgreift und überhaupt vital dabei ist, das wäre früher undenkbar gewesen“, erklärt Andreas Grosz. Dennoch: Bereits seit den 1960er-Jahren wird über die Gestaltung offener Bürolandschaften nachgedacht. Das „Action Office“ von Robert Probst und George Nelson für Hermann Miller zählt zu den bedeutendsten Konzepten: Es bietet modulare Möbelsysteme, die ebenso modulare Wände integrieren, um Bürogestaltung möglichst flexibel an spezifische Bedürfnisse anpassen zu können. Diese Grundideen sind also längst Thema. Auch dass die Balance zwischen „Privatheit und Interaktion“ ein wichtiger Eckpfeiler für gut designte Büros ist, ist keine Einsicht des digitalisierten 21. Jahrhunderts, sondern eine Erkenntnis, die Probst bereits im Rahmen seiner Forschungen für Hermann Miller gewonnen hatte.

Er erkannte auch, dass das Büro-Layout Auswirkungen auf die Leistung der Mitarbeiter hat. Damals sprach man von Funktionalität. Heute sagen wir, dass Mitarbeiter sich wohl fühlen müssen, um motiviert und zukunftsgerichtet zu arbeiten.

 

Das Seminar hat vor Augen geführt, wie groß der Wunsch ist, möglichst moderne Arbeitsorte zu kreieren. Man fragt sich aber auch, wo die grundlegenden Weiterentwicklungen seit dem Action Office sind. Die Unsicherheiten, die sich durch die digitale Zukunft ergeben, sind offensichtlich. Oft scheint bei frisch umgesetzten Bürokonzepten Aktionismus im Spiel zu sein, um sich startklar für die neue Arbeitswelt zu zeigen. Eine Obst-Flatrate, die coole Bürobibliothek mit Lounge-Sesseln und die Spielecke für Kinder tragen nur dann zum Wohlfühl-„Work Spirit“ bei, wenn nicht jede Abwesenheit vom Arbeitsplatz geloggt werden muss oder von der Chefetage mit Skepsis beobachtet wird. Gewollt Dotcom funktioniert nicht. Gut laufende „Hubs mit Lounge-Charakter“ im Büro 4.0 setzen die moderne Haltung eines Unternehmens voraus. Neben Flexibilität, Offenheit und Networking sollte auch Großzügigkeit und Vertrauen in die Mitarbeiter gelebt werden.

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