8. Februar 2018

News

Nachruf Stefan Moses
(1928–2018)

Text: Jörg Stürzebecher

Er hat Spiegel und Stuhl so arrangiert, dass Theodor W. Adorno selbstauslösend sich fotografieren konnte, und dennoch ist das Selbstporträt Adornos auch ein Bild des Fotografen Stefan Moses, der nun am 3. Februar 2018 neunundachtzigjährig gestorben ist – eine Fotografen-Persönlichkeit, die Persönlichkeiten aufnahm, von Willy Brandt oder Alexander Kluge bis hin zu Wäscherinnen und Arbeitern; vielfach geehrt, nebenbei der erste Fotograf, der in die Bayerische Akademie der Schönen Künste aufgenommen worden ist.



 

Geschätzt wurde er, der zum Beispiel für den Stern in dessen wichtigen Jahren zwischen 1960 und 1975 fotografierte, von vielen; und spätestens 1967 musste auch die Grafikszene der Bundesrepublik Deutschland ihn als einen der Großen wahrnehmen. Es war das Erscheinungsjahr seiner bewusst – zurückhaltend wie Altersgruppen integrierend – Bilderbuch genannten poetischen Dokumentation „Manuel“, die ein Jahr im sehr jungen Leben seines gleichnamigen, aber auch Lups und Mani genannten Sohnes fotografisch festhielt. Wie Kinder sich freuen, etwa beim Spiel mit an Saul Steinbergs Strichzeichnungen erinnernden Katzenmasken, und wie sie enttäuscht sein können, wie an Weihnachten, wo unter dem Baum die so sehr gewünschte Trommel fehlt, hier kann man es nicht nur sehen, sondern miterleben. Viel Zeitgenössisches ist in diesem Buch, von Brauns „Schneewittchensarg“ über den Bikini von Manuels Mutter bis zu Leon Uris’ Exodus im elterlichen Bücherregal – Grafiker denken hier sofort an den Vorspann von Saul Bass der zeitgenössischen Exodus-Verfilmung, zugleich ist es ein subtiler Hinweis auf Moses’ deutsch-jüdische Herkunft. Zugleich ist „Manuel“, dieses Buch des Schwabinger Weltbürgers Moses, der sich selbst im Jahrmarkts-Zerrspiegelkabinett in den Band einbringt, mehr, als spätere Generationen ertragen konnten. So wurde etwa in einer Neuauflage im Text des gegenwärtig viel zu wenig gewürdigten Zeichnungs-Erzählers Reiner Zimnik die einen Musiker-Haarschnitt charakterisierende Kinderlautsprache „Bietel“ durch „Mopp“ ersetzt, und in öffentlichen Büchereien, zumindest Frankfurts, ist die Originalausgabe gelegentlich verstümmelt, denn einen nackten Jungen von vorne will man nicht vorführen, also: Schere rein und Seiten raus.

 



 

Das ist bitter, doch teilt Stefan Moses’, vom Twen-Grafiker Willy Fleckhaus gestaltetes Buch damit den Unverstand, der das Aufklärungsbuch „Zeig mal“ des ebenfalls mit Fleckhaus verbundenen Will McBride zensiert. Aber ein Nachruf soll nicht mit einem Hinweis auf die gegenwärtig besonders eifernden und geifernden, #MeToo vorsätzlich missverstehenden Hysteriker(innen) – erinnert sei hier nur an Gomringers „Avenidas“ – enden, sondern stattdessen Sachkompetenz das Schlusswort geben, nämlich dem gleichfalls verstorbenen Lese- und auch sonst anregende Typografen Hans Peter Willberg. Dieser zählte „Manuel“ zu seinen Lieblingsbüchern und schrieb dazu 2000 in „Typolemik/Typophilie“: „[…] von diesem Buch habe ich gelernt, wie man mit Bildern erzählen kann, wie Bilder sich auf der Seite ergänzen und steigern können und von Seite zu Seite weiterführen durch die Stunden und Tage des Lebens des Jungen.

Es ist merkwürdig. Die Seiten wirken, als ob sie nach freien choreografischen Rhythmen inszeniert seien. Dabei folgen sie einem einfachen Raster, drei Flächen in der Breite, drei Flächen in der Höhe, außen herum ein weißer, zusammenfassender Rand, daraus ergeben sich die kleinen und die größeren Formate. Das stimmt nicht ganz: Manche Bilder reichen bis zum Seitenrand, manche gehen sogar ohne äußeren weißen Rand über die Doppelseite; Fleckhaus geht nicht doktrinär mit seinem Raster um, wenn es die Bilder anders verlangen. Wenn man aber in diesem Buch blättert, merkt man nichts von einem Raster, die Bilder schauen einen an, als ob es kein Schema gäbe, dem sie sich fügen müssen.

Man kann diese Bilder nicht einfach ansehen, man muss sie miterleben. Ich habe noch keinen gesehen, dem nicht das Lächeln kam bei diesem Buch.“



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