3. Mai 2014

News
Simon Mager.
Form follows Sound

 

Gibt es Parallelen zwischen Musik und Grafikdesign? Kann Sound als Inspirationsquelle für Gestalter dienen? Wie lassen sich musikalischen Techniken und Strukturen auf eine visuelle Ebene transferieren? Mit diesen Fragen setzt sich Simon Mager in seiner Bachelorarbeit „Form follows Sound“ auseinander, die im Studiengang Visuelle Kommunikation an der Hochschule Pforzheim entstanden ist. Wir haben mit ihm über seine Nachforschungen und das fertige Buch gesprochen.



 

Wie bist Du zum Thema Deiner Bachelorarbeit gekommen? Spielen Musik und Sound schon länger eine Rolle in Deinen Gestaltungsprozessen?

 

Ich beschäftige mich seit meiner Jugend mit Musik und Musikproduktion. Es war nicht zuletzt das Cover einer Schallplatte, das mein Interesse für Grafikdesign geweckt hat. Musik und vor allem experimentelle elektronische Musik war immer wieder Gegenstand meiner gestalterischen Arbeit, sodass es für mich ein logischer Schritt war, mich mit dem Thema in meiner Abschlussarbeit auseinanderzusetzen. In meiner Bachelorthesis ging es mir darum, die zahlreichen Analogien zwischen Musik und Gestaltung herauszuarbeiten und meine beiden Interessensgebiete zu verknüpfen.

 

Der Titel „Form follows Sound“ suggeriert, dass Gehörtes die Arbeit als Gestalter beeinflusst oder sogar bestimmt. Zu welchem Ergebnis bist Du gekommen?

 

Mit dem Titel sollte die Methodik hinter der Arbeit unterstrichen werden, Klang und Musik mit seinen Eigenschaften und Techniken auf den Gestaltungsprozess zu übertragen. Die Publikation kann insofern auch als gestalterische Grundlagenarbeit verstanden werden. Hinter dieser Vorgehensweise stecken auch systemische oder programmatische Gestaltungsansätze, wie sie beispielsweise von Karl Gerstner in seinem Buch „Programme entwerfen“ thematisiert wurden. Durch die intensive Auseinandersetzung mit dem System Musik ließen sich eine Vielzahl an Gestaltungsmitteln ableiten (z.B. Kompositionsmethoden oder Techniken), welche sämtliche formalen Entscheidungen unmittelbar beeinflussten. Von der Typografie über die Bildsprache bis zum Gestaltungsraster, welches auf den Proportionen der Obertonreihe basiert, war Musik der Ausgangspunkt des Kreativprozesses.

 

Mit welchen Methoden visualisierst Du Sound in Deiner Arbeit?

 

Die reine Visualisierung von Klang im Sinne der „Visual Music“, wie sie von Pionieren wie Oskar Fischinger, Len Lye und anderen untersucht wurden, war eher Grundlage meiner theoretischen Auseinandersetzungen und nicht der zentrale Punkt des praktischen Teils meiner Arbeit.

Mir war es wichtig, ein breites Spektrum an Möglichkeiten der Übertragungen von musikalischen Parametern auf Gestaltung aufzuzeigen. So beschäftigte ich mich beispielsweise mit der Übertragung von Rhythmus auf visuelle Strukturen und experimentierte unter anderem mit Steve Reichs Kompositionstechnik des „Phasing“, also der graduellen Verschiebung zweier identischer Rhythmen. Diese übertrug ich auf das Phänomen der Moirebildung, die bei der Verschiebung zweier Pattern entsteht. Des Weiteren wandte ich durch einen einfachen Trick musikalische Effekte (Echo, Hall oder Glitches) zur Bildbearbeitung von Fotografien an und konnte diese musikalischen Phänomene in abstrakten Bildwelten sichtbar machen. Bei Arbeiten zum Thema „Sampling“ übertrug ich die Technik auf eine Serie von Collage-Arbeiten, die nicht in erster Linie Klang sichtbar machen, sondern sich der musikalischen Kompositionsmethode bedienen.

 

Wie hängt die Schrift Sonica mit Sound zusammen?

 

Ich habe schon früh in meinem Rechercheprozess Analogien zwischen lateinischer Schrift und Notenschrift analysiert. Beide kann man auch als visualisierten oder symbolisierten Klang – also Sprache und Musik – betrachten. Bei meinen Recherchen stieß ich auf das Buch „Das Schriftbild der Neuen Musik“ von Erhard Korkoschka, ein Buch, das auf umfassende Weise die Notationszeichen von Komponisten der Neuen Musik, wie beispielsweise Karlheinz Stockhausen, aufzeigt. Viele dieser Zeichen wurden für die spezifischen Anforderungen der Komponisten gezeichnet und sind nicht mehr im allgemeinen Gebrauch.

Die Schrift Sonica ist auf der Grundlage dieser Zeichen entstanden. Dabei bediente ich mich der verschiedenster Notationszeichen und kategorisierte sie nach ihrer formalen Ähnlichkeit zu lateinischen Buchstaben. Danach vervollständigte ich den Versalzeichensatz um fehlende Zeichen sowie die Minuskeln. Die Schrift besteht aus zwei Schnitten: Einem Headline Versalschnitt, welcher sämtliche Notationszeichen und Alternates beinhaltet, sowie einem Fließtext Schnitt, welcher für den Theorieteil der Arbeit verwendet wurde. Im Zuge meiner Recherche experimentierte ich auch mit einem Freund und Programmierer mit den Möglichkeiten der Zeichenbildung auf Basis der Phonetik, also des Lautbildes eines Buchstabens. Dieses Projekt ist allerdings noch im Prozess und wird noch etwas Zeit in Anspruch nehmen.

 

Warum hast du Dich bei Deiner Arbeit über Sound für ein vollkommen stummes Medium, das Buch, entschieden?

 

Mir war es bei der Wahl des Mediums wichtig, mich bewusst von den „klassischen“ dynamischen Medien wie Film oder Multimedia abzugrenzen. Dies hat zwei Gründe: Zum einen war die zentrale Fragestellung meiner Arbeit nicht wie Sound visualisiert werden kann, sondern – wie bereits erwähnt – die systematische Übertragung von Musik und seinen verschiedenen Parametern auf Techniken der Gestaltung. Das heißt mir war es wichtig, dass ich über das Medium meine theoretischen und praktischen Untersuchungen vermitteln kann. Zum anderen wollte ich den gestalterischen Fokus ganz klar auf das visuelle Ergebnis dieser transdisziplinären Herangehensweise legen, bei der Klang eher als Ausgangspunkt oder Inspirationspool diente und dadurch die Rolle eines Designtools einnahm. Die Printpublikation dokumentiert insofern meine theoretischen und gestalterischen Ausführungen zum Thema.

 

Inwiefern kann es als Gestalter von Vorteil sein, die Wahrnehmung verschiedener Sinne zu berücksichtigen, um Inhalte zu kommunizieren?

 

Meiner Meinung nach ist diese Fragestellung grundlegend für den Gestaltungsprozess, sowie für das formale Ergebnis und dessen Rezeption. Zumindest jedes analoge Medium hat eine immanente multisensorische Dimension. Nehmen wir beispielsweise ein Buch, welches neben visuellen Eigenschaften wie Gestaltung, Format etc. auch haptische, akustische und olfaktorische Eigenschaften hat. Ein bedeutender Teil der Wertigkeit eines Printproduktes wird sehr subtil über dessen sensorische Eigenschaften vermittelt. Ich rieche beispielsweise intuitiv an jedem Printobjekt, das ich in die Hände bekomme. Papier kann darüber hinaus auch über haptische und farbliche Eigenschaften zur Gliederung und Strukturierung von Inhalten dienen.

Ein weiterer entscheidender Punkt ist die Singularisierung der Sinne, also die Fokussierung auf nur einen Sinnesbereich, die eigentlich erst durch die Medialisierung von Information möglich geworden ist. Durch die Fotografie zum Beispiel ist erst eine Trennung von Bild und Ton in der Form möglich geworden und bietet allerlei Möglichkeiten der Manipulation. Bei einer Fotoserie in der Publikation habe ich eingefrorene Momente von Geräuschhandlungen, wie beispielsweise fallenden Tischtennisbällen festgehalten, die beim Betrachter eine klangliche Vorstellung verursachen. Bilder können also auch Klang evozieren, ohne dass dieser tatsächlich abgespielt wird.

Darüber hinaus beeinflussen sich Bild und Ton gegenseitig und können die Narration und die Wahrnehmung beim Betrachter grundlegend verändern oder sogar Inhalte verfälschen. Man denke an Filmsynchronisationen und Musik, die ein und dasselbe Video in völlig unterschiedlichem Licht erscheinen lassen. Von der Bedeutung des Sounddesigns im Bereich Produkt oder Transportation Design ganz zu schweigen.

Shop

Nº 274
Identity

form Design Magazine


Grid one form 274 cover 1200 Jetzt bestellen

Kontakt

Verlag form GmbH & Co. KG
Wildunger Straße 8
60487 Frankfurt am Main
Germany

T +49 69 153 269 430
F +49 69 153 269 431
form@form.de

Leserservice

Fragen zur Abonnementrechnung, zum Abonnementangebot oder Adressänderung?

T +49 69 153 269 438
F +49 69 153 269 439
leserservice@form.de

Newsletter

Melden Sie sich jetzt an, um an exklusiven Ticketverlosungen teilzunehmen, monatliche Neuigkeiten zum Magazin zu erhalten und über aktuelle Design-Events und -Publikationen informiert zu werden.

Anmelden

Design Magazine
Established 1957

 

 
form.de