Interview mit Maria Guta
und Larissa Kasper: Solarnet

zurück zur Übersicht


Wie sieht der Mensch in naher Zukunft aus? Wie definiert sich seine Lebensform? Und vor allem, welche Rolle spielt Technik in diesem Zusammenhang? Über das Morgen und das Übermorgen haben sich die Menschen seit jeher Gedanken gemacht. In Science-Fiction-Romanen, -Comics oder -Filmen konstruieren sie ein mögliches Bild ihrer Wünsche, Ideen oder gar Dystopien. In form 266, die am 16. Juni 2016 erscheint, widmen wir uns insbesondere den Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine, die mittlerweile Teil unserer Normalität geworden sind, reflektieren prothetische Erweiterungen des Körpers und setzen uns mit der Thematik der Fiktion auseinander, die sich in der Gestaltung seit einigen Jahren als eigene Disziplin versteht. Spekulatives Design ist auch ein Mittel, dem sich die rumänische Künstlerin Maria Guta und die Schweizer Grafikdesignerin Larissa Kasper mit ihrem Projekt „Solarnet“ bedient haben. Sie stellten uns bereits ein Motiv daraus als Preview für unsere kommende Ausgabe „Man/Machine“ zur Verfügung. Hier berichten Sie über die Hintergründe ihrer Publikation, die im Sommer 2015 fertig gestellt wurde und die sie aktuell einem Redesign unterziehen. Maria Guta hat uns in diesem Zusammenhang einige Fragen beantwortet.




Welche Idee steckt hinter „Solarnet“?

 

Wir verstehen „Solarnet“ als eine Art Landkarte der Reise des Selbst. Wir wollen damit die endlosen Möglichkeiten des menschlichen Wesens in der heutigen Zeit, verschiedenen Identitäten zu leben, in andere Rollen zu schlüpfen und in Parallelwelten zu agieren, die sich auf der Grenze zwischen Cosplay und virtueller Realität bewegen, ergründen. Es ist möglich durch die Zeit zu reisen, die Hautfarbe zu ändern oder sich von einem Ort zu einem anderen zu teleportieren. Im virtuellen Raum ist alles möglich.

 Unsere Geschichte spielt irgendwo zwischen dem Jahr 2086 und gestern. Die Welt ist eine undurchschaubare Dystopie, in der alle Erinnerungen an die Vergangenheit ausgelöscht wurden und Nostalgie als schlimmste Straftat gilt. Die einzige Chance diesem Szenario zu entkommen, ist eine virtuelle Realität, „Solarnet“ genannt. Ein privates Netzwerk, ein Art Nachfolger des Darknets, das dafür genutzt wird, Erinnerungen aus der vergangenen Welt zu teilen, die von der Regierung einst verbannt wurden. Zurückgeführt auf ein innerhalb des Szenarios vergessenes Medium, das Buch, wurde dieses als eine Art taktiler und mobiler Ausstellungsort gewählt, um das Phänomen der Selbstrepräsentation zu hinterfragen. Dabei verschmelzen die Rolle von Autor und Subjekt.

 

 

In welchem Kontext ist das Projekt entstanden?

 

Wir haben uns während unseres Masters im Bereich der Artdirektion an der ECAL in Lausanne kennen gelernt. Irgendwann im Laufe unseres letzten Semesters, sollte eine Vorpräsentation unserer Abschlussprojekte stattfinden, um in groben Zügen zu erklären, was wir für diese planen. Am Vorabend dieser Präsentation entdeckten wir im Bücherregal meines Mitbewohners eine Serie alter Magazine namens Plexus: eine Mischung aus Science-Fiction, Erotik und Humor, entstanden in den 1960er-Jahren. Diese Hefte erweckten unsere Aufmerksamkeit und bezauberten uns vollkommen. Wir standen schon etwas länger darüber im Austausch, ein gemeinsames Projekt zu starten und etwa 15 Minuten nach unserer Entdeckung entschlossen wir uns schließlich, unsere ursprünglichen Ideen zu verwerfen und stattdessen gemeinsam eine von Plexus inspirierte Publikation zu entwickeln. Die Anfangsidee war es, ebenfalls ein Magazin zu gestalten, vielleicht sogar ein Revival des ursprünglichen. Doch nach einigen Gesprächen, Brainstormings und Recherchen zum Thema Science-Fiction, Genderthematiken, Transhumanismus und Erotik, entwickelte sich die Idee eines Szenarios. Es entstand eine Geschichte, aus der ein Buch werden sollte.

 

 

Kannst du uns etwas über euren Ausbildungshintergrund erzählen?

 

Ich wurde 1983 in Rumänien geboren und studierte an der National University of Arts Bucharest Grafikdesign. Vor fünf Jahren zog ich in die Westschweiz und begann dort meinen Master in Artdirektion an der ECAL, wo ich auch Larissa kennenlernte. Wir haben dort beide letzten Sommer unseren Abschluss gemacht. Larissa ist 1986 in der Schweiz geboren und studierte an der ZHDK visuelle Kommunikation. Sie ist Mitbegründerin des Studios Kasper Florio in St. Gallen, das 2013 ins Leben gerufen wurde.

 

 

Wie waren Eure Arbeitsabläufe und wie habt ihr diese unter euch aufgeteilt?

 

Für uns war es ein sehr spannender Prozess und eine interessante Zusammenarbeit. Wir sind eng befreundet und teilen generell viele gemeinsame Ideen und Visionen. Was das Ästhetische betrifft, so hat jede ihre eigene Herangehensweise; hier sind wir sehr verschieden. Es war tatsächlich eine Herausforderung, die Ergebnisse dieser beiden Stile miteinander zu vereinbaren, aber wir kamen am Ende immer auf einen gemeinsamen Nenner und es war viel mehr als ein zufrieden stellender „Kompromiss“. Auch wenn in der Theorie eine von uns für das Grafikdesign und die andere für die Fotografie zuständig war – am Ende war alles zu 100 Prozent Teamarbeit. Zunächst verfassten wir die Geschichte und überlegten uns die verschiedenen Bildebenen. Ich war „verantwortlich“ für die Konstruktion aller Charaktere und deren Inszenierung. Allerdings besprach ich alles zunächst mit Larissa. Als Konsequenz zu einigen meiner vorangegangenen Projekte und ebenso logisch in unserem Kontext, entschieden wir uns, dass ich alle Charaktere selbst spielen sollte, sodass ich auch ein bisschen schauspielern musste (was, natürlich, einer der unterhaltsamsten Teile des Prozesses war). Während ich vor der Kamera stand, war oft Assistenz beim Fotografieren von Nöten. Neben Eric LoizzoErwan Frotin und Laurence Kubski, kam die meiste Hilfe von Larissa. Was die grafische Ausgestaltung anging, diskutierten wir gemeinsam unsere Ideen, alles andere war Larissas Werk.




Welche Idee steht hinter dem Logo auf eurem Buchtitel?

 

Die Schrift, die wir durch das gesamte Buch hinweg nutzen, nennt sich Monument Grotesk und wurde von Larissa während ihres Studiums an der ECAL entwickelt. Für den Titel rekonstruierte sie eine alte Logografik, bestehend aus drei Delfinen, die sie in einem alten Buch entdeckt hatte. Daraus entstanden Sonderzeichen. Für uns war es reizvoll, auf Dinge zurückzugreifen, die eines Tages mit sehr viel Sorgfalt entwickelt wurden, inzwischen aber in Vergessenheit geraten waren und über Jahrzehnte ungenutzt blieben. Der Delfin ist ein Symbol für Dualität. Er steht für Fisch und Säugetier, das im Wasser lebt, aber Luft zum Atmen benötigt. Er vereint sozusagen zwei Welten in sich. Altertümliche Geschichten über die See verweisen oft auf Delfine, die sich in Meerjungfrauen verwandeln. So entstand für uns eine spannende Verbindung.

 

 

Enthält Eure Publikation nur inszenierte Fotografie?

 

Man kann die Fotografien in zwei Sektionen teilen: Eine Zahl an Selbstportraits und Motive zu „Parallel World Tourism“, die aus Landschaftsaufnahmen bestehen.

Die Bilder der ersten Kategorie sind zu 99 Prozent gestellte Aufnahmen, abgesehen von den Studioaufnahmen, die auch Zufälligkeit mit ins Spiel bringen. Manchmal habe ich mich auch entsprechend gekleidet und ging so in der Stadt spazieren, bis es an einer Stelle „Klick“ gemacht hat und ich mich so spontan für eine Location entschieden habe. In manchen Fällen ergaben sich unterhaltsame Interaktionen mit Personen, die zufällig am gleichen Ort waren, und so auf meine Rolle reagierten. Wir waren immer glücklich über solche Interventionen, die auf diese Weise eine weitere Ebene in unsere Geschichte brachten. Die Landschaftsaufnahmen hingegen waren in den meisten Fällen ungeplanter Natur, mit einigen wenigen Ausnahmen. In der Regel bewegten wir uns in einem bestimmten Land oder einer bestimmten Stadt, bis uns etwas begegnete, das uns zum Anhalten bewegte.

 

 

Wie kam es zu der Entscheidung das Buch neu aufzulegen?

 

Das erste Mal präsentierten wir das Buch im Hochschulkontext. Was die Umsetzung betraf, entschieden wir uns zunächst für eine bestimmte Form von (manueller) Buchbindung sowie für einige ausgefallene (sowie teure) Veredlungen, die für jeden einzelne Ausgabe (sie wurden handgefertigt) viel Zeit in Anspruch nahmen, sodass wir am Ende nur eine sehr limitierte Menge an Büchern produzieren ließen.

Nach unserem Abschluss, wurden wir oft nach dem Buch gefragt, Leute waren neugierig es zu sehen oder wollten selbst ein Exemplar davon haben. Deshalb entschieden wir uns für eine „echte“ Veröffentlichung. Aber nicht einfach, indem das exakt gleiche Material neu aufgelegt werden sollte. Für uns ist „Solarnet“ eine sehr persönliche Erfahrung, es ist das Ergebnis einer Reise (oder einiger Reisen) die wir zusammen oder getrennt voneinander unternahmen. Wortwörtlich und bildlich gesprochen. Seit letztem Sommer, als wir die erste Version des Buches fertig stellten, sind wir sozusagen weitergereist. Unvermeidbar entstanden so neue Ideen und Bilder und es fühlte sich mehr als natürlich an, diese den bereits existierenden hinzuzufügen. Deshalb nennen wir es Re-Editierung. Wir werden vermutlich den Großteil der Basisstruktur beibehalten, was Idee und Stimmung betrifft. Allerdings werden wir einige neue „Erfahrungen“ hinzufügen. „Solarnet“ kann als ständiger Arbeit im Prozess betrachtet werden, sie folgt sozusagen unserer persönlichen Evolution auf der einen Seite und der unserer Gesellschaft auf der anderen Seite, sodass das Projekt ständig weiter wachsen wird. Wir sind jetzt schon gespannt, wie die Arbeit in, sagen wir zehn Jahren aussehen wird. Vielleicht kann „Solarnet“ zu dieser Plattform werden, die uns erlaubt, in der Zeit zu reisen, in die Haut eines anderen zu schlüpfen und von einem Ort zum anderen zu gelangen.


Shop

Nº 273
Designing Protest

form Design Magazine


Grid one form273 cover 1200 Jetzt bestellen
Dossier
Ethik, Spekulatives Design
Jahr
2016
Disziplin
Fotografie, Grafikdesign, Kommunikationsdesign
Ausgabe
form Nº 266 (hidden)
Links
kasper-florio.ch
mariaguta.com

Text: Carolin Blöink