14. November 2017

News

SOS Brutalismus.
Rettet die Betonmonster

Text: Jörg Stürzebecher

Deutsches Architekturmuseum Frankfurt

– 2. April 2017

dam-online.de

 

„Schade, daß Beton nicht brennt“ schrieben Mitte der 1970er Jahre antiautoritäre Linke an Toilettenwände, die Bauwirtschaft entgegnete mit „Beton: Es kommt drauf an, was man draus macht“.



 

Nicht dem Material, aber mit ihm untrennbar verbundenen Gebäuden widmet das DAM nun in Zusammenarbeit mit der dem Erhalt wichtiger Baudenkmäler verpflichteten Wüstenrot-Stiftung eine fast fünf Monate währende Schau zur Architektur vor allem der 1960er und 1970er Jahre. Expressive und oft monumentale Solitäre weltweit auf Fotografien und in Modellen – groß in Karton und klein sinnigerweise in Beton als eine Art Bausteinreihe, gefertigt von Studierenden der TU Kaiserslautern – zeigen Kirchen und Stadthäuser, Universitäten und Wohnhäuser. Einzig Großsiedlungen, für die der DAM-Gründer Heinrich Klotz seinerzeit das Schlagwort „Bauwirtschaftsfunktionalismus“ prägte, entziehen sich aufgrund ihrer Dimensionen dem Ausstellungskonzept, obgleich gerade sie ohne das frei formbare Material, dass in ihnen als Großplatte oder Bausystemteil zum Einsatz kommt, nicht zu realisieren gewesen wären. Doch es geht ja auch nicht um Beton, sondern eben um Brutalismus.

Was damit aber gemeint ist, vermittelt die Ausstellung mit zunehmend einengendem Blick. Dabei stimmt die Ausstellungsinszenierung und Projektdefinition zunächst heiter, mit einer Flasche Schaumwein „brut“. „Trocken“ würde man das wohl übersetzen, und den in der Nachkriegszeit von Le Corbusier verwendeten „Beton brut“ eben mit „Roh“-, also unbearbeitetem, die Schalung sichtbar lassendem Beton bzw., heute geläufig, mit „Sichtbeton“. Am Anfang des Brutalismus steht denn eben auch keine lastende Architektur, sondern ein leichter Stahlbau mit Ziegelausfachung, in dem es vor allem eines nicht gab: Verkleidungen. Selbst die Abwässer der Waschbecken flossen nicht in Rohre, sondern über Schläuche in eine Rinne: offene Strukturen allerorten. Funktion statt Plastizität, Offenheit statt Abgrenzung, so beginnt mit den Briten Alison und Peter Smithson und ihrer Hunstanton School also der Brutalismus, und es ist bezeichnend, dass sich die Smithsons vorher mit der Vorgängergeneration – Mies van der Rohe und Le Corbusier – und gleichzeitig intensiv mit zwei etwas älteren Architekten und ihrer Arbeit befassten, deren wichtigste Gebäude etwa gleichzeitig mit Hunstanton entstanden: Mit dem Wohnhaus von Charles und Ray Eames (1949) und der HfG Ulm von Max Bill (1955). Hier wie dort ging es um – zumindest den Möglichkeiten nach – Variabilität und Flexibilität, um Vorfabrikation und Reduktion. Bekanntermaßen verwendeten die Smithsons denn auch erstmals den Begriff Brutalismus im Sinne des Sichtbaren, Offenen, mit einem subtilen Hinweis auf Peter Smithson, der aufgrund seiner spärlichen Haare den Spitznamen „Brutus“ trug. Doch bleiben die Smithsons, auch wenn die gerade abgerissenen Wohneinheiten der Robin Hood Gardens in London mit einem Großmodell geehrt werden, für die Ausstellung Episode; ihre Bauten für die Firma Tecta und ihren langjährigen Leiter Axel Bruchhäuser, leichte Konstruktionen auch hier, unberücksichtigt. Denn was bei den Smithsons Haltung war, erfährt durch den Kritiker Reyner Banham eine nicht beabsichtigte Änderung hin zu Stil und Material, zu dem eben der Beton Brut gehört. Brutalismus steht so in der Nachfolge von Le Corbusier, und Banhams begriffsbildendes Buch „Brutalismus in der Architektur“ bildet nicht zufällig die Berner Siedlung Halen des Atelier 5 auf dem Schutzumschlag ab, ein einflussreiches Modell, Corbusiers Habitations in horizontale Terrasseneinheiten mit enormer Lebensqualität ohne Gigantomanie umzuarbeiten. Der einseitigen Interpretation Banhams, Brutalismus weitgehend als signifikante Betonarchitektur in Opposition zu den Glaskuben der klassischen Moderne zu begreifen, folgt nun die Ausstellung.

 



 

Für diese wirbt plakativ der Slogan „Rettet die Betonmonster“, eine Aufforderung, die in Frankfurt für den AfE-Turm, das Technische Rathaus und das Historische Museum nachweislich zu spät kommt. Doch hat die Schau internationalen Anspruch, zeigt Beispiele aus Israel wie dem Irak, aus Brasilien und Australien ebenso wie aus Nordamerika oder der ehemaligen Sowjetunion. Diesen Betonbrutalismus – sogar der Doyen der deutschen Architekturkritik, Wolfgang Pehnt, hat auf der Pressekonferenz betont, viele Bauten seien nun einmal entsprechend des deutschen Sprachgebrauchs „brutal“ und damit die semantische Unklarheit repetiert – vorzustellen, gelingt der von Oliver Elser kuratierten Schau hervorragend, und ist damit auf der Höhe der Zeit. Denn Publikationen, Veranstaltungen und Initiativen zu dieser noch vor zwanzig Jahren verhassten Architektur gibt es reichlich, Anfang des Jahres etwa im Vitra Design-Museum die in Großbritannien organisierte Schau „The Brutalist Playground“ über Spielplätze der 1960er Jahre. Wer, wie der Autor, in dieser Zeit aufwuchs, erinnert sich in diesem Zusammenhang allerdings vor allem an ständig nach Urin riechende Waschbetonröhren, sicherlich Deformationen ursprünglicher Architekturideen, aber eben auch Manifestationen, die nachhaltig prägten und den Anfangs zitierten Toilettenspruch verstehen ließen. Doch das ist Geschichte. Gegenwärtig ist es schick, Betonbrutalismus zu mögen, die Schau trägt dem Rechnung. So ist Fritz Wotrubas Dreifaltigkeitskirche mittlerweile beliebte Kulisse hedonistischer Modefotografie. Auch ermuntert die Ausstellung dazu, vor Bauten der Epoche ein Selfie zu machen, dem DAM Postkarten vorgeblich brutalistischer Bauten oder gar Fotos selbstentdeckter brutalistischer Artefakte zuzusenden, die dann ausgestellt werden. Das Museum wird so zum dreidimensionalen Blog, in dem vorgeblich individuelle Position oder Unkonventionalität zeitgeistige Konventionalität verdeckt, das DAM zum Treffpunkt narzisstischer Hipster.

Noch einige Sätze zum zweibändigen Katalog: Dieser ist zum einen von erstaunlicher Aktualität, wenn etwa die Folgen des Hurrikans Harvey auf das Alley Theatre in Houston genannt werden. Auch ist das Einband des braungrauen Roh(!)-Leinenbandes „SOS Brutalismus“ als Hommage an Banham, das Thema und die Gestaltung des Vorbildbuches gleichermaßen wirklich gelungen. Ob es allerdings eine gute Wahl der Gestalter Rahlwes.Pietz war, die Hybrid-Groteskschrift „Replica“ zu wählen, bei der man bei jeder „4“ oder den „f-“Ligaturen stockt, weil ein Formfehler oder Exzentrik vorzuliegen scheinen, ist fraglich. Auch ob die Lektüre des ein Berliner Wüstenrot-Symposion 2012 dokumentierenden Bandes „Brutalismus“ dadurch erleichtert wird, dass man zum Nachschlagen ständig auf das Gesamtregister im zweiten Band zurückgreifen muss, ist zweifelhaft. Doch tut dies dem Inhalt der differenzierter als die Ausstellung auf das Thema eingehenden Aufsätze glücklicherweise keinen Abbruch. Denn sicherlich kann der unbedingt empfehlenswerte Doppelband als Standardwerk für viele Jahre angesehen werden.

 

Deutsches Architekturmuseum www.dam-online.de , bis 2. April, der zweibändige Katalog kostet im Museum € 59,- im Buchhandel € 68,-

 

Jörg Stürzebecher

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