Studio Sebastian Herkner

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Kurze Produktzyklen, schnell wechselnde Kollektionen und hohe Margen. Die stetige Optimierung von Kosten gibt es längst nicht mehr nur in der Modebranche, sondern findet sich in den vergangenen Jahren auch vermehrt in der Möbelindustrie wieder. So werden Produkte zwar für eine breite Masse erschwinglich, aber nicht nur die Qualität leidet, sondern auch Arbeitsplätze und Traditionen gehen verloren. Der Designer Sebastian Herkner möchte Design auf eine Weise für eine breite Zielgruppe zugänglich machen, die diesen Entwicklungen entgegenwirkt. Er setzt dabei auf traditionelle Handwerkstechniken und das In-Szene-Setzen von Materialität, Farbe und Form. Auf der IMM 2016 in Köln erhält Herkner als Guest of Honour mit seinem Entwurf für „Das Haus“ die Möglichkeit, seine Ideen einem internationalen Publikum zu präsentieren und den Diskurs anzuregen. Im persönlichen Gespräch wollten wir wissen, was ihm bei seiner Arbeit besonders wichtig ist und wie er aktuelle Entwicklungen in der Möbelbranche beurteilt.




Bereits 2006, ein Jahr vor seinem Abschluss an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, hatte Herkner sich als Produktdesigner mit eigenem Studio selbstständig gemacht. Schon früh hat er sich dabei auf die Arbeit mit traditionellen Handwerkstechniken und die Inszenierung von Materialität konzentriert und realisiert so Möbel, Leuchten, Produkte, Räume und Installationen, die sich durch Authentizität und Handarbeit auszeichnen und mit fortschreitendem Alter an Wertigkeit gewinnen. Hierfür sei es wichtig, dem Verbraucher ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie ein Produkt hergestellt wird, welche Arbeitsschritte nötig sind, wie sich das Material im Laufe des Prozesses verändert und dass es sich dabei keinesfalls um maschinell gefertigte Massenware handelt: Herkner beschreibt diesen Prozess als Story- oder Crafttelling. Jedes Produkt erzählt immer auch die Geschichte seiner Produktion. Wenn der Designer mit einem neuen Projekt beginnt, ist es für ihn selbstverständlich sich mit dem Auftraggeber, dem Material und den gegebenen Produktionsmöglichkeiten auseinanderzusetzen, „um zu verstehen, woher [die Firma] kommt und hinter die Kulissen zu schauen. Ich versuche nicht nur die Chefs zu treffen, sondern vor allem die Menschen dahinter, die Handwerker beispielsweise, die genauso wichtig sind.“




Mittlerweile arbeitet Herkner mit seinem dreiköpfigen Team an bis zu 20 Projekten gleichzeitig. Qualität spielt dabei eine zentrale Rolle, und die „zeichnet sich in erster Linie durch Materialität aus“, so Herkner. Er sieht seine Produkte keinesfalls als Artefakte einer Wegwerfkultur, sondern – im Gegenteil – als lebenslange Begleiter. Der Reiz liege darin, Menschen wieder Zugang zu handwerklichen Techniken und traditionellen Materialien zu ermöglichen und gleichzeitig einen sozialen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten: durch den Erhalt von Arbeitsplätzen und Produktionsstätten oder die Sensibilisierung für Kultur und Tradition. Dabei beschränkt sich seine Arbeit längst nicht mehr nur auf Aufträge in Deutschland, sondern umfasst auch Projekte in Kolumbien oder Afrika. Herkner sorgt dafür, dass „den Menschen, ihrem Können und ihren Traditionen Respekt und Interesse [gezollt wird]. Ich versuche [ihre Techniken] zu transformieren, zu übersetzen, in ein zeitgenössisches, europäisches Design – oder zumindest [eines] mit meiner Handschrift.“ Dabei geht es ihm weniger um aktuelle Trends, sondern darum, den eigenen Überzeugungen gerecht zu werden: „Es ist nicht nur für junge Designer, sondern generell wichtig eine eigene Handschrift, eine unabhängige Haltung zu entwickeln. Für mich sind eben Materialien und der Produktionsort sehr wichtig.“ Die Inspiration für neue Projekte bezieht Herkner aus unterschiedlichen Situationen und Bereichen – im Alltag, auf Messen oder auf seinen zahlreichen Reisen. „Die Arbeit im Rahmen von Handwerksprojekten, wie etwa in Kolumbien, ist kein großer Trend. Hier geht es darum, eine soziale Komponente zu integrieren und Handwerksbetriebe zu unterstützen. Das macht Spaß und man lernt durch den Austausch mit anderen Kulturen und dem Handwerk sehr viel.“




Das Interesse an anderen Kulturen und am Austausch mit Anderen findet sich auch in Herkners Entwurf für die IMM im Januar 2016 wieder. Bei Messen geht es vor allem ums Networken. Man findet Inspiration, sieht neue Produkte, „trifft Bekannte und Freunde und hat eine gute Zeit, aber man kommt auch mit Firmen in Kontakt, was auf andere Weise gar nicht möglich wäre.“ Sein Entwurf vereint diese Elemente: Materialität, soziale Verantwortung, Networking. Das übergreifende Thema ist Offenheit und Gastfreundschaft. Herkner möchte etwas von der Gastfreundschaft zurückgeben, die er während seiner Reisen erfahren hat. Vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingsthematik scheint es ein guter Zeitpunkt für jeden von uns, erneut darüber nachzudenken, wie wir mit Fremden und anderen Kulturen umgehen. So gliedert sich „Das Haus“ zwar in traditionelle Räume wie Wohn- und Schlafzimmer, Küche und Bad, präsentiert aber auch ein hohes Maß an Transparenz und ermöglicht mittels verschiedener Blickachsen ein Durchwandern ohne Türen oder feste Wände, bis man letztlich den Kern, den zentralen Treffpunkt, erreicht, der zum Austausch und zur Interaktion einladen soll – auch mit Herkner selbst. „Ich finde, als Designer, ob in der Möbelbranche [oder in anderen Bereichen] tätig, hat man die Verantwortung, dass alles so abläuft, als wäre es vor der eignen Haustür produziert worden.“


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Nº 273
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Dossier
Handwerk, Material
Jahr
2016
Disziplin
Produktdesign, Textildesign
Ausgabe
form Nº 263 (hidden)
Links
imm-cologne.de
sebastianherkner.com

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Text: Jessica Sicking