23. Mai 2018

News

Nachruf Tom Wolfe
(1930–2018)

Text: Jörg Stürzebecher

Zuerst: er war dagegen. Gegen Bericht ohne Erfahrung, Engagement ohne Risiko, Erzählung ohne Anekdote. Damit hat der amerikanische Schriftsteller – er selbst hätte diese Berufsbezeichnung als nichtssagend zurückgewiesen – gleich mehrfach Konventionen gesprengt, neue Maßstäbe gesetzt und paradoxerweise zugleich alte verteidigt. Begonnen hat dies alles in Reportagen Mitte der 1960er-Jahre, für die Wolfe nicht nur Beobachter, sondern Teilnehmer war, in das Geschehen einbezogen.



 

So hatte er einen Standard geschaffen, der spätestens seit dem zweiten Irakkrieg nicht mehr Neuerung, sondern Konvention markiert. Wolfe hatte begriffen, dass Journalismus auch ein Insidergeschäft sein konnte, wie er etwa in der Demaskierung des liberalen und demokratischen Bürgertums in den USA bewies, dem „Radical Chic“. Damit war Journalismus anders, mit verzögerten Wirkungen bis nach Deutschland, wo Zeitschriften wie Wiener und Tempo in den 1980er-Jahren eben nicht nur Lifestyle in der Nachfolge der Twen betrieben, sondern ohne Empörungsgeste demaskierten – Investigation als Drogenersatz. Bekannt wurde Wolfe im deutschsprachigen Raum durch „Das bonbonfarbene tangerinrot gespritzte Stromlinienbaby“, eine Reportagensammlung, die deutsch 1968 mit einem grafisch zwischen Op und Pop changierenden Umschlag von Werner Rebhuhn erschien; und berüchtigt durch seine Abrechnung mit der architektonischen Moderne „From Bauhaus to Our House“ (deutsch: „Mit dem Bauhaus leben“), einem ebenso ungenauen wie wirkungsmächtigen Pamphlet. Wolfe gab hier der europäischen Moderne – Lieblingshassfigur war Walter Gropius, der „Silberprinz“ –, die ihre wichtigsten Inspirationen aus der Chicago School mit Louis Sullivan und Frank Lloyd Wright bezogen hatte, Schuld an aller Verarmung der Architektur, besonders der nordamerikanischen, lobte Philip Johnsons stillose Prostitution und verzichtete merkwürdigerweise auf die Nennung von Ayn Rand, die teilweise ganz ähnlich vierzig Jahre zuvor schematisch polemisiert hatte. Konsequent feierte er die Sprengung von Pruitt-Igoe in St. Louis, ignorierte zugleich aber die hohe Akzeptanz, die die Bewohner des Detroiter Lafayette Parks von Mies van der Rohe den Wohnungen entgegenbrachten. Unbekümmert opferte er eine differenzierte Sichtweise auf die Moderne und die Tatsache, dass diese nie die von ihm behauptete Dominanz besessen hatte, einem „Das muss man doch sagen können“-Populismus. Unabhängig davon wurde das Bändchen hierzulande als Kritik des „Vulgärfunktionalismus“ und als Manifest der architektonischen Postmoderne rezipiert. Klar war, dass die Verfechter der Moderne, egal ob in Musik, bildender Kunst, Design oder eben Architektur auf Wolfe nicht zählen konnten, doch hatte es dafür je einen Anlass gegeben?



 

Denn immerhin bezieht sich die Moderne auf korrigierbare Positionen im variablen Umfeld; Wolfe arbeitete hingegen an der Stilisierung, oder eben dem typisch amerikanischen Verpacken gewohnter Inhalte in neuer Form, dem Styling. Das praktizierte er und kommentierte es bissig, besonders erfolgreich in seinem Roman „Fegefeuer der Eitelkeiten“, einem Standardwerk öffentlicher Bücherschränke. Persönlich lebte er die Selbststilisierung mit seinen weißen Südstaaten-Anzügen als Manifestation des Nicht-Arbeiten-Müssens mit wechselnder Farbsocken-Akzentuierung, inhaltlich näherte er sich lange vor Donald Trump in seinen Romanen dem „America(ns) first“ an. Für einen bloßen Reaktionär zu intelligent, forderte und erhielt der Dandy bis zuletzt Aufmerksamkeit. Und wurde Stilikone, nicht zuletzt für die deutsche Popliteratur, die aktuell in den Frankfurter Poetikvorlesungen neu gefeiert wird. Auch das eine (vielleicht unbewusste) Hommage an Wolfe.

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