Nº 278
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„Der Rap bringt uns den Raum zurück“

 

Text: Stephan Ott

Das 100-jährige Bauhausjubiläum 2019 wirft seine Schatten voraus. Gleich drei neue Museen entstehen an den historischen Standorten Weimar, Dessau und Berlin; darüber hinaus zeugen bereits in diesem Jahr zahlreiche Ausstellungen, Konferenzen und Publikationen von der hohen Aufmerksamkeit, die das Thema genießt.

Auch der Dokumentarfilm „Vom Bauen der Zukunft – 100 Jahre Bauhaus“ von Niels Bolbrinker und Thomas Tielsch nutzt diese Gunst und nimmt das Jubiläum für eine Spurensuche zum Anlass. Dabei betritt zumindest Bolbrinker kein Neuland, hat er doch bereits zum 80. Jahrestag, 1998, zusammen mit Kerstin Stutterheim den Film „Bauhaus – Mythos der Moderne“ gedreht, der 2009 in neuer Schnittfassung unter dem Titel „Bauhaus – Modell und Mythos“ wiederaufgelegt worden ist.

 

 

In dem aktuellen Film geht es dem Autorenduo Bolbrinker und Tielsch nun weniger um den Mythos des Bauhauses, als vielmehr um die Frage nach dessen Bedeutung für die zeitgenössische Gestaltung, insbesondere das Design, die Architektur und die Stadtplanung. Dennoch sollte bei einem solchen Vorhaben die Verortung im historischen Kontext nicht zu kurz kommen respektive verkürzt dargestellt werden. So müsste, trotz der in einem Film begrenzt zur Verfügung stehenden Zeit, dem problematischen Frauenbild am Bauhaus mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden, als nur in den knappen Sätzen: „Die meisten Schülerinnen wurden von den Bauhausmeistern, auch von Gropius, in die Webereiwerkstatt gedrängt. Marianne Brandt war die einzige, die es in die [von Moholy-Nagy geleitete Metallwerkstatt] geschafft hat. Und dort hat sie großartige Sachen gemacht.“ Zum einen werden solch schlichte Kommentare der Problematik in keiner Weise gerecht – auch in anderen Abteilungen hatten sich Frauen einen Platz erkämpft –, zum anderen sind sie schlicht falsch. So mag Brandt heute die bekannteste Schülerin der Metallwerkstatt gewesen sein, die einzige war sie keineswegs.



 

Mindestens missverständlich ist, wenn Stephen Kovats, als Medienexperte von 1990 bis 1999 immerhin selbst an der Stiftung Bauhaus Dessau tätig, im Gegenschnitt zu historischen Bildern der von Gropius geplanten Reihenhaussiedlung in Dessau-Törten kommentierend in Ernst Neuferts „Bauentwurfslehre“ blättert. Hier wird dem unkundigen Zuschauer eine zeitliche Koinzidenz suggeriert, die so nicht besteht. Zwar war Neufert der leitende Bauingenieur der von 1926 bis 1928 gebauten Siedlung, die erste Auflage seiner (ob der normierten Körperbilder und Bewegungsmuster durchaus kritisch zu betrachtenden) „Bauentwurfslehre“ erschien jedoch erst 1936. Da existierte das Bauhaus bereits seit drei Jahren nicht mehr. Dazu passt, dass dem Film die Umstände und politischen Hintergründe der endgültigen Schließung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 nicht viel mehr als ein lapidarer Off-Kommentar wert sind: „Der neue Direktor war sehr renommiert und politisch indifferent – Ludwig Mies van der Rohe.“

Auch, warum auf das Black Mountain College als US-amerikanisches Pendant des Bauhauses ausführlich eingegangen, die HfG Ulm jedoch mit keinem Wort erwähnt wird, erschließt sich dem Zuschauer nicht. Allein schon personelle Berührungspunkte mit ehemaligen Schülern und Lehrern des Bauhauses, vor allem aber die kritische Auseinandersetzung mit der Vorläuferinstitution lägen thematisch nahe.



 

Nun mag man dem Film zugutehalten, dass es ihm weniger um eine kritische, geschichtliche Einordnung als vielmehr um eine Spurensuche in der Gegenwart geht. Und in dem Versuch, die Bauhaus-Ideen zeitgenössisch zu deuten – eben „Vom Bauen der Zukunft“ zu berichten –, liegen ohne Zweifel auch die Stärken des Films. So legt Torsten Blume, derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bauhaus Dessau, sehr anschaulich die Relevanz der in den Bauhaus-Vorkursen vermittelten Grundlagen von Farbe, Form, Material und Raum dar, auch und gerade für aktuelle Studierendengenerationen. Eine Bereicherung sind auch die tänzerischen und mathematischen Interpretationen des Informatikers, Choreografen und Tänzers Christian Loclair. Wenn sich dieser mit seinem Tanz die Wohnung eines Hauses in der erwähnten Siedlung in Dessau-Törten erschließt, dann vermittelt sich dem Zuschauer deren Praktikabilität sofort, mit den zusätzlich auf das Filmbild gemappten Körper- und Raummaßen ist aber auch unmittelbar die mit dem industrialisierten Bauen einhergehende Enge des Raumes zu spüren.

Über weite Strecken beschäftigt sich der Film mit der Arbeit des 1998 in Caracas, Venezuela, gegründeten, interdisziplinär arbeitenden Designstudios Urban Think Tank. Dessen Expertise besteht darin, Slumbewohnern südamerikanischer Metropolen durch eine behutsam in den Bestand eingefügte Infrastruktur eine Perspektive zu eröffnen. Das geschieht zum einen durch den Bau kleiner, dezentraler Sozialzentren, aber auch durch Rolltreppen und Seilbahnen, die einen bidirektionalen Anschluss an die übrige Stadt herstellen. Ein Konzept, das nicht auf Einplanierung, Vertreibung und Normierung, sondern auf Austausch und gegenseitigen Respekt setzt.



 

Einer seiner überraschendsten Momente gelingt dem Film dann auch in diesem Abschnitt mit dem kurzen Auftritt des kolumbianischen Rappers Reymund. Dieser performt inmitten eines Slums, am Rande einer Hauptverkehrsstraße in Medellín und verdichtet – beiläufig fast – die interdisziplinäre Idee des Bauhauses in einem einzigen Satz: „Ich singe immer noch und lass mir Zeit, denn der Rap bringt uns den Raum zurück.“

Raum, Zeit, Sprache – prägnanter als in diesen Zeilen kann das Potenzial von Gestaltung – das Bauen der Zukunft – kaum formuliert werden. Allein schon dafür gebührt dem Film großes Lob.

Niels Bolbrinker, Thomas Tielsch (Regie)

Vom Bauen der Zukunft – 100 Jahre Bauhaus

Deutsch

Filmtank in Koproduktion mit ZDF/ARTE

94 Minuten

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